Da wir nun schon seit zwei Jahren begeisterte Nutzer der Software von 37signals sind und jeder Neuzugang erstmal eine Basecamp-, Highrise- und Backkpack-Gehirnwäsche verpasst bekommt, habe ich mir das neue Buch der 37signals-Gründer nicht entgehen lassen. „Rework“ von Jason Fried und David Hansson besteht aus 88 kurzen Kapiteln (meist nicht länger als ein bis zwei Seiten), die sozusagen die Essenz der 37signals Philosophie darstellen. Herausgekommen ist ein Buch, das sich schnell liest, aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Gelegentlich hatte ich das Gefühl, am Ende der Seite unterschreiben zu müssen. Außerdem ist der Band auf meiner Lektüre-Wiedervorlageliste gelandet, da es wirklich nicht schaden kann, sich die Ideen daraus in regelmäßigen Abständen bewusst zu machen.
Und was ist jetzt so toll daran? Im Grunde geht es darum, wie man mit guten Ideen, begrenzten Ressourcen und unorthodoxen Methoden eine Menge erreichen kann. 37signals sind dabei selbst ein gutes Beispiel: Mit nur 16 Mitarbeitern, die auf mehreren Kontinenten verstreut arbeiten, erwirtschaftet das Unternehmen jährlich einen Umsatz von mehreren Millionen (ganz genaue Umsatzzahlen werden leider nicht genannt). Da die Produkte (Software as a Service) abgesehen von den Serverkosten extrem gut skalierbar sind, darf wohl von traumhaften Margen ausgegangen werden. Der Reiz von Basecamp & Co. liegt häufig in der Kunst des Weglassens. Die Tools sind so reduziert und intuitiv, dass sie ohne Schulung sofort benutzt werden können und dadurch dann in der Praxis auch tatsächlich benutzt werden und so ihren Wert entfalten. Gekoppelt mit innovativen Abrechnungsmodellen (moderate monatliche Gebühren ohne Mindestlaufzeit) entstehen Produkte, ohne die zumindest wir bei Projecter nur noch schlecht klarkommen würden.
Bleibt die spannende Frage: Was haben die also richtig gemacht? Genau dieser Frage widmet sich „Rework“ thesenhaft. Das Buch ist dabei in die Abschnitte Takedowns (weit verbreitete Fallstricke), Go (einfach mal loslegen), Progress (mit Problemen klarkommen), Productivity (effizienter werden und ausreichend Schlaf bekommen), Competitors (sein eigenes Ding durchziehen), Evolution (was soll aus mir werden?), Promotion (bekannt werden), Hiring (die richtigen Leute finden), Damage Control (es geht garantiert etwas schief) und Culture (kann man nicht erzwingen) unterteilt. Das deckt so ungefähr alle Themenfelder ab, die einem als Gründer schlaflose Nächte bereiten können und gibt auch gleich noch Tips, wie man wieder ausreichend Schlaf bekommt. In vielen Beschreibungen erkennt man sich sofort wieder, fühlt sich gelegentlich ertappt und manchmal auch ein kleines bisschen stolz, wenn man Dinge schon so umsetzt wie beschrieben.
Damit die Überschrift nicht nur ein Teaser bleibt, hier nun ein paar Highlights der aufgestellten Thesen.
„Emulate drug dealers“ – Mach dein Produkt oder deine Dienstleistung so gut, dass sie süchtig machen. Gib deinen Kunden einen kostenlosen Vorgeschmack, nach dem sie immer mehr wollen.
„Wabi-Sabi“ - Dieses japanische Prinzip beschreibt die Schönheit der Unvollkommenheit. Es geht nicht darum, Dinge perfekt zu machen, sondern sie möglichst einfach zu halten und mit den Unvollkommenheiten zu leben.
„Meetings are toxic“ – Wenn zehn Leute eine Stunde im Meeting sitzen, handelt es sich eigentlich um ein 10-Stunden-Meeting. Aus diesem Winkel betrachtet, rechtfertigen Meetings häufig nicht die in sie investierte Zeit. ![]()
„Start a business, not a startup“ – Das ist ziemlich selbsterklärend und zielt vor allem auf den Hype ab, der Startups häufig umgibt.
„Decisions are temporary“ – Entscheide schnell und mache dir klar, dass du deine Entscheidungen später auch ändern kannst. Change is good ![]()
Die Thesen sind – was ja auch in der Natur von Thesen liegt – provokant formuliert und regen zum Nachdenken an. Bei einigen Punkten bin ich mir immer noch nicht sicher, was ich davon halten soll. Bestes Beispiel: „Hire when it hurts“. Gemeint ist, dass man erst neue Leute einstellen sollte, wenn man sie wirklich tatsächlich dringend braucht und nicht vorher. Das soll zum einen Cashflow-Probleme vermeiden, zum anderen auch, dass gute Leute ohne wirkliche Herausforderung herumsitzen, die Motivation verlieren und wieder gehen. Macht soweit Sinn und klingt plausibel. Der Teil mit den Schmerzen bereitet mir noch etwas Probleme
Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn ich als Gründer schufte und Zeiten intensiver Arbeitsbelastung habe. Erfahrungsgemäß greifen solche Belastungen aber auf das gesamte Team über und dann wird es wiederum schwierig mit: „Send people home at 5“. Also Software-Entwicklungs-Firma ist der Grundsatz vielleicht einfacher umzusetzen, weil dann eben mal ein Feature etwas länger dauert, aber im Dienstleistungsbereich kann so etwas leicht nach hinten losgehen, wenn durch Überlastung die Qualität sinkt. Ich wäre dann doch eher für: „Hire slightly before it hurts“.
Ansonsten: Absolute Leseempfehlung für… Gründer, Unternehmer und alle, die unternehmerisch denken (wollen). Viele der Thesen sind auch gut auf private Projekte oder Vorhaben anzuwenden, da sie recht allgemeingültige Grundsätze enthalten.
Archiv für die Kategorie ‘Bücherregal’
Rework: Was Wabi-Sabi und Drogenhändler mit Business zu tun haben
Dienstag, 13. April 2010
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