Recap: re:publica 13 in Berlin

geschrieben am in der Kategorie Social Media Marketing von

Vom 6. bis 8. Mai fand in Berlin die re:publica13 statt. Dass das Thema Online Marketing auf der Konferenz, die bereits zum siebten Mal stattgefunden hat, eine eher untergeordnete Rolle spielte, hielt uns nicht davon ab, uns auch zwischen all die Blogger, Kreativen und Aktivisten zu mischen. Zu sehr sind wir doch interessiert an dem, was sich Digitale Gesellschaft nennt, um so ein Großereignis verpassen zu können.

Vergleicht man die ca. 700 Besucher der allerersten re:publica im Jahr 2007 mit den aktuellen Zahlen, wird schnell deutlich, welche Wachstumsgeschichte diese in den letzten Jahren durchlebt hat. Dieses Mal fanden sich etwa 5.000 Besucher zu 263 Vorträgen von etwa 450 Speakerinnen und Speakern auf 11 Bühnen ein. Bei einer solchen Vielfalt fiel es uns gar nicht so leicht, uns in den jeweiligen time slots für eine Veranstaltung zu entscheiden.

Ankunft und Eröffnung

Tag 1 auf der Republika

Ankunft bei der Republica

Wir trafen pünktlich gegen 9.30 Uhr am Montag an der STATION, dem Gelände der re:publica, ein. Sofort fiel dem Besucher das Hauptbaumaterial für so ziemlich alles auf der re:publica auf: Würfel aus Kartons, die unterschiedlich angeordnet mal Sitzgelegenheiten, Pulte, Tische oder Wände ergaben. Das sah so cool aus, dass man geneigt war, sich das eigene Wohnzimmer auch aus Pappe vorzustellen.

Tag 1 auf der Republica

Würfel – das Hauptbaumaterial auf der Republica

Da wir rechtzeitig vor Ort waren, hatten wir die Möglichkeit, an der mit einer recht beeindruckenden Lichtshow untermalten offiziellen Eröffnung auf der stage 1 teilzunehmen. Im Anschluss begrüßten die Organisatoren Andreas Gebhard, Markus Beckedahl sowie Tanja und Johnny Haeussler alle Gäste und erläuterten kurz das diesjährige Motto „In/side/out“. In diesem drückt sich das Ziel aus, Themen die bisher mehrheitlich in der digitalen Welt auf Resonanz stießen, in die analoge Welt zu transportieren. Das Gelände füllte sich noch bis weit nach Mittag mit neuen Besuchern. Wären wir wenige Minuten später gekommen, hätten wir uns wohl an den sich hinter uns rasch füllenden Warteschlangen einreihen müssen und die Eröffnung verpasst.

Vortrag Open Data

Vortrag „Die maschinenlesbare Regierung“

Nach der Eröffnung ging es gleich zum ersten Vortrag von Fukami und Lorenz Matzat mit dem Titel „Die maschinenlesbare Regierung – Eine kritische Analyse zur Gegenwart von Open Data und Open Government in Deutschland“. Der Saal der stage 3 war bis auf den letzten Platz ausgefüllt. In etwa 40 Minuten wurden Akteure auf staatlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene vorgestellt und anschließend einer Kritik unterzogen. So werde zwar auf allen Ebenen die Transparenz des Internets genutzt, für wirkliches Open Government fehle es in Deutschland aber auf staatlicher Ebene an Verständnis für relevante Daten, einer verpflichtenden Veröffentlichung durch die Behörden sowie dem Willen, notwendige Reformen verfestigter Verwaltungsstrukturen anzustoßen. Um diese Probleme zu lösen, sei es in Zukunft notwendig, aus der Zivilgesellschaft Prozesse in der Gesetzgebung anzustoßen und die Medien zur Unterstützung von Open Data zu gewinnen.

