„Du wirkst erschöpft. Wie wäre es mit einer neuen Kaffeemaschine?“ – ChatGPT Ads ist da | Projecter Weekly #30 2026
Seit dem 2. August müsst ihr KI-Inhalte kennzeichnen. Das hat sich mittlerweile (hoffentlich) rumgesprochen, aber die Umsetzung ist vielen unklar: Was ist mit dem KI-bearbeiteten Produktfoto? Oder dem durch KI entworfenen Website-Text? In dieser Ausgabe, aber auch in unserem Webinar am 1. September befassen wir uns näher damit – jetzt schon mal anmelden.
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Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🧑🎓 wieso bessere Hausaufgaben schlechtere Klausuren bedeuten,
🔍 weshalb ChatGPT eure Marke schon kennt – oder eben nicht –, bevor es überhaupt sucht,
📺 warum eure YouTube-Views ab sofort steigen, ohne dass irgendjemand länger zuschaut.
Entwicklungen & Trends
ChatGPT Ads starten in Deutschland mit eingeschränkter Pilotphase
Seit Montag, dem 24. August, zeigt ChatGPT in 31 europäischen Märkten Werbung – Deutschland, Österreich und die Schweiz inklusive, genau sechs Monate nach dem US-Pilot. So weit die Schlagzeile, die eigentlichen Nachrichten stecken im Kleingedruckten.
Erstens: Selbst buchen könnt ihr noch nicht. Zum Start läuft alles über große Agenturnetzwerke – genannt werden Publicis, WPP, Omnicom, MediaPlus, Havas und dentsu. Den Self-Service-Manager verspricht OpenAI für „später in diesem Sommer“, und wir sagen es ungern: Viel Sommer ist nicht mehr übrig. Wer nicht bei einem der Netzwerke einkauft, landet vorerst auf der Warteliste.
Zweitens: Europa bekommt die entschärfte Variante. Personalisierte Anzeigen sind im EWR und in der Schweiz zunächst nicht verfügbar – die DSGVO verlangt dafür eine ausdrückliche Einwilligung. Ausgespielt wird rein kontextbasiert (aktuelles Gespräch, grober Standort, Sprache), und zwar nur im Gratis- und im Go-Tarif; Plus, Pro, Business, Enterprise und Edu bleiben werbefrei, Minderjährige ebenso, sensible Themen wie Gesundheit und Politik sind komplett ausgenommen. Fürs Reporting gibt es aggregierte Kennzahlen und (verständlicherweise) keinen Blick in einzelne Chats.
Warum der Kanal trotzdem auf jede Watchlist gehört: Dave Dugan, VP of Ads bei OpenAI, spricht vom Wechsel von der Aufmerksamkeits- zur „Intelligence Economy“ – Marken müssen nicht mehr laut sein, sondern nützlich. Dahinter steht die Beobachtung, dass rund jedes fünfte ChatGPT-Gespräch eine kommerzielle Absicht hat. Menschen kommen mit einem konkreten Vorhaben, nicht zum Scrollen und gestalten damit ein fundamental anderes Umfeld als beispielsweise ein Social Media Feed. Das gleiche gilt allerdings auch für die Suchergebnisseite bei Google. Bei den kursierenden Performance-Zahlen bleiben wir demnach skeptisch: Die minus 60 Prozent Cost per Purchase und minus 20 Prozent CPM stammen aus einem Presse-Briefing, nicht aus dem offiziellen Blogpost, und niemand kann sie unabhängig prüfen. Und während Business-CMO Colin Fleming über 25 Prozent Wachstum beim täglichen Werbeumsatz seit Anfang August meldet, rechnet eMarketer vor, dass der gesamte US-Chatbot-Werbemarkt 2030 gerade mal bei 5,41 Mrd. $ liegen dürfte. Beides zusammen ergibt: früh, klein, heiß gehandelt.
Unser Take: Budget umschichten wäre jetzt albern, ignorieren auch. Wer erklärungsbedürftige Produkte verkauft, bei denen Menschen vergleichen und abwägen, sollte sich einen Testetat und einen Platz auf der Warteliste sichern, solange die Konkurrenz dünn ist. Wir sind verfolgen das natürlich engmaschig und stehen in den Startlöchern, euch dann dabei unterstützen zu können!

