Hausverbot für Bots, Sprechstunde auf LinkedIn und Comeback fürs Fernsehen | Projecter Weekly #38 2026

Zusammenfassen mit ChatGPT

Nvidia-Chef Jensen Huang findet, Deutschland sei technologisch abgehängt, und hat das vor dem großen Investitionsgipfel in Berlin auch genau so gesagt. Ganz so düster sieht es zumindest im deutschen Werbemarkt nicht aus: Der wächst wieder, und zwar ausgerechnet dank TV-Werbung.

Diese Woche erfahrt ihr außerdem …

🛒 warum viele Websites KI-Agenten vor die Tür setzen,

🤳 weshalb OpenAI und Co. jetzt auf Influencer*innen setzen,

🧠 und wie ihr KI nutzt, ohne dabei dumm zu werden.

Entwicklungen & Trends

Huang, Merz und die Physical AI

Bevor Jensen Huang überhaupt in Berlin gelandet war, hatte er schon seine Botschaft verschickt. „Nichts schmerzt mich mehr, als zu sehen, dass eines der technologisch fortschrittlichsten Länder so weit abgehängt wird“, sagte der Nvidia-Chef gegenüber CNBC, und weiter: „Deutschland hat so viel Talent – macht euch einfach an die Arbeit.“ Beim „Invest in Germany Summit“ am Montag und Dienstag war er dann trotzdem der Stargast von Bundeskanzler Friedrich Merz. Konkretes Ergebnis: Wirtschafts- und Forschungsministerium haben mit Nvidia eine Absichtserklärung unterzeichnet, um KI-Modelle für „Physical AI“ zu entwickeln, also KI für Fabriken, Roboter und Fahrzeuge. Die Modelle sollen auch Mittelstand und Forschung offenstehen.

Die größte Einzelzusage kam allerdings aus Seattle: Amazon will 2027 mehr als 16 Milliarden Euro in Deutschland investieren, in Rechenzentren, das Satelliteninternet Amazon Leo, Logistik und Prime Video. Das klingt nach viel, ist aber nur etwas mehr als die rund 15 Milliarden, die 2025 investiert wurden. Insgesamt spricht Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von Unternehmenszusagen über mehr als 220 Milliarden Euro.

Woran es hakt, zeigt eine ifo-Studie vom selben Tag: Der Anteil der Hightech-Forschung an den industriellen F&E-Ausgaben ist in Deutschland seit 1995 von 32 auf rund 20 Prozent gefallen, in den USA dagegen auf 68 Prozent gestiegen. Deutschland forscht also nicht zu wenig, sondern zu oft am Falschen. Und in einer Umfrage der Financial Times unter 94 Ökonom*innen gilt Europa wegen strenger KI-Regeln und seiner kleinen Rolle in der Lieferkette als einer der Wackelkandidaten im KI-Wachstum. Die Industrie, die Physical AI braucht, ist in Deutschland grundsätzlich vorhanden, jetzt muss darin auch investiert werden.

Anteil der Hightech-Forschung an den industriellen F&E-Ausgaben in Deutschland und den USA
Hightech-Forschung ist in Deutschland rückläufig und auf einem viel niedrigeren Stand als in den USA. Quelle: ifo, eigene Darstellung

Weniger Junior-Jobs, mehr Meetings

Wie verändert KI die Arbeit in einem Unternehmen, das selbst KI baut? Laut einem Bericht von Anthropic lieferten die Agenten, mit denen ihre Mitarbeitenden arbeiten, im August sechsmal so viele Stunden wie ihre menschlichen Auftraggeber*innen. Gleichzeitig ist der Anteil von Junior-Profilen an den technischen Neueinstellungen von 27 auf 9 Prozent gefallen. Jede fünfte Person beschreibt, dass sich ihre Rolle vom Selbermachen zum Managen von Claude-Agenten verschoben hat.

Weniger Arbeit bedeutet das allerdings nicht, denn selbst Fachkräfte in technischen Rollen verbringen 16 Prozent mehr Zeit in Meetings als vor einem Jahr. Der Engpass ist laut Anthropic jetzt die menschliche Aufmerksamkeit für die Prüfung und Weitergabe der agentischen Arbeitsergebnisse.