Als nächstes stand ein Panel mit dem Titel „Kinderkram: So nutzen Kids das Web“ mit Sarah Pust, Christine Feil und Sabine Frank auf dem Plan. Die Podiumsteilnehmer waren Vertreter von Best-Practice-Projekten für kindgerechtes Surfen sowie juristische und sozialwissenschaftliche Experten. Vorgestellt und diskutiert wurden unter anderem das Suchverhalten von Kindern, Chatrooms mit aufwendiger Moderation, spezielle Kindersuchmaschinen und die Rolle und Funktion der Eltern für die sichere Internetnutzung der Kinder. Der Wunsch nach absoluter Sicherheit für die kleinsten Surfer bleibe jedoch eine Illusion und die Zukunft geprägt von einer gesteigerten Internet-Mobilität der Kinder.

Iranian Internet

Vortrag „Iranian Internet“

Einer der Vorträge, die ich schon beim ersten Lesen des Programms nicht verpassen wollte, war „403 Forbidden: A Hands on Experience of the Iranian Internet“. Der auf Englisch gehaltene Vortrag von Bronwen Robertson, Marel Pourkazemi, Mahmoud Enavat und Stina Backer machte es sich zur Aufgabe, den Teilnehmern eine Art von Internet zu zeigen, die man sich hierzulande nur schwer vorstellen kann. Das Internet im Iran unterscheidet sich signifikant von dem, was wir kennen und daran schätzen. Blogger werden inhaftiert und Webseiten zensiert. Die Benutzung von Internetcafés bedarf eines Ausweises, Fingerabdruckes und der Nennung des Namens des Vaters. Darüber hinaus wird die Browser History von jedem Nutzer sechs Monate lang gespeichert. Die Mehrheit der User im Iran muss eine maximale Bandbreite von 56 kbps hinnehmen, was das Streamen von Medieninhalten oder Downloads beinahe unmöglich macht. Kein Wunder also, dass die Referenten das Surfen im Iran als „gebrochene Freiheit“ bezeichneten. Kreativ war die Auswahl der Vortragsweise, die in Form eines Pubquiz den Teilnehmern die Absurdität der iranischen Internetpolitik vor Augen führte.

Youtube zwischen Wildwest und Goldgrube

Youtube zwischen Wildwest und Goldgrube

Weiter ging es mit einem Vortrag von Bertram Gugel und Markus Hündgen mit dem Titel „Youtube – Zwischen Wildwest und Goldgrube“. Bekanntermaßen wächst die Bedeutung von Video-Content. Youtube ist heute schon die zweitgrößte Suchmaschine der Welt und die beliebtesten Youtube-Videos erzielen längst Besucherzahlen im Bereich von Fernsehformaten. Doch um wirklich erfolgreich auf Youtube zu sein, brauche es mitunter viel Zeit. Große erfolgreiche Kanäle seien allesamt schon viele Jahre alt. Und das mache die Monetarisierung von Youtube bisher auch so schwierig – erst mit Millionen von Aufrufen kann man als User damit seinen Lebensunterhalt bestreiten. Den auf Youtube gemachten Umsätzen in Millionenhöhe auf der einen Seite, stünde außerdem ein wahrer „Wilder Westen“ an nichtlizensierten Inhalten und anderen Problemfeldern auf der anderen Seite gegenüber.

"ZDFcheck"

Vortrag „ZDFcheck“

Anlässlich des Wahljahres wartet das ZDF mit einer neuen Internetplattform auf, in der gewissermaßen Crowd Intelligence auf „hart aber fair“ trifft. Die Referenten Sonja Schünemann und Michael Umlandt stellten in ihrem Vortrag mit dem Titel „Stimmt das? Check mit dem ZDF die Fakten im Wahlkampf“ dieses Projekt vor. Das von heute.de, Wikimedia und Phoenix getragene Projekt „ZDFcheck“ beginnt am 13. Mai und hat das Ziel, den Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen mit Hilfe von Usern der Seite zu überprüfen. Diese können in einer Kommentarspalte die Aussagen belegen oder widerlegen. Das Fazit erscheint dann (eher etwas ungelungen) als Thermometer-Skala. Spontanen Jubel ernteten die ZDF Redakteure vom anwesenden Publikum, als klargestellt wurde, dass alle Ergebnisse der Creative-Commons-Lizenz unterliegen. Wie das Ganze genau funktionieren soll, bleibt noch etwas unklar und hat einen gewollt experimentellen Charakter.

