RTL zu Besuch bei Projecter

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Am vergangenen Freitag – wir stießen gerade auf unsere Neukunden der Woche mit einer Flasche Sekt an – klingelte das Telefon. Eine freundliche junge Dame von RTL erklärte mir zunächst das Konzept der neuen Sendung „Undercover Boss“, bevor sie zum Punkt kam. Sie würden gerne mal bei uns vorbei kommen und ein paar Aufnahmen in unserem Büro drehen. Dabei sollen ein paar Mitarbeiter anonym befragt werden, wie zufrieden oder unzufrieden sie mit uns als Chefs sind. Wer will, kann vor die Kamera, muss aber nicht. Mit dem Feedback sollten wir als Geschäftsführer danach vor der Kamera konfrontiert werden. Natürlich versprach man uns, den Namen Projecter zu erwähnen und, dass wir eine Agentur für Online Marketing sind. Die Aufnahmen würden in der Sendung „Explosiv“ ausgestrahlt werden und als Cross Promotion für „Undercover Boss“ dienen.

Es klang nicht total schlecht, ich hatte keine besondere Sorge, mit negativem Feedback konfrontiert zu werden, RTL ruft nicht alle Tage an und es musste sofort eine Entscheidung her. Also haben wir es gemacht. Ein wenig unwohl ist mir dabei allerdings schon gewesen, schließlich hat man davon gehört, dass RTL nicht immer die positiven Aspekte einer Story sucht 😉

 
Am Montag Morgen standen also vier Leute von RTL vor der Bürotür und grüßten fröhlich mit „Hallo, das Fernsehen ist da“. Nach einem kurzen Kennenlernen haben wir zunächst besprochen, wie das alles ablaufen sollte. Spätestens da stellte sich heraus, dass mir zu Recht unwohl gewesen war 😉 Dem Redakteur war vor allem daran gelegen, Gerüchte, Getuschel und Intrigen unter den Mitarbeitern aufzudecken. Ich habe ihm erklärt, dass wir ein sehr kleines und offenes Team sind und ich dafür kein Potential bei uns sehe und das auch nicht so abgesprochen war. Daraufhin zog er sich enttäuscht mit seinem Team zur Besprechung zurück. Die neue Strategie sollte sein, unter den Mitarbeitern Feedback zu den Chefs einzuholen (wie telefonisch besprochen).

Patrick vor der Kamera

Patrick vor der Kamera

Zunächst wurden jedoch improvisierte Interviews mit Katja und mir durchgeführt. Dabei sollten wir ein bisschen über unser Team erzählen und was wir von dem Feedback unserer Mitarbeiter erwarten. Nahezu jede Frage zielte darauf ab, mögliche Konflikte aufzudecken oder zumindest zu suggerieren, dass es welche gäbe. Teilweise wurde nach schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit in anderen Unternehmen gefragt, nur um irgendetwas Negatives im Kasten zu haben. Ich finde, diesen Teil haben wir sehr gut gemeistert. Ich darf schon vorwegnehmen: Keine Sekunde davon wurde letztendlich ausgestrahlt. Nicht einmal das gestellte in-den-Raum-hereinlaufen (am Projecter-Aufsteller vorbei).

Katja vor der Kamera

Katja vor der Kamera

Als nächstes ging es also darum, Feedback einzuholen. Obwohl sich bis auf Julia anfangs alle gewehrt hatten, vor die Kamera zu treten, hatten die RTL-Leute am Ende tatsächlich drei Stimmen im Kasten. Freundliche Hartnäckigkeit mit ganz viel Erfahrung und dann doch einfach mal die Kamera einschalten, zahlt sich also aus 😉 Aus den Nebenräumen haben wir meist nur die Stimme des Redakteurs gehört: „Gibt’s da nicht doch vielleicht noch ein bisschen Kritik? Muss ja nicht schlimm sein, aber vielleicht lässt der Chef ja seine Kaffeetasse immer stehen und das nervt ja“. Am Ende gab es die eine oder andere an den Haaren herbei gezogene „Kritik“, die wohl humorvoll gemeint und von uns auch so aufgefasst wurde. Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich an den Redakteur auf seiner verzweifelten Suche nach Negativem denke 🙂