Grafik: Claude-Output bei Anthropic umgerechnet in Lesezeit
Claude lesen als Vollzeitjob. Schätzung: 0,75 Wörter pro Output-Token, Lesetempo 250 Wörter pro Minute. Quelle: Anthropic

⚡️ Trends im Kurzticker

📈 Nur 7 Prozent holen alles aus KI heraus. Der vierte KI-Report von Wharton und GBK Collective mit gut 1.400 Befragten aus den USA zeigt: 62 Prozent der Führungskräfte nutzen KI täglich, aber nur 7 Prozent der Unternehmen schaffen es, Nutzen nachzuweisen, Workflows umzubauen und die Organisation mitzunehmen. Ein Grund ist die Messung. Wer den ROI auch an Wachstum misst, meldet zu 35 Prozent deutlich positive Ergebnisse, wer nur gesparte Stunden zählt, zu 13 Prozent.

📺 Das Fernsehen rettet den Werbemarkt. Der deutsche Bruttowerbemarkt ist im September laut Nielsen um 1,1 Prozent auf knapp 3,4 Milliarden Euro gewachsen, getragen ausgerechnet von der TV-Werbung mit gut 1,6 Milliarden Euro. Online legte um 6,2 Prozent zu, Außenwerbung um gut 5 Prozent. Den August hat Nielsen nachträglich von 0,9 auf 1,6 Prozent Wachstum korrigiert.

💳 Wer zahlt die KI-Rechnung? Der Economist widmet den Schulden der KI-Branche eine große Geschichte, und die Börse liefert die Belege: CoreWeave hat in der vergangenen Woche rund ein Viertel seines Werts verloren, Nebius in zwei Wochen mehr als 31 Prozent. Beide vermieten Rechenkapazität für KI und finanzieren den Ausbau mit Krediten. Goldman Sachs sieht diese Anbieter im Zentrum der Debatte um steigende Finanzierungskosten, empfiehlt CoreWeave inzwischen aber wieder zum Kauf.

KI News

Agentic Commerce: Müssen Bots draußen bleiben oder nicht?

Wir wissen nicht, inwieweit ihr sie nutzt, aber KI-Agenten kaufen inzwischen tatsächlich ein: Über Stripes Bezahldienst Link ist die Zahl der Agenten-Transaktionen im September um das 38-Fache gestiegen. Rund 200 Agenten nutzen Link inzwischen, darunter Metas Muse und xAIs Grok. Google hat in den USA außerdem den Universal Cart gestartet, einen gemeinsamen Warenkorb über Händler hinweg in der Suche und der Gemini-App. Mit dabei sind unter anderem Nike, Sephora, Target und Walmart.

Gleichzeitig gehen die ersten Türen zu. Laut The Verge lässt die Bewertungsplattform Yelp nur Agenten rein, die für ihre Daten bezahlen. Die US-Airline Delta verhindert Ticketbuchungen durch Agenten, und große US-Banken wie JPMorgan Chase sperren sie aus Sicherheitsgründen aus. Am deutlichsten wird Amazon: Seit dem 20. September blockiert der Konzern Metas Muse mit Verweis auf seine Nutzungsbedingungen und hat Meta aufgefordert, Amazon aus dem Agenten zu entfernen. Meta lehnt das ab. Gegen Perplexitys Shopping-Agenten war Amazon schon Ende 2025 vor Gericht gezogen, ein Berufungsgericht hat das Zugriffsverbot im August allerdings wieder aufgehoben. Meta-Chef Mark Zuckerberg sieht das Thema trotzdem gelassen: Kaum jemand habe bisher versucht, Agenten zu blockieren, sagte er im Podcast von Stripe-Präsident John Collison.

Wenn Onlineshops Bots aussperren, könnten sie also zukünftig an Sichtbarkeit verlieren. Wer sie reinlässt, gibt die Schnittstelle zur Kundschaft so langsam an Meta, Google oder OpenAI ab. Amazon kann sich das Aussperren (oder Versuche dessen) leisten, die meisten anderen eher nicht.

⚡️ KI-News im Kurzticker

🤖 Gemini 4 Argon ist jetzt für alle da. Ende September war Googles neues Spitzenmodell nur für ausgewählte Cybersecurity-Partner verfügbar, seit dem 13. Oktober läuft es weltweit über die Gemini API und AI Studio sowie für Pro- und Ultra-Abos in der Gemini-App. Der Einführungspreis von 2 Dollar pro Million Input-Tokens gilt bis Ende November, danach verdoppelt er sich.

