Facebook Graph Search – Meinungen aus dem Projecter-Team

geschrieben am in der Kategorie Social Media Marketing von

Seit letzter Woche hat Facebook die lange angekündigte Graph Search Funktion eingeführt. Bisher zwar nur für den amerikanischen Raum, aber dafür ist jetzt Zeit und Gelegenheit, den eigenen Facebook Account vorzubereiten. Wir haben uns im Projecter Team mit dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln befasst: Aus Nutzersicht, aus Social Media Marketing Sicht, aus politischer Sicht und aus SEO-Sicht. Vier spannende Perspektiven.

Facebook Graph Search aus Nutzersicht (von Lisett)

Lisett Alles, was der Nutzer öffentlich teilt, wird zukünftig von dem Graph Search gefunden. Das heißt, jeder „gefällt mir“-Klick, jeder Post und jede Information über den Nutzer, wird in die Suchanfragen einbezogen. Nutzer sollten daher genau überprüfen, welche Inhalte sie mit wem teilen.

Es gibt drei Einstellungen, die die Sichtbarkeit der Posts und Einträge in der Suche definieren:

  • „Nur ich“ bedeutet, dass niemand anderes diesen Eintrag in der Suche sehen kann.
  • „Freunde“ bedeutet, dass Freunde über die Suche die Einträge sehen können.
  • „Öffentlich“ bedeutet, dass alle, die nach einer bestimmten Sache suchen, den Eintrag finden können.

Über „ Anzeigen aus der Sicht von…“ erhält der Nutzer einen Überblick, welche Inhalte er mit der Öffentlichkeit teilt. Dazu klickt man auf das Zahnrad unten rechts im Titelbild.

Anzeigen aus der Sicht von

Alle öffentlich geteilten Inhalte sind mit einem Globus-Symbol gekennzeichnet. Nun heißt es in sich gehen. Will man diese Bilder, Posts oder Angaben wirklich mit jedem teilen? Soll jeder wissen, wo man arbeitet, wohnt und mit wem man befreundet ist? Nein? Dann sollten diese Inhalte nur für bestimmte Personen sichtbar gemacht werden.

Dazu geht man auf das Aktivitätenprotokoll (neben dem Zahnrad) und sieht dann seine gesamten Inhalte, die auf Facebook generiert wurden. Für jeden einzelnen Beitrag können Einstellung der Sichtbarkeit vorgenommen werden.

Sichtbarkeit einstellen

Die benutzerdefinierte Einstellung ermöglicht die kleinteiligste Eingrenzung der Sichtbarkeit zum Beispiel nach Listen oder sogar einzelnen Personen. Wie man Listen erstellt, haben wir in diesem Beitrag ausführlich beschrieben.

Benutzerdefinierte Einstellung

Auch bei den Fotos sollte genauer hingeschaut werden. Eventuell fragwürdige Markierungen entfernt und, wenn es die eigenen Fotos sind, Bilder sogar gelöscht werden. Und da Facebook auch die Suchanfragen, die der Nutzer auf Facebook stellt, speichert, sollten diese ebenfalls gelöscht werden. Sie sind im Aktivitätenprotokoll auf der linken Seite eingeordnet.

Facebook gibt hier weitere Tipps, wie die Einstellungen bearbeiten werden können.

Der Nutzer kann die Facebook Graph Search auch für sich nutzen und neue Kontakte knüpfen. Will er sich zum Beispiel beruflich vernetzen, dann sollten alle Inhalte, die in diesen Bereich fallen, öffentlich gemacht werden. Somit hat man die Chance, gefunden zu werden.

Aus Nutzersicht ist die Graph Search Funktion von Facebook zweischneidig zu sehen. Er macht sich, wenn er nicht aufpasst, unbewusst gläsern. Kann aber wiederrum durch sie neue Kontakte knüpfen und auf sich aufmerksam machen. Der Nutzer sollte sich den Folgen bewusst sein und seine Aktivitäten in dem sozialen Netzwerk genau kontrollieren.

Facebook Graph Search aus Social Media Marketingsicht (von Julia)

JuliaFür Social Media Manager bietet Facebook Graph Search einige interessante Aspekte. Graph Search wird sich auf mehrere Bereiche auswirken. Wird z.B. nach „Restaurants in Hamburg“ gesucht, werden entsprechende Restaurants gezeigt, die von Freunden „empfohlen“ werden. So könnte Facebook ein Konkurrent für Bewertungsplattformen wie Yelp oder Qype werden. Ein großer Teil der dargestellten Inhalte werden Fotos sein, also Fotos von Person X, Fotos die einem Freund gefallen usw. Facebook Seiten könnten ihre Postingfrequenz erhöhen. Es wird noch wichtiger werden, die Interaktionen mit den Fans zu erhöhen und Fans dazu zu bringen, Fotos hochzuladen oder zu verbreiten. Je mehr Fans mit der Seite interagieren, desto besser kann die Seite gefunden werden.