 
Im letzten Akt wurden Katja und ich in den Meetingraum gebeten und mit der Kritik konfrontiert. Dabei ging es darum, dass Mitarbeiter zum Sport genötigt würden (einige von uns trainieren auf einen Halbmarathon hin), einem Mitarbeiter ein Bier angedreht wurde, dessen Verfallsdatum überschritten war (Katja meint, es wäre noch gut gewesen) und wir als Chefs nie die Kaffeemaschine entkalken würde (das stimmt). Letzteres muss der RTL-Redakteur als seine einzige Chance gewittert haben und ritt noch 10-15 Minuten darauf herum, einschließlich einer zusätzlichen Aufnahme, wie Tobi mir beibringt, den Automaten zu entkalken und sich dann noch einen Kaffee brüht.

Die Kaffeemaschine muss entkalkt werden

Die Kaffeemaschine muss entkalkt werden

Etwa zwei Stunden hat dieses Erlebnis gedauert. Ich fand es tatsächlich ganz interessant, mal das „Behind the Scenes“ mitzuerleben, da es tatsächlich so ist, wie ich es mir vorgestellt habe – nur noch schlimmer 😉

 
Am Montag Abend wurde der Beitrag dann schon ausgestrahlt. Einige von uns waren noch im Büro und haben die Sendung im Live Stream verfolgt. Andere waren zuhause und haben im Skype Chat kommentiert. Es kam natürlich wie es kommen musste. Der Name Projecter wurde nicht einmal erwähnt, daher hat uns das Ganze nicht mehr gebracht, als eine Erfahrung und etwas Spaß. Der Beitrag ist zudem komplett zerrissen und nur Bruchteile der Interviews wurden verwendet.
Darüber hinaus ging es tatsächlich ausschließlich darum, einen negativen Dreh zu finden. Nicht auszudenken, was sie daraus gemacht hätten, wenn es tatsächlich Kritik gegeben hätte.

 
Ich zitiere: „Lange muss Mitarbeiterin Julia Rittig jedenfalls nicht überlegen, was sie NERVT“ – Also, in meiner Wahrnehmung musste Mitarbeiterin Julia Rittig ganz schön lange überlegen, bis ihr etwas einfiel und das wohl auch nur, weil ein RTL-Redakteur verzweifelt nachfragte, ob es nicht nervt, wenn sich Geschirr in der Küche türmt 😉

Mitarbeiterin Julia Rittig ;-)

Mitarbeiterin Julia Rittig 😉

Tobi hat sich einen Spaß daraus gemacht, „Kritik“ zu üben (abgelaufenes Bier, Nötigung zum Sport, Kaffeemaschine). Unsere humorvolle Antwort kann man nun so verstehen, dass neue Mitarbeiter erstmal wochenlang nur Kaffeemaschinen entkalken. Und der ambitionierte Halbmarathon fiel natürlich hinten runter 😉

Werbefachmann Tobias Pappert

Werbefachmann Tobias Pappert 😉

Nunja, alles in allem war es eine lustige Erfahrung. RTL ist seinem Ruf mehr als gerecht geworden und bei der nächsten Anfrage überlege ich es mir zweimal, ob wir das noch einmal mitmachen.
Achja, hier nun noch der Explosiv-Beitrag, um den es in diesem Artikel geht 🙂

 

Patrick war Geschäftsführer und Experte in den Bereichen SEM und Affiliate Marketing. Nach einem BWL-Studium an der Berliner Berufsakademie „School of Economics“ und der Arbeit im Online Marketing bei Spreadshirt entwickelte er eigene Affiliate-Projekte und zusammen mit Katja von der Burg die Idee zu „Projecter“.

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  1. Abgelaufenes Bier? Das ist ja gemein, Katja! 😉 Was ’ne verzweifelte Suche nach Kritik… Wenn eure Neuzugänge mal ein externes Consulting brauchen: Wir haben offenbar die gleiche Kaffeemaschine.