🎨 Der Grüffelo-Zeichner erwägt eine Klage. Axel Scheffler ist „entsetzt“ über Grüffelo-Bilder aus ChatGPT und würde am liebsten gemeinsam mit anderen Künstler*innen vor Gericht ziehen, sagte er der Zeit. Vorbilder gibt es: Penguin Random House klagt in München wegen „Der kleine Drache Kokosnuss“, und die GEMA hat dort schon 2025 einen Teilerfolg gegen OpenAI erzielt.

🏛️ Anthropic gibt 5 Prozent seiner Anteile ab. Das Unternehmen will einen Public Benefit Fund mit 5 Prozent seiner Aktien ausstatten, die Aktionär*innen müssen noch zustimmen.

Google stellt Gemini 4 Argon vor
„Gemini 4 Argon: Built to solve your hardest problems“: So bewirbt Google das neue Modell.

Suchmaschinen

ChatGPT Ads werden günstiger

Im Februar startete die Werbung in ChatGPT noch mit rund 60 Dollar pro tausend Impressionen und einem Mindestbudget von 200.000 Dollar. Jetzt drückt OpenAI die Preise: Laut The Information zahlen B2B-Kund*innen einer Agentur rund 5 Dollar pro Klick, bei Google kostet ein vergleichbarer Klick 30 bis 50 Dollar. Die Zahl der Werbetreibenden hat sich zwischen Ende August und Anfang Oktober auf rund 60.000 verdreifacht. Das Ad-Team ist auf etwa 140 Leute gewachsen, die meisten Neuzugänge kommen von Meta. Trotz einer Run-Rate von einer Milliarde Dollar Ende August dürfte OpenAI sein Werbeziel von 2,4 Milliarden Dollar für 2026 verfehlen.

Was Werbung auf ChatGPT für Werbetreibende außerhalb der EU bereits attraktiv macht: 404 Media hat getestet, dass sich ChatGPT-Anzeigen über hochgeladene E-Mail-Adressen, Telefonnummern oder Geräte-IDs ausspielen lassen, zusätzlich fließen die Prompts selbst ins Targeting ein. In der Werbebranche ist das Standard, im Chatfenster rechnet damit aber kaum jemand. OpenAI kauft sich gerade Marktanteile, mit niedrigen Preisen und genauem Targeting. Für Google ist das die erste ernsthafte Konkurrenz im Suchwerbemarkt seit Langem.

⚡️ Suchmaschinen-News im Kurzticker

🔍 Gutes SEO reicht nicht für KI-Antworten. Google wiederholt seit Monaten, dass gutes SEO auch in KI-Antworten trägt. Die von OMR befragten Expert*innen sehen das anders: Laut Malte Landwehr von Peec AI ist GEO im B2B schon wichtiger als SEO, viele Agenturen und B2B-SaaS-Firmen holen rund 20 Prozent ihrer Leads aus der KI-Suche. Perfekt messbar werde das aber nie.

💡 KI zitiert Haltung, nicht Formatierung. LinkedIns Marketing-VP Davang Shah hält Struktur und Überschriften für Pflicht, aber nicht für ausreichend: KI-Systeme zitieren vor allem Inhalte mit eigener Sichtweise, also neue Daten, belegte Thesen und Praxiserfahrung. ppc.land merkt an, dass die Datenbasis dünn ist und LinkedIn ein Eigeninteresse hat. Die Richtung deckt sich trotzdem mit dem, was wir in Projekten sehen.

Social Ads

Hero Creative war gestern: Der Meta-Code für Q4

Die Werbeausgaben auf Meta steigen, die Margen sinken: Der ROAS von Sales-Kampagnen ist laut Metricool von 5,48 auf 4,57 gefallen, in Deutschland liegt er bei 3,00. Unsere Kollegin Jessy-Sophie Weinhardt hat in ihrem Blogartikel zusammengefasst, was jetzt hilft:

Nachfrage erzeugen statt nur abschöpfen, denn nur 5 bis 15 Prozent des Markts sind gerade kaufbereit. Statt einzelner Hero Creatives viele Varianten testen. Und die neuen Meta-Funktionen wie Value Rules, mit denen sich Gebote um bis zu 90 Prozent abwerten lassen, gezielt einsetzen. Pünktlich zum Q4 eine gute Übersicht über aktuelle Neuheiten.

