Katja von der Burg

Krise vs. Krise – der etwas andere Jahresrückblick

Auf Jahresrückblicke hat dieses Jahr ja eigentlich niemand wirklich Lust. Ich will nicht sagen, dass alles schlecht war 2020, denn hoffentlich haben die meisten Menschen doch das eine oder andere persönliche Highlight erlebt. Und das mit der Wahl in den USA hätte auch schlechter laufen können. Nichtsdestotrotz hat 2020 eine etwas deprimierende Note, ersparen wir uns die Details. Woran ich aber in den letzten Monaten öfters denken musste, war das Jahr 2008. Warum? Da gab’s die letzte große globale Wirtschaftskrise! Und wir als frisch gegründete Agentur waren mittendrin und haben reichlich Nerven gelassen. Da wir diese Krise damals ja ganz offensichtlich überstanden haben, ziehe ich jetzt mit 12 Jahren Abstand und ganz frischer Krisenerfahrung mal ein Resümee der etwas anderen Art.

Die Angst vor Faxgeräten:

Konkretes Resultat des Herbstes 2008, als im Verlaufe eines Freitagnachmittags die Kündigungen unserer drei größten damaligen KundInnen aus dem Faxgerät flatterten (ja, das hat man damals noch so gemacht…). Lange Zeit waren danach sowohl Freitag Nachmittage als auch verdächtige Geräusche des Faxgeräts, besonders in dieser Kombination, Grund für einen kurzen Anstieg des Adrenalinpegels. Ich bin sehr froh, dass das Fax an sich seitdem wirklich aus der Mode gekommen ist und mein Trauma somit kein Futter mehr findet.

Gründen in Krisen

„Die größte Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren!!!“, „Jahrzehntelange schwere Folgen für die Wirtschaft!“, „Zusammenbruch des globalen Finanzsystems“, „Welle von Insolvenzen“ – bei solchen Schlagzeilen wird einem als GründerIn schon etwas (mehr) unwohl. Euphorisch waren wir Ende 2007 gestartet mit diesem Neuland-Online-Marketing-Kram (damals: Google Adwords und Affiliate Marketing, Ende der Liste), hatten ein paar schöne optimistische Monate, um dann ziemlich hart auf dem Boden der Tatsachen und unseren ersten beiden (und auch letzten beiden) betriebsbedingten Kündigungen aufzuschlagen. Und uns sehr intensiv die Sinnfrage zu stellen: Hätten wir einen noch blöderen Zeitpunkt finden können???

Digitalisierung for the win

„Damals“ war Digitalisierung wirklich noch neu und kein völlig abgequältes Buzzword. Unternehmen hatten tatsächlich noch eine gute Ausrede, wenn sie auf diesen Zug noch nicht aufgesprungen waren. Nach ein paar Monaten Gürtel enger schnallen und Zähneklappern trat ein interessanter Effekt ein: Viele Unternehmen kürzten zwar dramatisch ihre Werbe- und Marketingbudgets, das betraf aber wiederum kaum die digitalen Kanäle. Im Gegenteil: Exorbitante hohe Budgets aus TV und Printwerbung fielen zwar weg, aber zehn oder 20 Prozent davon waren schon noch übrig, um gezwungenermaßen endlich mal diese neuen Kanäle auszuprobieren. Und da kamen wir ins Spiel: Digitalisierung for the win! Innerhalb weniger Monate waren wir wieder komplett ausgebucht und stockten das Team kräftig auf.

Und sie lebten glücklich und zufrieden…

Moment, falscher Film. Was dann folgte, kann aber wirklich nur als die fetten Jahre des Online Marketings bezeichnet werden. Als Agentur konnte man in den letzten zehn Jahren eigentlich nur über zwei Dinge stolpern: Eigene Inkompetenz oder Blödheit und Fachkräftemangel. An Nachfrage und Marktsituation ist es sicher nicht gescheitert. Seit mindestens fünf Jahren schoss mir immer mal wieder der Gedanke durch den Kopf: Wann kommt eigentlich die nächste Rezession? Keine Konjunktur hat jemals ewig gedauert. Da war doch was mit Zyklen in der VWL-Vorlesung. Wie stehen wir dann eigentlich da? Haben wir unsere Hausaufgaben gemacht? Wir sollten besser vorbereitet sein, man weiß ja nie.

