IdeaLab 2010 – Rückblick

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Auch in diesem Jahr haben wir uns wieder auf den Weg nach Vallendar gemacht. Am 29. und 30. Oktober fand hier an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (aka: WHU) das IdeaLab! 2010 statt. Dieses feierte damit übrigens schon sein 10-jähriges Jubiläum.

Am frühen Freitag morgen haben wir uns auf den Weg gemacht, um pünktlich zur ersten Paneldiskussion einchecken zu können. Zuvor hat Christian Vollmann die Eröffnungsrede gehalten, von der wir jedoch nur die letzten 10 Minuten mitbekommen haben, als wir den mit etwa 250 Teilnehmern gefüllten Saal betraten. Diese waren vor allem von allgemeinen Aussagen rund um „Visionen“, „Fokus“ und „Motivation“ geprägt. Zum Abschluss forderte er von der WHU „mehr Gründer, weniger Manager“.

Unser erstes Erlebnis unmittelbar nach dem Betreten des WHU-Gebäudes war das Wiedersehen mit einem alten Bekannten, der sein Studium hier gerade beendet hat. Auf die Frage, was er denn jetzt mache, sagte er etwas zerknirscht, er würde im Januar bei einem Hedgefonds in London anfangen. Sein Anspruch – und der Anspruch aller Teilnehmer des IdeaLab! – war eigentlich, selbst ein Unternehmen zu gründen. Das spiegelt den Spirit dieser Veranstaltung ganz gut wider.

Was folgte, war die Paneldiskussion zum Thema „From Europe to the World“. Die zentrale Fragestellung der Runde war, ob man mit seinem Startup sofort internationalsieren oder erstmal den deutschen Markt erobern soll. Natürlich hängt das stark vom Geschäftsmodell ab. Während Christian Geiser von Kaufda.de zunächst in Deutschland groß werden möchte – schließlich sind Discounter Werbeprospekte auch ein typisch deutsches Phänomen – hat Jens Begemann seine Firma Wooga vom ersten Tag an in acht Sprachen gelaucht, denn Online Games sind vergleichsmäßig leicht international zu verbreiten und nur etwa 10% des Marktpotentials sieht er in Deutschland. Interessant an diesem Panel war auch die Diskussion über Standortvorteile von Berlin im Vergleich zum Silicon Valley. Jens Begemann ist glühender Verfechter unserer Hauptstadt. Neben günstigen Mieten und Gehältern, einem Arbeitsmarkt, der ausreichend Auswahl für Arbeitgeber bietet und einer starken Sog-Wirkung auch auf internationale Bewerber sieht er hinsichtlich der Internationalisierung Vorteile in der Zeitzone! Berlin liegt nur sechs Stunden vor New York, aber auch nur sechs Stunden hinter Asien. Somit kann man mit beiden Seiten innerhalb eines Arbeitstages kommunizieren. Silicon Valley auf der anderen Seite liegt bis zu 9 Stunden hinter Europa und auch mit Asien gibt es kaum Überschneidungen.

From Europe to the World Panel

From Europe to the World Panel

Für den Nachmittag war eigentlich Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle angekündigt. Wie so viele andere Redner (Oliver Samwer, Morten Lund, Stefan Glänzer, Martin Ott, der Vapiano Gründer) war auch er leider verhindert. Offensichtlich war es ihm wichtiger, einen Preis von GQ als „Man of the Year“ im Bereich Wirtschaft entgegenzunehmen, als junge Unternehmer zu motivieren. Vertretungsweise übernahm sein Staatssekretär Hans-Joachim Otto; die Rede war jedoch nicht allzu spannend.

Nachdem sich alle Teilnehmer für einige Zeit in kleine Workshops aufteilten, hielt Thomas Bachem von United Prototype (in Vertretung für Morten Lund) die letzte Rede des Tages. Er hat ein Problem angesprochen, das uns schon den ganzen Tag begleitete: nahezu alle Teilnehmer im Saal sind BWLer ohne IT-Hintergrund. Grundsätzlich sollte man versuchen, von Beginn an einen Techie ins Boot zu holen, sofern man ein technologielastiges Unternehmen gründen möchte. Der Grundtenor vieler Investoren schien der zu sein, dass ein Startup ohne Technologie auch nichts wert ist. In seiner Präsentation hat Thomas uns Betriebswirtschaftlern noch das 1×1 der Websiteentwicklung und -programmierung erklärt. Das war ein guter inhaltlicher Ausklang des ersten Tages.

