Teure Maß, noch teureres Reel 🍺 | Projecter Weekly #33 2026
Die KI-Branche hat diese Woche etwas getan, das es so noch nicht gab: Sie hat sich geschlossen selbst für gefährlich erklärt. Amazon schickt seine Werbekunden währenddessen jetzt zu ChatGPT, die EU will heute seinen Entwurf für den „EU Kids Act“ vorlegen, und die Stadt München bittet Creator*innen nun zur Kasse. 🥨
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🔢 warum Mathematiker*innen einen Protestbrief gegen OpenAI geschrieben haben,
🎸 warum euer Instagram-Name in Gefahr sein könnte (Spoiler: die KI ist Schuld),
🛍️ und warum ihr euch jetzt schon einmal für unser Masterclass Webinar am 1. Oktober anmelden solltet.
Entwicklungen & Trends
Alle wollen bremsen, kaum einer steigt vom Gas
Am 8. September hat der KI-Forscher Jacob Coxon hingeworfen – er hatte bei Anthropic am Pretraining der Modelle gearbeitet – und zum Abschied auf X geschrieben: „Neither company is acting responsibly. They are racing straight to self-improving superintelligence and gambling with our lives.“ Gemeint sind Anthropic und OpenAI, für die er zusammen rund drei Jahre gearbeitet hat. Der Post kam innerhalb kürzester Zeit auf über 115 Millionen Aufrufe, und einen Tag später legte Evan Hubinger nach, bei Anthropic zuständig für Alignment Science (also für die Frage, ob ein Modell am Ende das tut, was seine Entwickler*innen wollten). Seine Schätzung: über zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, dass KI eine realistische Gefahr für die Menschheit darstellen könnte.
Am Samstag darauf veröffentlichte Anthropic-Chef Dario Amodei den Essay „We Must Pace the Frontier“ mit drei Forderungen: fest eingebettete externe Prüfer*innen mit dauerhaftem Zugang auf Mitarbeiterniveau, eine Koalition der führenden Labore in Demokratien für gemeinsame Sicherheitsstandards, und Gespräche mit autokratisch regierten Ländern, die sich auf klar umrissene Gefahrenfelder wie Biowaffen beschränken. Zur ersten Forderung verpflichtet sich Anthropic einseitig, ohne auf die Konkurrenz zu warten. Was Amodei ausdrücklich nicht meint, schreibt er selbst: „pacing does not mean halting model training or technical progress“. OpenAI-Chef Sam Altman zog mit und sagte Fortune, ein Börsengang wäre gerade „ill-advised“ – „I would say not 2026″. xAI-Gründer Elon Musk und Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis stimmten ebenfalls zu, Hassabis allerdings nur der Richtung – die Details müssten noch durchgearbeitet werden, und er verwies auf seinen eigenen Vorschlag für ein Branchengremium.

US-Präsident Donald Trump nannte die Sicherheitswarnungen hingegen das Werk „negativer Kräfte“. Seine eigene Haltung passt in vier Wörter: „Whoever wins AI, wins“. Wem die Entwicklung zu schnell gehe, der könne das Tempo im eigenen Haus drosseln, eine Vorschrift aus Washington brauche es dafür nicht, so Trumps KI-Berater. Mike Johnson, Vorsitzender des US-Repräsentantenhauses, will von einem Notfall-Moratorium ebenfalls nichts wissen, lädt aber zu einer Runde mit Trump, der Kongressspitze und den Chef*innen der Labore. Vorerst sieht es also nicht nach einer Einigung auf eine gemeinsame Linie aus. Auch aus Peking kam am Montag die erwartbare Zurückweisung: Das Außenministerium sprach von Panikmache und einer Störung der globalen KI-Governance.
Und die Börse hat die politische Debatte als das gelesen, was sie für Anleger*innen aktuell ist: ein Risiko. Am Montag gaben DAX (−0,50 %), S&P 500 (−0,48 %) und Nasdaq Composite (−0,56 %) nach, Softbank verlor zweistellig, Aixtron zeitweise über elf Prozent. Bemerkenswert ist auch die Gegenbewegung: SAP legte um gut fünf Prozent zu, weil die Sorge nachließ, KI zerlege das Geschäftsmodell klassischer Software-Häuser. Daran lässt sich gut erkennen, wie volatil die Branche im Moment ist.
Und so könnte eine Form der Selbstregulierung aussehen
Erst vor wenigen Tagen wurde nun bekannt, dass OpenAI, Anthropic und Google DeepMind über ein gemeinsames Gremium verhandeln, das fortgeschrittene Modelle vor der Veröffentlichung nach einheitlichen Kriterien prüfen soll. Neu ist der Plan nicht: Laut heise laufen die Gespräche bereits seit Juli, und das Vorbild ist die US-Finanzaufsicht FINRA – eine von der Branche finanzierte, staatlich beaufsichtigte Selbstverwaltung der US-Wertpapierbranche. Konkrete Vorschläge will OpenAI „in den kommenden Monaten“ vorlegen.