Weiterhin sollten alle Angaben eines Unternehmens stets aktuell gehalten und ausführlich sein. Auch dadurch wird sich die Auffindbarkeit verbessern. Hieraus könnte sich eine eigene Disziplin namens „Facebook SEO“ entwickeln. Social Media und Suchmaschinenoptimierung werden noch weiter zusammenwachsen. Auch im Bereich Recruiting könnte Graph Search spannend werden. Über die neue Suche lassen sich detailliertere Informationen zu den Bewerbern herausfinden. Aber auch die eigenen Fans oder Fans der Konkurrenz lassen sich genauer betrachten. Die Ergebnisse könnten wiederum interessant für die eigene Marketingstrategie werden.

Bisher sagt Facebook noch nichts darüber, ob die Graph Search auch bei der Zielgruppensteuerung der Facebook Anzeigen eine Rolle spielen wird. Doch dürfte Facebook auch daran ein Interesse haben, noch feinere Zielgruppen anzubieten.

Facebook Graph Search aus politischer Sicht (von Fabian)

FabianEs gibt wohl kaum noch Lebensbereiche, die nicht in irgendeiner Form vom Internet durchdrungen werden. Die stetig steigende mobile Vernetzung der Welt verändert Gesellschaften und Normen. Und in einer internet-basierten Gesellschaft hat eben dieses auch immer eine politische Dimension. Das Aushandeln dessen, wie Entscheidungsprozesse innerhalb und Steuerungsmechanismen von Gesellschaften gestaltet werden sollen und was als allgemein verbindlich zu gelten hat, hat sich zumindest zu einem Teil auch in das Internet verlagert. Betrachtet man allein die Mitgliederzahlen von Facebook, besitzen weit über 11% der gesamten Weltbevölkerung mittlerweile einen Account, Tendenz steigend. Wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es derart entgrenztes Kommunikations-Forum. Und wo immer Menschen miteinander kommunizieren werden Vorstellungen revidiert, adaptiert und neu konzipiert.

Ein wesentliches Merkmal vieler technischer Innovationen ist ihre Ambivalenz. Die Chancen neuer Technologien werden nicht selten mit den Gefahren ihres Missbrauchs aufgewogen. Wir alle wurden 2011 während des sogenannten „Arabischen Frühling“ Zeugen davon, dass das Internet eine Rolle bei der Liberalisierung autokratisch regierter Gesellschaften spielen kann. Die Einschätzungen gingen zeitweise soweit, die politischen Umbrüche in Nordafrika als „Facebook-„ oder „Twitter-Revolutionen“ zu bezeichnen. Mögen mit heutigem Blick auf die Ergebnisse diese Begriffe auch nicht mehr überzeugen können, sagen sie jedoch immer noch viel über das Potenzial aus, das soziale Netzwerke politischen Akteuren bieten können aus. Die Oppositionellen in Ägypten und Tunesien nutzten die Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten der sozialen Netzwerke um ihre Proteste schneller als je zuvor beobachtet zu organisieren, dokumentieren und kommunizieren. Doch bringt die Verlagerung ins Netz auch einige Gefahren mit sich. Zum einen macht sich politische Arbeit dadurch von der digitalen Infrastruktur abhängig. Und es ist leicht, etwa bei Massenprotesten, die Zugänge zu Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder gar dem ganzen Internet einfach zu kappen. Zum anderen bringt Beschaffenheit der Netzwerke selbst Nachteile mit sich. Denn natürlich steht Facebook nicht nur demokratischen Oppositionen sondern auch den autokratischen Systemen offen, die diese möglicherweise verändern wollen.