Bessere Hausaufgaben, schlechtere Prüfungen: wie sich Chatbots in der Schule auswirken
26.811 Schüler*innen, neun Schulen, drei Jahre – das ist die bislang größte Untersuchung zum Einfluss von Chatbots aufs Lernen. Drei Ökonomen aus Stockholm und Hongkong haben Jugendliche zwischen 12 und 18 in Zentralchina von September 2022 bis Juni 2025 begleitet; rund 80 Prozent von ihnen nutzten regelmäßig KI. Das Ergebnis erscheint logisch, aber schmerzhaft: Die Bewertung der Hausaufgaben verbesserte sich um 18 Prozent, die Bearbeitungszeit sank von 64 auf 45 Minuten – und die Klausurleistungen ohne Hilfsmittel fielen binnen sechs Monaten um 20 Prozent. Bei den Langzeit-Nutzer*innen fielen die Noten der Abschlussprüfungen um 18 bis 24 Prozent schlechter aus. Der Economist hat die Daten aufbereitet: Die Aufgabe wird erledigt, das Lernen fällt aus. Wer im Job schon mal einen KI-Text ungeprüft abgenommen hat, kennt den Mechanismus, allerdings schreibt man im Berufsleben selten Klausuren, die das auffliegen lassen.
OpenAI hat quasi zeitgleich „ChatGPT for Teens“ gestartet: 13- bis 17-Jährige landen automatisch in einer eingeschränkten Variante mit Study Mode (Leitfragen statt Lösungen), Hausaufgaben-Reminder und „Quiet Hours“.

Romantische Sprache und das Behaupten eigener Gefühle sind dem Chatbot komplett untersagt; Eltern können Konten verknüpfen, sehen die Chats ihrer Kinder aber nicht – nur Sicherheitswarnungen. Soweit so vernünftig, allerdings ist der Study Mode sehr leicht zu umgehen.

ChatGPTs neuer „Teen Mode“ in Aktion
Außerdem läuft gerade ein Prozess, der dieselbe Frage vor Gericht bringt. In Oakland verhandeln seit Mitte August Kalifornien, Colorado, Kentucky und New Jersey gegen Meta – vier Bundesstaaten, stellvertretend für eine Koalition von 29 Generalstaatsanwaltschaften. Der Vorwurf lautet, Instagram und Facebook seien gezielt auf die Abhängigkeit von Kindern zugeschnitten, unter Verstoß gegen das Kinderschutzgesetz COPPA. Beziffert sind rund 200 Mrd. $, die weithin zitierten 1,4 Billionen sind dagegen Metas eigene Hochrechnung des theoretischen Maximums, keine Forderung. Meta nennt die Vorwürfe unbelegt und argumentiert, Social-Media-Sucht sei keine anerkannte Krankheit. Zudem verweist man auf 600.000 gelöschte Konten von unter 13-Jährigen in drei Monaten. Das Urteil wird für Oktober erwartet.
Personalbeben bei Google und die Frage nach Geminis Zukunft
Am 5. August hat Google CEO Sundar Pichai per Memo einen Umbau verkündet, der es in sich hat: Demis Hassabis gibt die DeepMind-Führung ab und wird Chairman von Google DeepMind sowie Chief Scientist von Alphabet. Einen neuen DeepMind-CEO gibt es nicht, Technologiechef Koray Kavukcuoglu rückt als Senior Vice President direkt unter Pichai. Der eigentliche Hammer steht weiter unten im Memo: Jeff Dean, bis zuletzt Googles Chief Scientist, und Sanjay Ghemawat, sein langjähriger Engineering-Partner verlassen das Unternehmen nach 27 Jahren – die beiden Ingenieure, deren Freundschaft Google einst groß gemacht hat und die als Einzige je „Level 11“ erreichten. Zusammen mit DeepMind-VP Oriol Vinyals und Google-Brain-Mitgründer Quoc Le gründen sie das Startup Discovery Loop als Public Benefit Corporation, Alphabet ist Gründungsinvestor. Über 1 Mrd. $ Finanzierung bei 10 Mrd. $ Bewertung wird bereits verhandelt. Die Börse quittierte den Tag mit minus 3,9 Prozent.
