Flutsolidarität auf Facebook und im Social Web – Social Media war nie sozialer

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2002 wurde Deutschland zuletzt von einer verheerenden Flut heimgesucht. Schon damals verloren unzählige Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern ihr Hab und Gut. Die damals betroffenen Orte brauchten Jahre, um alles wieder aufzubauen. Nur damit sie im Jahre 2013 von der nächsten Flut heimgesucht werden. Doch etwas ist anders, denn die Menschen haben sich organisiert. Tausende Freiwillige ziehen gemeinsam los und packen Hand in Hand mit den professionellen Hilfskräften von Feuerwehr, THW und Bundeswehr an. Dabei organisieren sie sich über Social Media – Facebook, Twitter & Blogs sind das Sprachrohr der Menschen.

Facebook als Dreh- und Angelpunkt

Drei Dinge fallen bei dem Blick auf die unzähligen Facebook Seiten zum Hochwasser besonders auf:

1. Die unglaubliche Menge an Helfern, welche den Facebook Seiten folgen.
2. Die extrem starke Interaktion und Aktivität auf den Seiten.
3. Der schnelle und effiziente Kommunikationsstil.

Infoseite – Hochwasser 2013 Bayern” lautet der nüchterne Name der Facebook-Seite des Hochwassers in Bayern, welche mehr als 133.000 Fans besitzt. Die Menschen informieren sich über Verkehrslage, Hilfsorganisationen, Spendenaktionen, Wasserstandmeldungen und vieles mehr. Manchmal wollen sie aber einfach nur Dankeschön sagen.

Infoseite - Hochwasser 2013 Bayern

Infoseite – Hochwasser 2013 Bayern

Besonders beeindruckend sind die Aktivität und Reaktionszeiten der Menschen. Exemplarisch verdeutlicht folgende Frage den Vorteil des Social Web:

„Ist jemand gerade auf der A92 unterwegs? Irgendwie scheint die Nachrichtenlage, ob sie nun gesperrt ist oder nicht, etwas unübersichtlich?“

Was der hilfesuchende Autofahrer durch klassische Medien nicht in Erfahrung bringen konnte, wurde über Facebook in wenigen Minuten von vielen hilfsbereiten Nutzern freundlich beantwortet. Die Aktivität lässt sich auch leicht in Zahlen ausdrücken: 137.000 Menschen sprechen darüber! Wer sich schon einmal näher mit Facebook Fanpages beschäftigt hat, der wird genau wissen, dass eine über 100prozentige Aktivität verglichen mit den Fanzahlen nicht einmal zu besten iPhone-Gewinnspiel-Zeiten realistisch ist. Daraus lernt man auch etwas Wichtiges für zukünftige Social Media Aktivitäten, denn fernab von Sponsored Posts und Eigenwerbung sind es die relevanten Inhalte, die Menschen zur Interaktion bewegen.

Auch ein Blick nach Sachsen verdeutlicht die Hilfsbereitschaft untereinander. „Hochwasser Sachsen“ zählt über 30.000 „Gefällt mir“-Angaben und informiert als Newsaggregator über alle wissenswerten Neuigkeiten der Lage. Es werden Wasserstände und Lageberichte an die Menschen gesendet. Selten werden die Beiträge weniger als 20-mal geteilt. Oft kommen 20-30 Kommentare und viele Likes erzeugen ein ungeheures Reichweitenpotential. Die persönlichen Durchhaltewünsche eines Mannes aus Döbeln wird 138-mal geteilt und bekommt insgesamt 630 Likes. Es sind diese Momente, die das Social Web mit der Realität verbinden.

Hochwasser Sachsen

Offizielle Facebook Seite – Hochwasser Sachsen

Doch nicht nur überregional, sondern auch in den betroffenen Städten organisieren sich die Menschen über Facebook. „Hochwasser Dresden“ weißt mehr als 27.000 „Gefällt mir“-Angaben auf und 61.000 Menschen sprechend darüber. Die Kommunikation auf den Städteseiten ist dabei meist noch konkreter. Eine Wohnung die ausgeräumt werden muss oder ein Sammelpunkt zum Sandsack füllen. Mitbürger bringen konkrete Hilfegesuche an und erhalten durch die Fanseite eine Plattform. Häufig erklären sich in den Kommentaren innerhalb weniger Minuten Menschen zum Helfen bereit.