Und auch Facebook Graph Search ist, um beim Beispiel demokratischer Oppositionen zu bleiben, wohl Fluch und Segen zugleich. Die neue Facebook-Suche könnte selbstverständlich mächtiges Werkzeug zur Vernetzung von Menschen mit den gleichen politischen Präferenzen sein. Sie gibt aber auch staatlichen und polizeilichen Ermittlern ein kostenloses Werkzeug in die Hand, um gezielt Bereiche der Gesellschaft zu überwachen. Wer hat sich wann mit wem wo getroffen?  Wo wohnen, arbeiten und essen die Menschen, die laut Like einer Fanpage etwa mit demokratischen Reformen in der Türkei sympathisieren? Ein besonders gruseliges Beispiel wurde im Nachgang der ersten Vorstellung von Graph Search im Januar 2013 auf einem Tumblr Blog veröffentlicht: Graph Search lieferte über 1000 Ergebnisse einer Suchanfrage für islamische Männer, die an Männern interessiert sind und in Teheran/Iran leben. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, sich für die Ergebnisliste dann etwa „Places where they´ve worked“ anzeigen zu lassen und über das Profilbild die Männer an diesen Orten zu suchen. Natürlich ist die Annahme, dass alle auf Facebook hinterlegten Daten auch der Wahrheit entsprechen mit Vorsicht zu genießen. Die wenigsten User dürften frei von Fake-Profildaten sein. Auch die Ernsthaftigkeit hinter Likes muss in Zweifel gezogen werden. Doch macht es zumindest theoretisch politische Verfolgung seitens autoritärer Regime möglich und wenn die Rechtsfolge der Suchergebnisse wie im eben genannten Beispiel möglicherweise die Todesstrafe zufolge hat, muss die Brisanz der Einführung einer solchen Innovation betont werden.

Das Internet wie auch Facebook ist ein offenes Medium. Es bietet die zweifellos positive Chance, sich über politische Vorstellungen auszutauschen. Aber es kann durch diese Offenheit genauso gut Hilfsmittel zur Überwachung Unterbindung politischer Kommunikation werden und da wird es schwierig. Facebook schlägt mit Graph Search den Weg in Richtung Personensuchmaschine ein, mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Wir als User sind gezwungen uns damit auseinanderzusetzen. Wer sich an den Nebenwirkungen von Graph Search stört, sollte aktiv werden und sein Profil aufräumen oder sich abmelden.

Facebook Graph Search aus SEO-Sicht (von Franziska)

FranziskaWir sind gespannt wie der neue Graph Search in Zukunft auch die Branche der Suchmaschinenoptimierung beeinflussen wird. Sicher rücken Social Media Marketing und SEO enger zusammen, indem sich neue Experten für bessere Sichtbarkeit bei der Graph Search etablieren. Hier kommen mit der ganz anderen Funktionsweise des Facebook-Suchalgorithmus im Vergleich zu Google komplett neue Herausforderungen auf die Optimierer hinzu. Statt Links, Seitenverweildauer, Page Rank uvm. rücken Interaktionsraten, Fanzahlen und Edge Rank in den Fokus. Mutmaßlich wird professionelles Community-Management der Schlüssel zum Facebook Such-Erfolg sein.

Je nachdem wie der Graph Search von den Nutzern angenommen wird, kann dies Auswirkungen besonders auf die lokale Suche haben. Immer häufiger informieren sich Nutzer nicht nur über die Google Suche oder Bewertungsportale, sondern auch bei Facebook über lokale Unternehmen. Via „Restaurants in meiner Nähe“ und ähnliche Anfragen werden dem Facebook Nutzer schnell und bequem Ergebnisse geliefert, ansprechend mit Fotos und relevanten Infos unterfüttert. Facebook bietet damit eine echte Alternative zur lokalen Google Suche! Damit können gerade regionale Unternehmen in Zukunft ein gesteigertes Interesse daran entwickeln, in den Facebook Suchergebnissen so präsent wie möglich zu sein.

In Zukunft sollen auch Bing-Treffer in der neuen Facebook-Suche aufgeführt werden. Daraus ergeben sich weitere interessante Fragestellungen aus SEO-Sicht: Kann darüber die Relevanz der Microsoft Suchmaschine signifikant erhöht werden? Wird durch die Kombination aus Interessen-Suche und Bing-Suche Facebook ein direkter Google Konkurrent, z.B. im Bereich der transaktionalen Suchbegriffe?

Generell bleibt es spannend, aus welcher Disziplin heraus sich die Optimierung von Fan-Seiten für die Facebook Suche entwickeln wird bzw. welchem Kanal „Graph Search SEO“ zugeordnet wird. Werden Social Media Experten (Facebook-) Such- und Sichtbarkeitsspezialisten oder ehemalige SEOs Algorithmus- und Ranking-Forscher für die Facebook Suche? Was meint ihr?

Julia war von September 2009 bis Januar 2017 Teil des Projecter Teams.

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  1. Interessante Meinungen! Hätte ich anders vermutet 🙂
    Danke für den informativen Beitrag!
    Weiter so!
    Lg Yvonne