Interessanter als der Kurs ist der Deutungskampf. Semianalysis erklärte DeepMind unter der Überschrift „Gemini is Cooked but GCP is Cooking“ kurzerhand zum Ex-Frontier-Lab: Googles Zukunft liege darin, die Rechenzentren für alle anderen zu betreiben. Pichai widerspricht, räumte aber im Juli selbst ein, dass es ein größeres Gemini-4-Basismodell braucht, um vorne mitzuspielen. Der Tech-Journalist M. G. Siegler, der Google seit Jahren beobachtet, liest den Umbau in seinem Blog Spyglass dagegen als möglichen Befreiungsschlag. Für den Marketing-Alltag gilt derweil das Gegenteil von Rückzug: AI Overviews erscheinen laut Similarweb inzwischen bei 43 Prozent der US-Suchen (Vorjahr: 15 %), und die Gemini-App hat erstmals 1 Mrd. monatliche Nutzer*innen geknackt. Wer aus dem Beben ableitet, Google verliere die Suche, verwechselt Forschungsprestige mit Marktanteil. Was Google verliert, ist etwas anderes: die Selbstverständlichkeit, als Ursprungsort dieser Technologie zu gelten.
KI News
Webinar am 1. September: Wir holen euch zum AI Act ab

„Wir nutzen doch nur ChatGPT“ reicht als Antwort beim Thema Kennzeichnung von KI-Content leider nicht mehr, denn seit dem 2. August gelten die Transparenzpflichten des EU AI Act. In unserem Webinar am kommenden Dienstag, den 1. September, sortiert unsere Geschäftsführerin Katja von der Burg gemeinsam mit Datenschutz- und KI-Consultant Olivia Satchel für euch, welche Inhalte ein AI Label brauchen und warum. Im Anschluss beantworten sie eure Fragen. Jetzt noch kostenfrei anmelden.

Anthropic möchte im Oktober and die Börse und sorgt für Kostendiskussionen
Anthropic steuert auf einen Oktober-Börsengang zu und die Financial Times berichtet von einer angepeilten Bewertung von 2 Bio. $ oder mehr. Das wäre der größte IPO der Geschichte, noch vor SpaceX im Juni. Investoren erwarten zum Jahresende 100 bis 120 Mrd. $ annualisierten Umsatz bei Anthropic. Gary Marcus, KI-Forscher und einer der lautesten Kritiker der Branche, stört sich weniger an der Zahl als am Zustandekommen: Anthropic schweigt in der SEC-überwachten Quiet Period („Anthropic may be ‚quiet‘, but its fans are not“), während Leaks mit nicht offengelegten Unterlagen und ungenannten Quellen kursieren, darunter eine Reuters-Umsatzprognose von 190 bis 200 Mrd. $ für 2028. Marcus‘ Vorwurf lautet selektive Offenlegung: Positive Zahlen finden ihren Weg nach draußen, prüfbar ist keine davon.
Den passenden Kontrapunkt liefert ausgerechnet Anthropics größter Partner. Die FT hat interne Amazon-Dokumente ausgewertet, nach denen ein einzelnes Claude-Projekt rund 1,8 Mio. $ verbrauchte und fünf Monate unbemerkt weiterlief – 860 Prozent über Budget. Das interne Zitat dazu: Es sei schwierig herauszufinden, was irgendetwas KI-Bezogenes eigentlich koste. Wenn das Amazon passiert – dem Konzern, der Kostenkontrolle als Kernkompetenz führt –, ist das kein Amazon-Problem, sondern ein Branchenzustand. Google positioniert sich gerade genau in diese Lücke: Gemini 3.7 Flash startet mit 0,75 $/3,75 $ pro Mio. Token und legt im Coding-Benchmark deutlich zu. Bevor ihr kalkuliert, lest das Kleingedruckte mit: Das ist ein Einführungspreis bis 31.12.2026, ab Januar gilt der doppelte Satz.
Unsichtbar markiert: Claude, Spotify und die Kennzeichnungswelle
In Ausgabe #29 ging es um die Kennzeichnungspflicht nach Artikel 50 der KI-Verordnung. Jetzt zeigen zwei Anbieter ihre Antworten – und die könnten unterschiedlicher kaum sein.