Essen im Gewölbekeller

Essen im Gewölbekeller

Das Abendessen zog sich dann noch über zweieinhalb Stunden hin und wurde gekrönt durch das anschließende Networking in Loungeatmosphäre. Nach 19 Stunden auf den Beinen haben wir nicht unser Hotel aufgesucht, sondern die Ferienwohnung, die Ralf für uns recherchiert hatte. Diese hat uns richtig gut gefallen, obwohl sie nicht auf unsere Körpergrößen ausgelegt war:

Ferienwohnung in Vallendar

Ferienwohnung in Vallendar

Der zweite Tag begann mit der „Think big“-Rede von Roberto Bonanzinga. Hier ging es wieder darum, von Beginn an international zu denken. Roberto wünscht sich für Europa den nächsten Multi-Milliarden-Exit. Als anschauliches Beispiel durfte Jens Begemann noch einmal sein Unternehmen Wooga vorstellen. Wie schon am ersten Tag plädierte er dafür, Konzerne im eigenen Lebenslauf zu vermeiden. Offensichtlich hat seine Zeit bei Siemens Spuren hinterlassen.

Blick auf die Teilnehmer

Blick auf die Teilnehmer

Die anschließende Panel-Diskussion war ziemlich unterhaltsam und gespickt mit Zitaten, die im Gedächtnis bleiben: Gründen ist kein Ponyhof und natürlich VC Investment ist wie eine Ehe – man hängt drei bis sieben Jahre aneinander. Grundsätzlich sieht niemand ein Problem darin, Konzepte zu kopieren. Wie Florian Heinemann anmerkte: in Deutschland gibt es ein Patentrecht und wenn ein Konzept nicht innovativ genug ist, um schützenswert zu sein, kann man es auch nachmachen (und verbessern). Anders sieht es natürlich aus, wenn internationale Konzepte kopiert werden, die nicht unter das deutsche Patentrecht fallen. Offenbar sind Beschwerden im amerikanischen Raum oft groß, dass „die Deutschen mit ihren Kopien den europäischen Markt dicht machen“. Der größte Nachteil von Copycats dürfte sein, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Player zeitgleich an den Markt gehen sehr groß ist und so junge Unternehmen durch den Markt gehetzt werden.

Ein Highlight beider Tage war der Vortrag von Business Angel Klaus Hommels. Schon sein beeindruckendes Investment-Portfolio (darunter Skype, Facebook, Xing, King.com, Stardoll – er investierte jeweils zu einem frühen Zeitpunkt, als sie noch kein Mensch kannte) sorgte für Respekt unter den Teilnehmern. In seiner Session führte er uns durch seine Welt und erklärte, wie er nur mit viel Hartnäckigkeit und Glück seine besten Investments tätigte. So sprach er den Skype-Gründern wochenlang täglich auf die Mailbox und beriet sie drei Monate kostenlos, bevor sie ihn investieren ließen. Auf Stardoll stieß er zufällig, als er am Flughafen ein Mädchen damit spielen sah und es kurz darauf an seiner Tochter und deren Freundinnen testete, bevor er mit einem Scheck bewaffnet nach Finnland flog, um die Mitte-40-jährige Hausfrau zum Verkauf der Webseite (mit nur 6.000 Visitors / Monat) zu bewegen. Seit zwei Jahren beschäftigt sich Hommels nun mit der Internationalisierung von Shopping Clubs und hat nach eigener Aussage „die Türkei gegründet“ 😉

Business Angel Klaus Hommels

Business Angel Klaus Hommels

Nach dem Mittagessen gab es zunächst zwei kurze „I did it my way“ Sessions, in denen Stephan Schubert, Gründer von OnVista, und die Heilemann-Brüder, Gründer von DailyDeal, ihre eigenen Wege in die Selbständigkeit beschrieben. Gleich im Anschluss stellten sich acht Teilnehmer der Herausforderung eines 4-minütigen Elevator Pitches. In Erinnerung geblieben ist zum Beispiel PredictX, eine Mischung aus Trading und Wetten – klingt erstmal interessant, doch auch wenn die Gründer das Trading betont haben, wirkt es doch wie Wetten. Oder auch „Hollywood Students“ – eine noch nicht existente Plattform, die Sprachschülern das grenzübergreifende gemeinsame Lernen erleichtern soll.