Der mit „Überraschungsvortrag II“ betitelte Vortrag von Sascha Lobo bildete den Abschluss des ersten Tages der re:publica 13. Von den Besuchern, die bis dahin durchgehalten haben, wollte sich das niemand entgehen lassen und somit musste im Saal der stage 1 sogar auf dem Fußboden Platz genommen werden. Inhaltlich ging es Lobo um eine Definition des Begriffes der Netzgemeinde und darum, dass dieser als einzige Lobby für ein freies, sicheres und offenes Netz, die Verantwortung zukommt, für eben jenes mit „Wut und Pathos“ zu kämpfen. In Gefahr gerate das Netz immer mehr durch aktuelle Dinge wie dem Leistungsschutzrecht, einer eingeschränkten Netzneutralität und Ängsten in der Bevölkerung. Da dieser Kampf politisch sei, könne er auch nur politisch, sprich nur in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung geführt werden.

Highlights Tag 2

Tag 2 auf der Republika

Republika Foyer

Der zweite Tag startete mit dem Vortrag von Teresa Bücker mit dem Titel „Der Montag liebt dich“, der sich dem Thema Arbeit widmete. Dass der Montag ein so ungeliebter Tag sei, liege weniger am Job, denn diesen haben die meisten Menschen bewusst gewählt, als vielmehr an der Art wie wir arbeiteten. Das digitale Zeitalter habe neue Freiheiten, speziell in der Arbeitswelt, versprochen. Die Hoffnung darauf habe sich jedoch durch die erhöhte Verfüg- und Erreichbarkeit der Arbeitnehmer meist in verstärkter Arbeitsbelastung niedergeschlagen. Es sei jedoch möglich, selbstbestimmt und flexibel zu arbeiten, wenn man es denn wollte und überholte Arbeitsstrukturen reformierte. Es sei nur wichtig, jetzt damit anzufangen und aufzuhören, solche Zusammenhänge auf die Zukunft zu verschieben.

Das nächste Panel trug den Namen „Let´s talk about Content! – Wie sich die Infrastruktur des Internets verändert“. Dabei diskutierten unter anderem Vertreter der Bundesnetzagentur, eco e.V. und der Deutschen Telekom (die angesichts der aktuellen Diskussion hier einigen Mut bewies) über Fragen der Netzneutralität. Behandelt wurden recht viele technische Details, aber auch weniger versierten Teilnehmer wurde klar, dass die Einheit von Netzbetreibern und Content-Providern einige Probleme mit sich bringt.

Netzneutralität

Vortrag „Net Neutrality“

Beim Thema Netzneutralität blieb es dann auch im folgenden Panel von Ben Scott, Hannah Seiffert und Markus Beckedahl. Scott erklärte zunächst das Entstehen des Themas Netzneutralität in den USA, wo die Diskussion darüber schon vor etwa zehn Jahren startete. Im Wesentlichen geht es dabei seiner Meinung nach um den Begriff des Internets selbst. Er stellte zur Diskussion, ob es sich beim Internet um ein öffentliches Gut oder eine kommerzielle Plattform handelt. Daran richte sich erst aus, ob beschränkte Bandbreiten ein Problem seien oder nicht. In der Pflicht, die Offenheit des Internets zu bewahren, seien vor allem die Regierungen und das Thema müsse in die Öffentlichkeit gebracht werden. Scott selbst plädiert dafür, die Internet-Freiheit als Menschenrecht zu betrachten. Jeder Nutzer müsse sich aber fragen: Wer kontrolliert, wie offen oder geschlossen sein Netz ist und warum? Da dies vollkommen unreglementiert sei, drohe die Debatte darüber den eigentlichen Fokus auf das Internets als öffentliches Gut zu überschatten. Jeder User müsse sich an dieser Diskussion selbst aktiv beteiligen.

