Neues von StudiVZ – ein Blick hinter die längst umgefallenen Kulissen

geschrieben am in der Kategorie Social Media Marketing von

Wir haben uns die aktuellen Neuigkeiten zu dem Befreiungsschlag der VZ-Netzwerke – ach nein, Poolworks – zum Anlass für einen satirischen Blick hinter die Kulissen der Netzwerke genommen – Viel Spaß beim Lesen. :)

Langsam und deprimiert tragen ihn seine Schritte über den verlassenen Innenhof. Je näher er der Tür zu kommen scheint, umso schwerer werden ihm die eigenen Beine. Der Gedanke, gleich die Hand zur Türklinke heben zu müssen, lässt Übelkeit in ihm aufsteigen. Hinter ihm wirbelt Staub auf, der durch seine Schritte in Bewegung gesetzt wurde. Bis vor kurzer Zeit hatte er noch nicht einmal gewusst, dass sich Staub auch im Freien sammeln kann.

Er erinnerte sich noch gut an seinen ersten Tag hier. Damals war ihm alles noch wunderbar glänzend, vielversprechend und jung vorgekommen. Menschen mit großen Brillen, stylischen Mützen und einer Kippe im Mund hatten ihm jeden Morgen auf ihre eigene coole Art zugenickt. Er hatte sich wichtig gefühlt.

Jetzt fällt sein Blick auf die vergilbten Lettern über der Eingangstür. Man kann noch leicht erahnen, dass dort einmal StudiVZ gestanden haben muss. Das I war vor drei Monaten abgefallen, nach ihm hatten sich auch das Z und das T verabschiedet.

Heute ist sein letzter Arbeitstag als Praktikant bei StudiVZ. Er drückt schweren Herzens die Türklinke hinunter, wohlwissend, dass er den gestern noch extra gebackenen Kuchen wohl allein essen wird. Auf dem Weg zu seinem Büro begegnet ihm niemand. Nachdem immer mehr Mitarbeiter das sinkende Schiff verlassen hatten, wurden viele der einst beliebten und heiß umstrittenen Büros frei. Anfangs hatte er sich noch gefreut, jeden Tag ein neues, größeres Büro beziehen zu können. Mittlerweile war die Euphorie der erdrückenden Einsamkeit in seinem 50 qm Büro gewichen.

Seine Chefs hatte er vor zwei Wochen das letzte Mal gesehen. Damals war er mit den Worten „ Ich bin kurz zu einem Krisenmeeting“ mit einer großen Anzahl von grauen Anzüge tragenden Männern in einem der Meetingräume verschwunden. Er hatte sie nie den Raum verlassen sehen. Seit einer Woche hörte man nicht einmal mehr das leise Schluchzen, das seither durch die dicke Tür des Raumes gedrungen war. Er hatte das Schluchzen fast schon liebgewonnen. Wenigstens ein Zeichen menschlichen Lebens in den verlassenen StudiVZ Hallen. Er vermisste das Schluchzen.

Seine letzte Aufgabe war es gewesen, die Nutzerzahlen stündlich an eine große Tafel im Flur des Gebäudes zu schreiben. Dies sollte einst der Motivation der Mitarbeiter dienen. Nachdem seine Vorgesetzten verschwunden waren, hatte er einfach immer weiter gemacht. Jetzt sieht er sich der großen weißen Tafel gegenüber und streicht die schwarze 25 durch, um sie durch eine 10 zu ersetzen.

Gerade als ihn seine langsamen Schritte zurück in sein Büro geführt hatten, springt die Anzeigentafel von 2 auf 1. Aufregung steigt in ihm auf. Bei all der Ernüchterung packt ihn doch die Neugier, wer wohl der letzte StudiVZ Nutzer sei. Seine Füße fliegen über den staubigen Boden. Er ist erstaunt, dass er sich überhaupt noch so schnell bewegen kann. An seinem Rechner angekommen schlägt ihn die Ernüchterung mit geballter Faust kräftig ins Gesicht. Es ist Lea.

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Lea, die früher den StudiVZ Nutzern zum Geburtstag gratuliert hatte. Ihr Profil war schon lange nicht mehr aktiv. Lea, die eigentlich Marianne heißt, arbeitet jetzt in einer Nacktbar in Neukölln. Manchmal besucht er sie dort. Aber ihre Jugend scheint genauso eingeschlafen zu sein wie ihr StudiVZ Profil.

Er beschließt ein Stück seines Kuchens zu essen und nach Hause zu gehen. Eigentlich ist er ganz froh, kein Arbeitszeugnis bekommen zu haben. Vielleicht kann er diese traurigen 6 Monate einfach aus seinem Gedächtnis oder zumindest Lebenslauf streichen. Er schließt die Tür hinter sich ab. Die Gewissheit setzt ein, dass er für sehr lange Zeit der Letze gewesen sein wird, der durch diese Tür ging.

Hinter ihm fällt das S von der Wand.

Nadja hat von 2011 bis April 2013 als Praktikantin und danach als Werkstudentin bei uns gearbeitet.

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  1. Sehr schön geschriebener Artikel!Wirklich unterhaltsam.Hatte selbst schon total vergessen, dass es StudiVZ überhaupt noch gibt. :)