Anthropic versieht die Ausgaben neuerer Claude-Modelle mit einem unsichtbaren Wasserzeichen. Es steckt direkt im Text, übersteht Kopieren und teilweise auch Bearbeitung und gilt für alle ab dem 2. August ausgelieferten Modelle; ältere sollen nachgerüstet werden, betroffen sind API, Claude, Claude Code und Cowork. Für Bilddateien kommen zusätzlich signierte C2PA-Metadaten dazu. Technisch funktioniert das so, dass ein geheimer Schlüssel die Zufallsquelle für die Wortwahl steuert – heraus kommt ein statistisch nachweisbares Muster, das kein Mensch sieht. Anthropic schränkt selbst ein, dass ein Treffer nicht abschließend beweisend ist und kurze Passagen kaum erkannt werden. Der Blogger John Gruber wendet ein, dass eine Synonymwahl nach Wasserzeichen-Schlüssel statt nach inhaltlicher Genauigkeit die Textqualität beschädigen könnte – was der Aussage widerspricht, es gebe keinen Einfluss auf Qualität und Lesbarkeit. Belegt ist das nicht, plausibel schon.

Spotify geht den offensichtlichen Weg und führt ab Mitte September ein „AI Persona“-Label ein. Betroffen sind Künstlerprofile, deren öffentliche Identität KI-generiert ist; solche Accounts erscheinen künftig standardmäßig nicht mehr in redaktionellen oder algorithmischen Empfehlungen, sondern nur noch bei denen, die ihnen aktiv folgen. Der wichtige Zusatz steht im Spotify-Newsroom selbst: Markiert wird ausschließlich, wer da als Künstler*in auftritt – ob beim Produzieren KI mitgewirkt hat, spielt für das Badge keine Rolle. Für die Produktionsfrage verweist der Dienst auf AI Credits und SongDNA. Heise ordnet das als Reaktion auf die Flut KI-generierter Musik ein, die reale Künstlerinnen aus den Playlists verdrängt.
Der Unterschied ist aufschlussreich: Anthropic markiert das Werk und hofft, dass jemand nachprüft. Spotify markiert den Absender und entzieht ihm gleichzeitig die Reichweite. Die zweite Variante hat spürbarere Folgen und trifft, ganz nebenbei, dieselbe Logik, die LinkedIn seit Ende Juli mit seinem Slop-Melde-Button verfolgt.
KI-News im Ticker
Was in keiner Bilanz auftaucht: Das Wall Street Journal hat bei neun großen Tech-Konzernen zusammengezählt, was außerhalb der Bücher an KI-Zusagen steht: drei Billionen Dollar. Davon entfallen 1,9 Billionen auf fest bestellte Hardware und 1,2 Billionen auf Mietverträge für Rechenzentren, die noch gar nicht in Betrieb sind. Bei Alphabet und Amazon ist der freie Cashflow darüber ins Minus gekippt.
Die Rechnung für Agenten wächst mit: Das Unternehmen Gartner sagt voraus, dass ein agentischer Arbeitsablauf 2028 mehr als das Fünffache an Inferenzkosten verschlingen wird wie heute. Je günstiger die einzelne Anfrage, desto mehr davon werden gestellt und am Monatsende steht dann trotzdem eine höhere Summe.
Getestet ja, skaliert nein: In einer Deloitte-Umfrage unter 501 US-Führungskräften sind 42 Prozent der KI-Projekte über Pilotversuche hinaus oder bereits im Einsatz, ein skaliertes Zusammenspiel mehrerer Agenten schaffen aber nur 15 Prozent. Nur 21 Prozent halten ihre eigenen Prozesse überhaupt für agentenfähig.
Neue Zahlen zum Job-Wandel durch KI: Goldman Sachs beziffert die Callcenter-Beschäftigung auf 39 Prozent unter Trend in den USA und 27 Prozent in Deutschland. Betroffen sind ausdrücklich auch Unternehmensberatung und Werbung, am stärksten Berufseinsteiger*innen.