Der schwarze Schwan

Ein seltenes und höchst unwahrscheinliches Ereignis – so definiert der Autor Nassim Nicholas Taleb ein sogenanntes Black Swan Event. Ob eine globale Pandemie höchst unwahrscheinlich ist, darüber ließe sich jetzt streiten, aber selten ist sie (gottseidank) auf jeden Fall und damit gerechnet hat auch niemand. Wenn man also nicht gerade zu den „Preppern“ gehört und unter seinem Haus einen Bunker mit Verpflegung und Wasser für mehrere Monate hat, dann konnte man sich auf die Corona-Pandemie nicht spezifisch vorbereiten, sondern wurde wie knapp acht Milliarden Menschen weltweit Anfang des Jahres davon kalt erwischt. Nach fast zwölf Jahren war sie also da: Die nächste Krise!

How to survive a pandemic

Globale, tödliche Viren kannte man ja bis März eher aus Science-Fiction-Filmen. Jetzt klingt jede Nachrichtensendung ein bisschen wie Science-Fiction und nach neun Monaten Corona hat man das schon als neue Normalität registriert. Nach einer kurzen Phase der Schockstarre und einer Hands-on-Erfahrung mit dem Virus, die mich ein paar Wochen intensiv beschäftigte, war recht schnell klar, dass wir als Agentur erstmal keine größeren Katastrophen zu befürchten hatten. Keine dramatischen Umsatzeinbrüche, keine Kurzarbeit, keine Verluste, keine Kündigungen, keine Betriebsschließungen. Ohne, dass wir es vorher hätten wissen können, funktionierte viel von den in den letzten Jahren investierten Optimierungen und Projekten in der Krise erfreulich reibungslos. Teamstrukturen, IT-Infrastruktur, Kundenportfolio, solide Rücklagen, das Management-Team: Wir konnten viele grüne Haken auf der Liste machen. Auch das Faxgerät blieb unauffällig.

Digitalisierung for the win – Die Zweite

Und da war er wieder: Der Ruf nach Digitalisierung! DAS kam mir dann tatsächlich wieder bekannt vor. Genau wie 2008 werden Unternehmen und ganze Branchen plötzlich gezwungen, sich Zukunftsthemen zu stellen und diese anzugehen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es eigentlich eine Frechheit ist, Digitalisierung im Jahr 2020 als Zukunftsthema zu bezeichnen – hallo Gegenwart, hallo Normalität! Die Ausreden von 2008 lasse ich da nicht mehr zählen, aber das fette Jahrzehnt zwischen den beiden Krisen hat viele in eine gefährliche Trägheit gelullt. Mein vorläufiges Fazit: Genauso wie 2008 sind wir ganz ungeplant genau an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Alle Dienstleistungen und vor allem Know-How rund um Digitalisierung wird auf Jahre hin gefragter sein denn je, auch wenn im Moment das eine oder andere Beben durch den Markt läuft. Da die Krise noch andauert, ist es sicher zu früh für Prognosen, wann und wie stark die deutsche Wirtschaft wiederkommen wird, aber unser Segment wird auf jeden Fall gut dabei sein.

Sind das jetzt gute Nachrichten?

Meine Nerven haben dieses Jahr sicherlich noch mehr gelitten als 2008 oder vielleicht einfach auch nur anders. Existenzangst war in beiden Fällen beteiligt, allerdings diesmal weniger konkret (weil viel mehr Reserven auf dem Firmenkonto), sondern eher wegen des… nennen wir es mal Verantwortungsgefälles. Vier MitarbeiterInnen vs. 77 MitarbeiterInnen macht dann schon einen recht großen Unterschied in der mentalen Krisenverarbeitung. Auf der Positivseite hat man aber auch ein komplettes Team zur Krisenbewältigung um, hinter und bei sich und das war letztlich entscheidend. Zwölf Jahre Erfahrung als Unternehmerin haben sich auch als ganz hilfreich erwiesen, um schnelle Entscheidungen in dynamischen Situationen zu treffen, ohne dabei allzu offensichtlich zu zittern.  Also ja, in der Summe sind das gute Nachrichten. Den Stempel „krisenerprobt“ können wir unserem Agentur-Geschäftsmodell jetzt jedenfalls guten Gewissens geben.

Letzte Wünsche 2020

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