Daily Deal Gründer Fabian und Ferry Heilemann

Daily Deal Gründer Fabian und Ferry Heilemann

Am späten Samstag Nachmittag fand die Session „Food and Beverages“ statt – ein ganz erfrischendes Thema nach all dem Internet-Hype. Leider konnte der Vapiano-Gründer wegen Krankheit nicht teilnehmen. Dafür standen Vertreter von La Barraca / Sushi Factory, Dulce Chocolate & Ice Cream sowie ein aktueller und ein ehemaliger Subways Franchisenehmer zur Verfügung. Pro und Contra von Franchising und Systemgastronomie überhaupt als Geschäftsmodell wurden ausgiebig diskutiert.

Für den Abend des zweiten Tages war eine Rede von Martin Ott, CEO von moneybookers, angekündigt. Jedoch hat dieser seine Teilnahme kurzfristig abgesagt, worüber im Nachhinein wahrscheinlich niemand mehr traurig gewesen sein dürfte, da er mehr als adequat durch Jan Buettner, Partner beim Kapitalgeber BV Capital, ersetzt. Mit seiner unkonventionellen Art seine Erfahrungen zu vermitteln, ist Jan Buettner auf jeden Fall ein weiteres Highlight der Veranstaltung gewesen. Bevor er über sein Leben erzählte, ließ er zunächst Fragen aus dem Publikum einsammeln, um dann sehr anschaulich auf jede einzelne einzugehen. Eine Kernaussage Buettners war es, Gelegenheiten zu ergreifen wenn sie sich bieten. Das scheint mir sein zentrales Erfolgsrezept gewesen zu sein.

Danach ging die Veranstaltung zu einem guten Barbecue über und wurde gegen 22 Uhr durch die Abschluss-Party abgelöst.

Insgesamt hat uns das IdeaLab! wieder richtig gut gefallen. Klar ist das hier eine ganz andere Welt, in der von Größenordnungen geträumt wird, die in den meisten Fällen realitätsfremd scheinen. Hier geht allerdings niemand zum Arzt weil er Visionen hat – Visionen sind Teil des IdeaLabs. Diese Atmosphähre bietet immer wieder Impulse zum Nachdenken über das eigene und andere Geschäftsmodelle und ist damit lohnenswert.
Das Orga-Team hat dieses IdeaLab hervorragend organisiert und trotz unglaublich vieler kurzfristiger Absagen von hochkarätigen Rednern immer wieder über Nacht einen Ersatz besrogt, der teilweise sogar von vornherein eine noch bessere Besetzung gewesen wäre 😉
Inhaltlich kann das IdeaLab noch optimiert werden, indem man auf Vortragende verzichtet, die eine klassische Rede vorbereiten und diese ablesen. Außerdem schadet es neben all den Success-Stories auch nicht, Unternehmer einzuladen, die auch von grandiosen Misserfolgen berichten können. Vor zwei Jahren war das beispielsweise Titus Dittmann bei der Startup Lounge in Berlin bestens gelungen.
Das nächste IdeaLab! findet am 11. und 12. November 2011 statt.

Patrick war Geschäftsführer und Experte in den Bereichen SEM und Affiliate Marketing. Nach einem BWL-Studium an der Berliner Berufsakademie „School of Economics“ und der Arbeit im Online Marketing bei Spreadshirt entwickelte er eigene Affiliate-Projekte und zusammen mit Katja von der Burg die Idee zu „Projecter“.

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  1. Mein Favorit: Das Foto aus der Ferienwohnung! Was müsst ihr auch so groß sein *gg*