Suchmaschinen
ChatGPT weiß schon, wen es empfiehlt – bevor es sucht
Der GEO-Befund der Woche stellt einiges auf den Kopf, was gerade als Handwerk verkauft wird. Der norwegische SEO-Berater Suganthan Mohanadasan hat mitprotokolliert, was ChatGPT im Hintergrund tut, bevor die Antwort erscheint – 57 Gespräche für die Zitationsdaten, 27 für einen gezielten Test. Das Ergebnis: Noch bevor eine einzige Seite abgerufen wird, hat das Modell seine Marken-Shortlist im Kopf und schreibt sie selbst in die Suchanfrage. In 21 von 27 Tests standen in der allerersten Query Marken, die vorher niemand erwähnt hatte. Diese Vorauswahl entscheidet wiederum fast alles: Die Marken darin landeten zu 68,9 Prozent in der finalen Antwort, wer erst über die Suche dazukam, zu 2,1 Prozent. SEO Südwest folgert entsprechend trocken: Manche Websites haben strukturell keine Chance, egal wie sauber sie optimiert sind. Wichtig für die Einordnung ist, dass alle Daten aus einem einzigen Plus-Account in Dubai stammen und somit Richtungswerte, aber keine Marktforschung sind. Aber der Verdacht lautet: Entscheidend ist, was das Modell bereits über eure Marke gelernt hat. Markenarbeit ist jetzt auch Trainingsdaten-Arbeit.
Ganz passend dazu ist der Reddit-Einbruch: Promptwatch misst einen Rückgang der Reddit-Citations in ChatGPT Search von 3,83 auf 0,52 Prozent (–86,4 Prozent) seit Mitte August, Peec AI kommt auf –79 Prozent. Währenddessen hat sich die Zahl der Quellen pro Chat auf 25,9 verdoppelt hat und Listicles werden um die Hälfte seltener zitiert. Ursache ist wohl eine geänderte Suchmechanik seit Anfang August, kein neues Modell. Der Reddit-Anteil war allerdings schon 2025 mal eingebrochen und kam zurück. Und Mohanadasan fand auch heraus, dass Reddit im Datenverkehr quicklebendig war – bei einer Anfrage zu KI-Kundenservice-Tools kamen 84 von 221 abgerufenen Treffern aus Reddit-Threads, zitiert wurde keiner. Nicht genannt zu werden heißt eben nicht, nicht genutzt zu werden.
33 % KI-Texte im Netz in der Post ChatGPT Ära
Das Pew Research Center hat 490.000 englischsprachige Seiten aus dem Common Crawl analysiert: Über den ganzen Bestand gerechnet tragen zehn Prozent des Contents deutliche KI-Merkmale, schaut man nur auf das, was seit dem ChatGPT-Start Ende November 2022 dazukam, sind es über 33 Prozent. Die Verteilung spricht Bände: .com-Seiten rund zehn Prozent, .org 4,6, .edu und .gov jeweils etwa eins. Wo jemand mit seinem Namen für den Text geradesteht, bleibt der AI-Slop (noch) selten. Die Erkennungsmerkmale lesen sich wie eine Beichte der ganzen Branche: Gedankenstriche seit 2023 verdoppelt, Oxford-Komma plus 63 Prozent, „delve“ und „interplay“ mehr als verdoppelt, „not just X, it’s Y“ fast verdreifacht.
Eine Einordnung, die in den Schlagzeilen fehlt: Pew erkennt diese Seiten über ein statistisches Modell namens Open Pangram, das Stilmerkmale misst, nicht die Autorschaft. Wer alsoo schon immer gern Gedankenstriche gesetzt hat, könnte fälschlicherweise in die KI-Erkennung einsortiert werden. Andererseits bestätigt jeder Besuch des LinkedIn-Feeds im Moment den statistischen Befund vollumfänglich. Je mehr Marketing-Bubble, desto höher der offensichtliche KI-Anteil der dort geposteten Texte …
Social Media
YouTube bläst die View-Zahlen auf
Seit dem 24. August zählt YouTube einen View ab dem ersten Frame – für lange Videos, Shorts, Podcasts und Livestreams gleichermaßen. Damit übernimmt die Plattform die Zählweise von TikTok und Instagram. Was bisher ein View war, heißt jetzt „Engaged View“ und bleibt nur noch in den Creator-Analytics sichtbar.
Für die Monetarisierung ändert sich nichts: Auszahlungen und Werbeabrechnung hängen weiterhin an den strengeren Metriken.

Was sich ändert, ist die Zahl, die alle sehen. Wie stark sie steigt, weiß außerhalb von YouTube niemand; in der Creator-Szene kursieren Schätzungen von 30 bis 40 Prozent, eine Datenauswertung landet bei rund 30. Verlässlich ist das nicht, und genau das ist der Punkt: Wer Kampagnen über Zeiträume hinweg vergleicht, bekommt ab Montag einen Bruch in die Zeitreihe, der nichts mit der Kampagne zu tun hat. Wenn ihr Reportings mit YouTube-Views baut, gehört dort jetzt eine Fußnote hin.