Der lauteste Widerspruch kam von einem kleineren Wettbewerber, der nicht am Tisch sitzt: Aidan Gomez, Chef des kanadischen KI-Anbieters Cohere, nannte die Konstruktion in einem Blogpost „a wolf in sheep’s clothing, a cartel by any other name“ und stellte die Frage, die den Kern trifft: Sollen ausgerechnet ein paar marktbeherrschende Unternehmen aus dem Silicon Valley die Sicherheitsstandards einer Generationentechnologie definieren?
Während Altman den Börsengang erstmal verschiebt, peilt Anthropic für Oktober einen Nasdaq-Gang mit einer Bewertung von bis zu zwei Billionen US-Dollar an – rund das Doppelte der letzten Privatmarktbewertung von 965 Milliarden. Der Tech-Journalist Casey Newton hat in seinem Branchenbrief auf Platformer noch einmal aufgeschrieben, weshalb ein Warnruf an Glaubwürdigkeit verliert, sobald er aus dem Labor selbst kommt: Er lässt sich fast immer genauso gut als Werbung lesen, als Vorwegverteidigung gegen spätere Vorwürfe oder als Versuch, die eigene Aufsicht gleich mitzuschreiben.
Black Friday rückt näher: Jetzt zum Webinar anmelden
Denn was ihr jetzt umsetzt, entscheidet darüber, wie erfolgreich euer November wird. In unserem Masterclass Webinar am Donnerstag, den 1. Oktober 2026, zeigen euch unsere Kolleg*innen Silja Hefner, Alexander Beck und Viktoria Tauchnitz, was in der nächsten Zeit wirklich auf eure To-do-Liste gehört und wie Social Media, Social Ads und Affiliate Marketing dabei in einem Funnel ineinandergreifen statt nebeneinander herzulaufen. Drei Keynotes mit Insights aus unserem Agenturalltag – jetzt kostenfrei anmelden und euren Platz im Webinar sichern!

KI News
Updates im Kurz-Ticker
🔢 KI löst ein Mathe-Rätsel von 1934 – und die Mathematik protestiert. OpenAI hat eine Lösung für das Navier-Stokes-Problem vorgelegt, eines der sieben großen ungelösten Probleme des Fachs. Drei Tage später unterschrieben 25 Träger*innen der Fields-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Mathematik, einen Protestbrief: Wenn eine Maschine massenhaft Beweise liefert, die niemand mehr nachvollziehen kann, geht das Verständnis verloren – und darum geht es in der Mathematik ja eigentlich.
💰 Unternehmen kaufen KI billiger, nicht besser. Der Ramp AI Index für September zeigt, dass der Anteil der Spitzenmodelle am verarbeiteten Volumen von 53 auf 45 Prozent gefallen ist: Firmen weichen aus Kostengründen auf günstigere Standardmodelle aus. Die Token-Preise sind seit dem „Märzhoch“ um 41 Prozent gesunken, die KI-Ausgaben pro Kopf gehen bei den intensivsten Nutzer*innen erstmals zurück. In den USA wird über eine Sicherheitsbremse diskutiert, während die Kundschaft aus Kostengründen selbst spürbar vom Gas geht.
🛑 OpenAI nimmt keine neuen Pro-Abos mehr an. Die 200-Dollar-Stufe ist für Neuanmeldungen vorerst geschlossen, weil die Nachfrage nach dem Anfang September gestarteten Modell Astra die Systeme überlastet. Bestehende Abos laufen weiter, API, Plus und Go nehmen weiter Kund*innen auf.
👀 Anthropic hat offengelegt, wofür Claude schon missbräuchlich genutzt wurde: Im Threat-Intelligence-Report vom 10. September stehen sieben Missbrauchskategorien von Betrugsmaschen bis zur staatlichen Überwachung. Wir wollen es ehrlich gesagt teilweise gar nicht so genau wissen …
Content piece der Woche
Ein Offline-Fund: die Radikale Anti Smartphone Front
Auf dem Weg zu einem Workshop (und vorbei am Münchener Oktoberfest) haben wir diese Zettel der sogenannten RASF gesichtet: „Exit Social Media!“, „Regulate Big Tech!“, „Stop Digital Dystopia!“. Dahinter steckt keine Splittergruppe, sondern der Berliner Künstler und Aktivist Benno Flügel, der seine vor zehn Jahren gestartete Bewegung 2026 reaktiviert hat und seither Städte von Wien bis London beklebt – „radikal“ meint bei ihm die Haltung, nicht die Mittel: gegen Smartphones hat er nichts, gegen Algorithmen, Vergleichsdruck und Polarisierung schon. Wir haben den Fund trotzdem mit dem Smartphone fotografiert.


Suchmaschinen
Amazon bringt seine Werbekunden zu ChatGPT
Amazon Ads und OpenAI haben einen Pilotversuch gestartet: Ein Teil der US-Kundschaft kann laufende Kampagnen aus Amazons Einkaufsplattform für programmatische Werbung (DSP) jetzt zusätzlich in ChatGPT ausliefern lassen. Wichtig für die Einordnung: Es gibt speziell hierbei kein neues Anzeigenformat und keinen neuen Buchungsweg. Namentlich genannt ist bisher ein Pilotkunde, der Reiseanbieter Delta Vacations.