Symbolbild zum Blogartikel über Meta Ads in Q4
Quelle: Mariia Berezovsky auf Unsplash

Social Media

Sprechstunde auf LinkedIn

Mit „Advice Sessions“ können Nutzer*innen auf LinkedIn bezahlte Eins-zu-eins-Beratungen direkt über ihr Profil anbieten, Buchung, Bezahlung und Videocall laufen an einem Ort. Anbieten können das vorerst nur Business-Premium-Abonnent*innen in den USA, weitere Märkte sollen folgen. Dazu kommen neue Funktionen wie angepinnte Kommentare, ein Creator-Dashboard mit Performance-Daten, digitale Visitenkarten für die Wallet und private Notizen zu Profilen für Premium-Nutzer*innen. LinkedIn baut damit weiter am Creator-Geschäft, das letzte Woche schon mit der neuen Creator-Suche Thema war.

⚡️ Social-Media-News im Kurzticker

🤳 KI-Labs setzen auf Influencer*innen. OpenAI, Anthropic und Co. werben gezielt mit Creator*innen für ihre Produkte, in Deutschland etwa mit der Tech-Influencerin Lara Sophie Bothur. Dass das nach hinten losgehen kann, zeigte OpenAIs „Summer Club“ im August: Ein Luxus-Trip für Creator*innen brachte viel Kritik ein.

🎙️ Spotify startet bezahlte Podcast-Mitgliedschaften, auch in Deutschland. Podcaster*innen können Abos in mehreren Stufen anbieten, etwa mit Bonusfolgen, weniger Werbung oder früherem Zugang, 90 Prozent der Einnahmen bleiben bei ihnen. Voraussetzung sind drei Folgen sowie 100 Hörer*innen und 100 Stunden Wiedergabe in den letzten 30 Tagen.

🔒 Alterskontrollen für alle? netzpolitik.org zerlegt die Pläne für Alterskontrollen im EU Kids Act: Sie seien leicht zu umgehen, kaum datenschutzfreundlich umsetzbar und sollen weit über Social Media hinaus gelten. Der Entwurf liegt jetzt bei Parlament und Rat.

🇫🇷 Social-Media-Sperre bei Unruhen? Nach den Ausschreitungen vom 17. Oktober in mehreren französischen Städten hat Ex-Premier und Präsidentschaftskandidat Gabriel Attal vorgeschlagen, Plattformen zeitweise und begrenzt auf die betroffenen Gebiete zu sperren.

Online-Fund der Woche

Draußen brennen die Barrikaden, drinnen bleibt der Drink unberührt von allem: Dieses Video eines Paares, das während der Ausschreitungen am 17. Oktober in Frankreich seelenruhig auf einer Pariser Café-Terrasse sitzt, geht gerade durch das Internet. Ernste Lage, skurriles Bild.

Paar trinkt während der Ausschreitungen in Paris seelenruhig auf einer Café-Terrasse
Quelle: Guardian News auf YouTube

Lesetipps & Empfehlungen

📚 „Die lesende Gesellschaft, um die wir trauern, hat es nie gegeben“

Bent Freiwald hat für Krautreporter mit Expert*innen über die angebliche Lesekrise gesprochen. Seine These: Vor dem Ende des Lesens wird seit 1783 gewarnt, ein goldenes Lesezeitalter gab es nie, und heute verlagert sich das Lesen eher, als dass es verschwindet. Ein wohltuender Gegenpol zur Untergangsstimmung.

🧠 So verwendest du KI, ohne dumm zu werden

Tim Reinboth sammelt bei Krautreporter Studien dazu, was passiert, wenn wir das Denken auslagern, etwa Ärzt*innen, die nach drei Monaten mit KI-Hilfe Polypen schlechter erkannten. Dazu gibt es praktische Tipps: erst selbst skizzieren, dann die KI fragen, und bewusst KI-freie Bereiche festlegen.

🌐 Wikipedians Believed AI Would Come and Go. They Were Wrong

In einem Buchauszug für WIRED beschreibt Richard Cooke, wie Wikipedia seit 2022 fast ein Viertel seiner Leserschaft verloren hat, über eine Milliarde Besuche pro Monat. Sein Punkt: Das eigentliche Problem ist weniger der Traffic als ein neues Verhältnis von Wissen. Pflichtlektüre für alle, die sich mit Sichtbarkeit in der KI-Suche beschäftigen.

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