  2. Wir haben das Bier alle getrunken und es war wirklich noch lecker – kann man doch nicht einfach wegschütten 😉 Tobi hat seine Kritik diesbezüglich aber im wahrsten Sinne des Wortes bierernst rübergebracht – ich war schwer beeindruckt! Für den nächsten RTL-Beitrag ist er schon fest als Darsteller gebucht… dann planen wir unsere Skandale auch ein bisschen besser *g*

  3. Danke für den Einblick. Wirklich sehr amüsant!
    Tobias ist mein neuer Tv-Held wenn es um ironische Witze geht, hoffentlich musste er das Bier ganz austrinken 😉

  4. Das musste ich tatsächlich! Wie Katja aber bereits exklusiv bei explosiv klargestellt hat – war trinkbar und ich lebe noch! 🙂

  5. Skandal oder Intrigen! Wie fesselnd man einen Leser oder Zuhörer? Damit kann man immer Aufmerksamkeit erzielen. Dies ist mit einer der besten Marketingsmöglichkeiten womit man erfolgreich wird. Alles andere ist uninteressant und langweilig und bindet keine Leser oder Zuhörer. Dies sieht man auch sehr häufig wenn man sich mit Marketing beschäftigt. Wenn man zum Beispiel ein effektives Linkbait betreiben möchte, ist dies wahrscheinlich die effektivste und beste Lösung. RTL macht dies sehr geschickt und sie werden sicherlich in Zukunft das Konzept nicht umlegen.

    Ich persönlich fand den Beitrag sehr lustig. 🙂

  6. Hm, habt ihr echt gedacht, RTL macht nun gratis Werbung für euch und zeigt, wie toll ihr euch alle versteht? Ich dachte, ihr seid Marketing-Fachleute???
    Dieser Beitrag hier ist doch haargenau das, was RTL mit euch gemacht hat. Ihr schreibt negativ über deren Arbeit und die Leute lesen’s, auf der Suche nach einer kleinen Sensation.

    Nehmt’s sportlich und stellt euch nicht als die armen Überrumpelten hin. Vielleicht hat ja Vatikan TV noch so ne Rubrik über Freundlichkeit im Büro. Aber mal ehrlich, will das einer sehen? 😉

    Gruß,
    Simone.

  7. @Nico Meinst Du, man kann sein Publikum nur noch mit Skandal und Intrigen fesseln? Ok, bei RTL hab ich auch wenig Hoffnung auf Änderung, aber es gibt da doch ganz interessante Ansätze. Im neuen Roman „MAEVA!“ (für den ich die Internetseite http://www.MAEVA-Roman.de gebastelt habe) geht es zum Beispiel um einen positiven Ausblick in die Zukunft. Also zur Abwechslung mal kein Weltuntergangsszenario wie von Schätzing, RTL & Co. Und für die Verfilmung werden noch Darsteller gesucht: vielleicht Tobias? 😉

  8. Herrlich blauäugig von euch. Glück gehabt, sowas kann auch mal schnell nach hinten losgehen.
    Wenn eure Geschäftführer im Tagesgeschäft auch so naiv agieren, kann einem nur Angst und Bange werden.

  9. Hallo Micha, warum so feindselig? Da wir nichts zu verbergen haben, hätte es auch nicht hinten losgehen können – im Sinne, dass es unserem Geschäft schadet. Ansonsten haben wir es – wie Patrick ja auch schreibt – als Experiment betrachtet und als solches war es sehr interessant.

  10. Hallo Simone und Michael,

    ich denke doch, dass ich in diesem Artikel deutlich gemacht habe, dass wir diese Erfahrung mit Humor genommen haben und ohnehin eine skeptische Erwartungshaltung hatten. Wir fühlen uns also nicht überrumpelt. Eine Gefahr habe ich auch nicht gesehen, denn wie Katja schon sagt: Wir haben nichts zu verbergen. Also hier muss niemandem Angst und Bange werden 🙂

    Grüße
    Patrick

  11. Schöner Bericht von euch! Gefällt mir gut auch mal hinter die Videokamera zu schauen. Tja RTL hätte wohl eher zu einer anderen Firma gehen sollen. Zumindest scheint es ja bei euch sehr harmonisch abzulaufen…

    Viele Grüße

    Martin

  12. Grüß euch,

    ob ihr diesen Kommentar noch findet? Ist ja schon ne Weile her das Thema. Falls doch, hier was zum Lachen. Hab mich gekringelt über die Ähnlichkeit… 😉

    http://stevinho.justnetwork.eu/2011/12/03/so-funktioniert-rtl/#.TtoUEhN-Tjk.facebook

    Viele Grüße nach Leipzig
    Mona