Für den deutschen Markt heißt das zunächst: abwarten, aber nicht abhaken – denn der Pilot läuft vorerst nur in den USA. ChatGPT Ads selbst sind seit Ende August über OpenAIs eigenen Self-Serve-Manager in Deutschland und rund 30 weiteren europäischen Märkten buchbar. Neu ist auch bei der Zusammenarbeit von Amazon und OpenAI also nicht der Kanal, sondern der Verteilweg: Wenn ein Anbieter von der Größe Amazons sein Inventar an ChatGPT anschließt, wird aus einem Self-Serve-Experiment ein programmatisch einkaufbarer Platz.
Das Ganze passt in ein Muster, das wir seit Wochen beschreiben: In unserer Ausgabe #32 stand, dass Google reguläre Search Ads im AI Mode testet. Die Konzerne monetarisieren also gerade parallel die gleiche Fläche – die Antwort statt der Suchergebnisse. Wer heute schon an seiner Marketingstrategie für 2027 arbeitet, kann das im Hinterkopf behalten.
Und apropos ChatGPT Ads: Ihr wünscht euch einen Einstieg bei dem Thema, wisst aber nicht genau, wo ihr anfangen sollt? Wir beraten euch gerne – schreibt uns einfach! 💌
Social Media
Der „EU Kids Act“ ist in Arbeit
Heute will die EU-Kommission ihren Entwurf für den „EU Kids Act“ vorlegen – die erste europaweit einheitliche Regelung für Minderjährige in sozialen Netzwerken. Brüssel plant darin Vorgaben für drei Altersstufen: Für Kinder unter 13 sollen Social-Media-Plattformen verboten sein, während 13- bis 15-Jährige sogenannte „Mini-Konten“ haben dürfen. Ab 15 Jahren sollen Jugendliche Social Media dann eigenständig nutzen dürfen.

Zudem legt die EU-Kommission die Betonung auf den Begriff „safety by design“: Die Tech-Konzerne sollen im Hinblick auf Alterskontrollen, Algorithmen, möglichem Endlos-Scrollen und Auto-Play-Funktionen härter in die Pflicht genommen werden.
Wichtig für die Einordnung ist: Nichts davon ist beschlossen, und die Altersgrenze selbst ist der umstrittenste Punkt. Spanien wollte 16, Frankreich 15, das Expert*innen-Panel hatte 13 empfohlen. Frankreich hat parallel seinen eigenen Entwurf neu aufgelegt, nachdem ihn der Verfassungsrat im August als unverhältnismäßig einkassiert hatte. Wir behalten das Thema für euch im Blick!
Social Media News im Kurz-Ticker
1️⃣ Meta One ist seit Dienstag weltweit verfügbar. Das Abo bündelt die bisherigen Plus-Angebote von Instagram, Facebook und WhatsApp mit KI-Funktionen und ist auch in Deutschland buchbar. Für Privatnutzer*innen startet das Bundle bei 6,99 Euro im Monat, die Creator- und Business-Stufen reichen von 16,99 bis 549 Euro.
🍺 Das Oktoberfest bittet 2026 Creator*innen zur Kasse: Wer auf dem Festgelände Inhalte mit kommerziellem Zweck produziert – bezahlte Posts, Produktplatzierungen, Affiliate-Links, Sponsorings – braucht eine kostenpflichtige Drehgenehmigung der Stadt München, zu beantragen mindestens 14 Tage vor Festbeginn. Eine Preisliste gibt es nicht, die Höhe wird im Einzelfall festgelegt und kann laut Abendzeitung in die Tausende gehen; Livestreams sind komplett untersagt. „Oktoberfest“ und „Wiesn“ sind seit 2021 nämlich EU-Marken der Stadt. Redaktionelle Berichterstattung bleibt hingegen genehmigungsfrei – die Grenze verläuft beim kommerziellen Zweck, und die ist bei Creator-Kooperationen schnell überschritten.
🎸 Die Band Muse hat ihren Instagram-Namen verloren. Sie heißt dort jetzt @museband, während Meta seinen neuen persönlichen KI-Agenten „Muse“ getauft hat. Meta hat sich dazu nicht geäußert, der Verdacht verdichtete sich aber, als beim Produktlaunch ein Fehler dazu führte, dass Meta-Manager*innen in ihren Posts versehentlich die Band lobten. Accountnamen sind also Markenvermögen, und sie sind schlechter geschützt, als die meisten annehmen …
Duolingo kapert den iPhone Duo Launch 🦜
Apple hat kürzlich sein erstes faltbares iPhone vorgestellt – das iPhone Duo, mit einem stolzen Preis von 1.999 Dollar aufwärts. Duolingo brauchte ein paar Stunden und einen Satz: „iPhone Duo: $1999. Duo on your iPhone: free.“ Samsung legte nach („Let us know when you’re done reheating our leftovers“), Motorola und weitere Marken sprangen ebenfalls auf. Finden wir einerseits einen angemessenen Seitenhieb, andererseits wieder mal brillantes Newsjacking!