Highlights Tag 3

Letzter Tag auf der Republika

Der letzte Tag auf der Republica

Der dritte und letzte Tag der re:publica startete mit dem Vortrag „Im Schatten des Rechts – Wie informelle Normen das Urheberrecht unterlaufen oder auch auf den Kopf stellen“. Die Referenten Dr. Jeanette Hofmann und Christian Katzenbach plädierten darin für einen Perspektivenwechsel in der Debatte um eine Urheberrechtsreform, die von so vielen Akteuren angestrebt wird. Die Politikwissenschaftler konnten mittels empirischer Forschung nachweisen, dass die Abwesenheit von kodifiziertem Recht nicht zwangsläufig auch die Abwesenheit von Regeln bedeuten muss. Ihrer Meinung nach verdienten soziale Normen, die als ungeschriebene Regeln das fehlende Recht ersetzen, deshalb zwingend eine größere Betrachtung in der Debatte um ein neues Urheberrecht.

Als nächstes war ein Panel von Vertretern des Auswärtigen Amtes, des CCC und Reportern ohne Grenzen zum Thema „Export Controls for Dual-Use Software“. Auch hier ging es darum, dem Bild des Internets als Träger von Informationsfreiheit eine andere Dimension gegenüberzustellen. Nicht selten seien es europäische und amerikanische Unternehmen, die autoritäre Regime mit Software zur technischen Überwachung ihrer Kritiker ausstatten. Exportregeln, wie sie etwa für Waffen existierten, bestehen für derartige Technologien nicht. Auch sei es schwer, Regeln für physische Güter auf digitale anzuwenden. Es komme zwar darauf an, mit welcher Intention man solche Technologien benutze, sie bleiben jedoch ambivalent.

Bevor es dann langsam wieder nach Hause ging, gab es noch einen weiteren und letzten Vortrag aus dem Bereich Netzpolitik. „Myths of the Open Internet: Bust Them and Get Busy“ mit Ellery Roberts Biddle und Hisham Almirrat. Sie nahmen sich ebenfalls den weitverbreiteten Mythos vor, dass es sich beim Internet um etwas vollkommen Offenes handele, dass auf der ganzen Welt die gleichen Inhalte biete. Etwa 90% des Webs seien im Besitz von privaten Unternehmen aus Europa und den USA. Es sei außerdem wichtig, sich hinsichtlich Zensur nicht nur die extremen Beispiele des Irans oder China anzusehen. Es wurde von Netzaktivisten aus der ganzen Welt und deren Erfahrungen zwischen freier Meinungsäußerung und Überwachung berichtet.

Fazit

Schon diese kleine Auswahl der von uns besuchten Veranstaltungen zeigt die inhaltliche Vielfalt der re:publica. Selten hat man die Möglichkeit, in so kurzer Zeit in so vielen verschiedenen Bereichen Input sammeln zu können. Der hohe Stellenwert von Netzpolitik auf der re:publica zeigt, dass die Internetnutzung auch immer mit den Herausforderungen ihrer Gestaltung und Gestaltbarkeit einhergeht. Die hier beschriebenen Veranstaltungen sind natürlich nur eine kleine subjektive Auswahl. Die große thematische Breite ist es, die den Reiz der re:publica ausmacht. Bezüglich der Organisation gab es kaum etwas zu bemängeln. Aus den in den letzten Jahren kritisierten Problemen eines überlasteten WLANs hat man offenbar gelernt; wir hatten kaum Probleme mit der Nutzung. Einen dicken Pluspunkt verdienen die Organisatoren außerdem für eine kleine Auswahl an vegetarischen Gerichten. Zusammenfassend gab es für uns sehr viele spannende Inhalte bei entspannter Atmosphäre und grandiosem Wetter in Kreuzberg. Was bleibt, ist eine Perspektive, die in der täglichen Nutzung des Netzes doch manchmal untergeht: Das Internet wird von Menschen gemacht. Re:publica, wir sehen uns bestimmt wieder!

Fabian war von April 2013 bis Juni 2017 Teil des Projecter Teams.

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  1. Da ich leider nicht selbst teilnehmen konnte, freue ich mich umso mehr um diesen umfangreichen Rückblick. Der Beitrag zum Urheberrecht klingt besonders spannend. Vielleicht findet sich ein Mitschnitt im Netz.

    • Hallo Maxi, vielen Dank für dein Feedback. Der von dir erwünschte Mitschnitt ist bereits im Textabschnitt zum Vortrag verlinkt. Viel Spaß beim Anschauen!