Außerdem ist die Art der Kommunikation auffällig. Exemplarisch ist dieser Hilfegesuch von Anke R.: „Hilfe beim aufräumen gesucht. helfer Schubkarren Besen an der 64.ms!!!!!!danke“ Darauf antwortet ein hilfsbereiter Mitmensch: „Bitte Handynummer und Ansprechpartner, wir schicken jemanden.“ Bis Frau R. mitteilt, dass die Hilfe erfolgreich eingetroffen ist: „Danke sind schon Helfer vor Ort.“

Die Menschen posten kurz und knapp ihr Anliegen und bekommen prompt eine Antwort. Wenn keine Hilfe mehr notwendig ist, wird dies ebenfalls geposted, damit Helfer schnell für andere Aufgaben bereitstehen. Vorbildliches Krisenmanagement im 21. Jahrhundert.

Ähnliche Initiativen finden sich auch für die betroffenen Orte Passau, die Sächsische Schweiz, Pinzgau und Celle. Auch über die Grenzen Deutschlands hinaus haben wurde ähnliche Seiten erstellt, wie beispielweise für betroffene Orte in Österreich. Auf diese Art organisieren sich hundertausende Menschen selbstverwaltet und unterstützen die professionellen Helfer nach Kräften.

Doch auch tierische Begleiter der Menschen finden Aufmerksamkeit und Unterstützung. In der Facebook Gruppe „Suche und biete Plätze für Hochwassertiere“ helfen knapp 9.000 Menschen über Facebook in Not geratenen Tieren und bieten Unterschlupf.

Wie helfen andere Plattformen des Social Web?

Weniger interaktiv, jedoch sehr informativ sind die eingerichtete Notfall-Unterseiten auf dresden.de, welche wichtige Informationen zum Katastrophenalarm, Sperrungen und vieles mehr bereit hält. Diese Seite hat in 7 Tagen über 4 Millionen Seitenaufrufe generiert. Ein sicheres Indiz, dass die Menschen in der heutigen Zeit auch gezielt die Hilfe im Internet suchen. Auch Google Maps wurde von einer Privatperson zur Hochwasserstandskarte. Dort sind Sammelpunkte, überschwemmte Gebiete und Spendenstellen eingetragen. Dies ermöglicht Helfern eine schnelle Orientierung und Navigation zu den einzelnen Punkten. Nie war Navigation interaktiver, denn ein Zeitgewinn zu Radiodurchsagen und selbstständiger Recherche kann durch die Möglichkeit der direkten Navigation zu den betroffenen Orten aus Google Maps heraus ermöglicht werden.

Google Maps - Hochwasserstandskarte

Hochwasserstandskarte

Die Hilfe ist teils so überwältigend, dass Leipzig eine offizielle Pressemitteilung veröffentlicht, in der dazu aufgerufen wird, vorerst nicht mehr zu helfen. Dies verdeutlicht die starken viralen Effekte durch das Social Web.

Neben den sozialen Netzwerken werden auch Blogs speziell für die Hochwasserhilfe intensiv genutzt. Diese tragen jedoch weniger zur akuten Hilfe, als zur Verteilung von Sach- und Geldspenden bei. Beispielsweise das einfache Blog der Stadt Grimma vermittelt Sachspenden an Bedürftige. Auf flutspenden.de können Menschen Geldspenden an verschiedene Regionen senden. Eine schnelle und übersichtliche Auswahl lässt eine Spende in kürzester Zeit zielgenau zu.

Beiträge in Fernsehen und Rundfunk sind oft Momentaufnahmen. Das Youtube Video des Kremser Donauhochwassers zeigt den Wasserverlauf im Zeitraffer über drei Tage. Dies verdeutlicht eindrucksvoll und bedrohlich die Macht des Wassers. Innerhalb von zwei Tagen wurde das Video bereits über 23.000 Menschen betrachtet.

Auch auf Twitter werden die Menschen von den Tiwtteraccounts der Stadt Leipzig und Dresden über aktuelle Geschehnisse informiert. Gerade Twitter ist für seine hohe Verbreitungsgeschwindigkeit und Informationsbündelung bekannt. Daher eignet er sich in Krisensituationen ideal zur viralen Verbreitung der Inhalte. Der Hashtag „hochwasser“ führt täglich zu hunderten Einträgen und zeigt die breite Anteilnahme von Unternehmen und Privatpersonen zugleich.

Ereignissen, denen eine große Aufmerksamkeit geschenkt wird, sind selbstverständlich auch immer Bühnen für Interessengruppen. So betreibt auch die Piratenpartei einen eigenen Blog für Hochwasserspenden. Der Energiedrink Hersteller LSDEnergy beheimatete ebenfalls eine Unterseite zum Hochwasser auf der eigenen Website. Diese ist jedoch nicht mehr erreichbar. Außerdem wurde eine Facebook Seite vom Unternehmen zur Hochwasserhilfe gegründet. Wohlwollende Hilfe wird dabei auch von Unternehmen gern gesehen, doch der schmale Grat zur Ausnutzungen der hohen Aufmerksamkeit für die eigene Marke muss sensibel betrachtet werden. Münchens Bürgermeister Christian Ude schließlich machte die medienwirksame Unterstützung von anderen Menschen der Öffentlichkeit gar zum Politikum. Er postete auf seiner Facebook Seite folgendes: „Vielleicht wundert Ihr Euch: Warum keine Fotos von mir in Gummistiefeln? Ich mache keinen Wahlkampf mit dem Leid bedrängter Menschen und keinen störenden Hochwassertourismus. Lieber stelle ich Kommunen in Not Münchner Hilfe zur Verfügung.“ Dies zeigt, wie viele Personen der Öffentlichkeit sich dem Durck ausgesetzt fühlen, sich in irgendeiner Weise auf die Geschehnisse zu beziehen. Und das geschieht natürlich im Social Web.