Meta AI kommt auf den Mac
Meta hat rund um den 19. August eine Desktop-App für den Mac veröffentlicht, die sich ausdrücklich an kleine Unternehmen und Creator richtet. Sie analysiert die Performance auf Instagram und Facebook, erkennt, welche Inhalte funktionieren, lässt sich mit Google Workspace verbinden – also Business-Mail, Kalender und Dokumente – und erstellt auf Zuruf wiederkehrende Berichte.
Praktisch klingt das, und etwa für Ein-Personen-Teams ist es das vermutlich auch. Der Preis steht allerdings in den Nutzungsbedingungen: Laut Metas Datenschutzrichtlinie können die geteilten Daten – einschließlich der aus verknüpften Google-Business-Konten – für KI-Training und für die Werbeausspielung genutzt werden. Nur der Inkognito-Modus verarbeitet Chats ohne Meta-Zugriff. Wer also den Kalender und die Geschäftsmails eines Kunden verknüpft, sollte vorher wissen, ob dieser Kunde damit einverstanden wäre.

Ein Spielerpost ist 82 Verbandsposts wert: Was die WM übers Sponsoring verrät
Das deutsche Analyseunternehmen Shikenso hat die WM auf Social Media durchgezählt: 37.519 Social-Media-Posts von 48 Teams, 2,97 Milliarden Interaktionen und 38,44 Milliarden Impressionen bei einer Interaktionsrate von 7,72 Prozent. Interessant ist weniger die Größenordnung als die Verteilung, denn die fällt so eindeutig aus, dass sie eine Budgetfrage aufwirft.
Rund drei Viertel des gesamten Social-Werts entfielen auf Instagram, und dort fast vollständig auf die Konten der Spieler. Ein einzelner Spielerpost brachte im Schnitt einen Gegenwert von etwa 2,18 Millionen Euro, ein Verbandspost dagegen rund 26.000 – Faktor 82. Erling Haaland allein kam mit einem Post nach dem norwegischen Sieg über Brasilien auf etwa 733 Millionen Impressionen und einen rechnerischen Wert von 16,7 Millionen Euro; über das ganze Turnier gewann er gut 22 Millionen Follower*innen dazu, mehr als jeder andere Spieler.
Wie wenig sportlicher Erfolg damit zu tun hat, zeigt der Vergleich zweier Tabellen: Spanien wurde Weltmeister und landete beim Followerwachstum nur auf Platz 17. Vorn stehen die Überraschungen – Kap Verde legte nach dem Einzug in die K.-o.-Runde um 333,6 Prozent zu, Norwegen um 186,2, Ägypten um 148,5 Prozent. Wachstum entsteht offenbar dort, wo eine Geschichte erzählt wird, nicht dort, wo am Ende der Pokal steht.

Social Media News im Ticker
✍️ Instagram hat einen neuen Schriftzug: Adam Mosseri, Chef von Instagram, stellte im August den ersten Wortmarken-Wechsel seit zehn Jahren vor. Die Reaktionen sind gemischt, und wer beim ersten Hinsehen „Instagzam“ gelesen hat, ist nicht allein.
🇫🇷 Frankreichs Verbot für Unter-15-Jährige ist gekippt. Zwei Wochen vor dem geplanten Inkrafttreten am 1. September hat der Verfassungsrat das Gesetz am 14. August für verfassungswidrig erklärt – es sei ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Kommunikationsfreiheit, weil es pauschal auch Plattformen erfasst, für die kein Risiko belegt ist. Die Ausweitung des Handyverbots, das bereits in der Grund- und Mittelstufe gilt, beanstandete der Verfassungsrat jedoch nicht: Auch in der Oberstufe dürfen nun keine Telefone mehr genutzt werden.
❌ X ist als Werbeplattform auf ein Drittel geschrumpft. Die SpaceX-Quartalszahlen legen erstmals offen, wie klein das Geschäft geworden ist: 367 Millionen Dollar Werbeumsatz im zweiten Quartal 2026, verglichen mit 1,08 Milliarden im selben Quartal 2022, dem letzten vor der Übernahme. Das sind 66 Prozent weniger.