Fazit

Betrachtet man die überwältigende Interaktion und Hilfsbereitschaft über Facebook und Co. wird deutlich, dass Social Media als Teil der Gesellschaft angekommen ist. In der Situation der Bedrohung der eigenen Existenz ist die Interaktion stärker denn je. Menschen teilen, kommentieren und liken, um sich mit anderen zu verständigen. Egal ob Hilfe, Mitgefühl oder Verbreitung von Informationen. Die Regeln des Postens wurden außer Kraft gesetzt. Seiten veröffentlichten duzende Posts am Tag und die Menschen öffnen sich für die Inhalte. Es stimmt, nie war Social Media sozialer.

Steffen unterstützt seit November 2012 das Projecter-Team. Ihn verschlug es bereits 2007 im Zuge seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften nach Leipzig. Über ein Auslandsstudium im Marketing und die Google Online Marketing Challenge war der Weg zum Online Marketing bei Projecter nicht weit.

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  1. Da sieht man doch wie sich die Zeiten ändern und wie wertvoll und sozial Facebook & Co. doch sein können, genauso wie bei der Bekämpfung von Kriminalität.
    Daumen hoch an den Zuckerberg und natürlich alle die aktiv helfen.

  2. Ich bin Bewohner des Stadtteiles Dresden-Laubegast und wurde dieses Jahr, wie im August 2002 vom Hochwasser nicht verschohnt. Der Unterschied von damals zu heute ist wirklich der Einsatz von Social-Media gewesen.

  3. Bleibt abzuwarten, wie sich die Seiten dann entwickeln, wenn das Hochwasser wieder verschwunden ist.
    Da wurde schon des Öfteren was mit angestellt, was in Richtung Kommerzialisierung ging und eigentlich völlig unangebracht ist – z.B. nach dem Tod von Dirk Bach. Plötzlich sprießten da die Seiten aus dem Boden, posteten viel über sein Lebenswerk, einen Monat später dann fast nur noch Werbung, um Geld damit zu verdienen.

  4. Mir fehlt die Kritik an diesen Seiten, so wie es Lisa schon angedeutet hat: Was wollen die Leute damit wirklich bezwecken, wie entwickeln sich die Seiten weiter?

    Was mir ein Dorn im Auge dieser Seiten ist, ist der aufkommende Nationalstolz, sowie die Überschwänglichkeit über den Einsatz der Bundeswehr im Inland. Ich hätte mir gewünscht, hätte der Autor – vor allem bei der Hochwasser Sachsen-Seite – mehr auf die Inhalte und Quellen geschaut.

  5. Hallo Dennis,

    schön das du dich kritisch mit dem Artikel auseinander setzt.

    Ich gebe dir Recht, dass eine differenzierte Betrachtung bei Artikeln generell wichtig ist.

    Jedoch möchte ich keine Mutmaßungen über zukünftige Entwicklungen der Seiten tätigen. Selbstverständlich werde ich die Seite zukünftig im Auge behalten. Gegenwärtig sind die Aktivitäten auf den Seiten jedoch ein Paradebeispiel der positiven Wirkung sozialer Medien.

    Im letzten Abschnitt gehe ich übrigens auch auf einige potentielle Gefahren und den Einfluss von Interessengemeinschaften ein.

  6. Ich stimme auf jeden Fall Deinem Fazit zu, dass die sozialen Medien zu großen Teilen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, auch wenn dies nur auf die Menschen zutrifft, die ein bestimmtes Lebensalter nicht überschritten haben.

    Bei all dem Lob zu der Sache, muss ich aber auch sagen, dass mit unzählige negative Postings, vor allem bei Facebook aufgefallen sind. Dutzende Male habe ich irgendwo ein Like bei Messages gefunden, die ganz eindeutig rechten Hintergrund haben und darauf anspielen, dass es doch vor allem Deutsche sind, die geholfen haben.

    Ist natürlich vollkommener Schwachsinn, zeigt aber nur, dass die Kollegen der braunen Fraktion sich für nichts zu schade sind. Leider.