🎥 Vine ist zurück, und zwar ohne KI. Die App heißt diVine, stammt von Evan Henshaw-Plath – dem ersten Twitter-Mitarbeiter überhaupt – und wird von Jack Dorsey finanziert. Sechs-Sekunden-Loops, dezentral aufgebaut, wählbare Feeds statt eines Werbealgorithmus und ein ausdrückliches Verbot KI-generierter Inhalte, durchgesetzt über Herkunftsnachweise und menschliche Prüfung. Dazu ein von Archivar*innen gerettetes Vine-Archiv. Nach der Beta läuft gerade der offizielle Start, erste Markenpartnerschaft ist Taco Bell.
🎨 Canva kann jetzt Gen Z. Mit der Spracheinstellung „English (Chronically Online)“ wird die Oberfläche auf Internet-Slang, Wortspiele und Emojis umgestellt, Canva AI antwortet entsprechend lockerer, und es gibt eigene Vorlagen sowie einen kuratierten Suchbereich, von Canva selbst als „die FYP, aber für Templates“ beschrieben.

Lesetipps & Empfehlungen
Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …
Die Schabowski-Skala: Carline Mohr hat ihr KOM-Essay frei zugänglich gemacht, ein Rant über Social-Media-Fails in der Politik und wie man sie vermeiden könnte. Ihr Gedankenexperiment als Maßstab: Was, wenn Günter Schabowski die Grenzöffnung 1989 nicht in der Pressekonferenz verkündet hätte, sondern per Kommentar – „sofort, unverzüglich“, vielleicht mit Smiley? Eine glatte 10 von 10. Auf derselben Skala bewertet sie das Söder-Boys-Club-Foto mit 6, Lambrechts Silvestervideo mit 7 und KI-Slop mit 8,5. Ihre These: Politische Social-Media-Pannen sind fast nie im Kanal begründet, sondern in der eigenen Haltung dazu – was z. B. Friedrich Merz‘ nächtlicher WM-Post noch einmal bestätigt hhat.
Bending Spoons: kaufen, entlassen, Preise erhöhen. Martin Gardt hat für OMR Daily durchgerechnet, wie das Mailänder Unternehmen arbeitet: Es kauft etablierte B2C-Software-Marken (Komoot für rund 300 Millionen Euro, dazu Evernote, WeTransfer, Eventbrite, Meetup, Vimeo, Tractive und AOL für 2,8 Milliarden Dollar), entlässt bei Komoot und WeTransfer je rund 75 Prozent der Belegschaft, zentralisiert die Entwicklung und hebt die Abopreise an – bei Evernote um 86 Prozent. Im Frühjahr 2026 stammten 90 Prozent der Code-Änderungen von KI.
Wie Big Tech die amerikanischen Schulen übernommen hat: Natasha Singer war für ihre NYT-Titelgeschichte bei einem Microsoft-Workshop, in dem 200 Lehrkräfte lernten, Copilot-Chatbots zu bauen. Ihre Recherche zeigt, wie Microsoft, Google, Amazon, Apple, Meta und OpenAI die Fortbildung von Lehrer*innen finanzieren, und zieht die Parallele zur Pharmaindustrie: „Industry funds what helps industry.“
Amazon kauft seltene Bücher – und zerschneidet sie. 404 Media hat eine Sendung antiquarischer Bücher bis in ein Amazon-Lager in Las Vegas verfolgt, wo Buchrücken abgeschnitten werden, damit sich die Seiten schneller scannen lassen. Das Motiv: vergriffene Texte, die nirgends digital vorliegen, sind sauberes Trainingsmaterial – anders als das Netz, das inzwischen zu großen Teilen aus KI-Ausgaben besteht. Ein erschreckendes Bild, das ebenfalls Teil der Trainingsdatendebatte ist.
Verraten eure Emojis euer Alter? Die New York Times hat 665 Millionen Emojis aus Googles Android-Tastatur ausgewertet. Die drei meistgenutzten: 😭, 🤣, 😂 – wobei 😭 den ersten Platz belegt, weil Jüngere die beiden folgenden Lach-Emojis für abgenutzt halten. Schnell im Kommen sind 🥀 für Herzschmerz und 🗿 als ausdruckslose Reaktion. Und das Emoji, das euch als „älter“ verrät, ist dieses: 👍 Ganz interessant für alle, die Community-Kanäle betreuen.
