AGI, Ads und Altersgrenzen: Diese Tech-Woche hatte es in sich | Projecter Weekly #4 2026
Über die „Artificial General Intelligence“, den nächsten großen Schritt im Bereich KI nach LLMs & Co., diskutieren Expert*innen schon jetzt: Was kommt da auf uns zu? Währenddessen hat OpenAI für Ads in ChatGPT erstmal seine Preisvorstellungen öffentlich gemacht (Spoiler: das wird nicht günstig).
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🤖 die Story von Moltbot,
💰 auf welcher Plattform ihr ab jetzt Socials Ads schalten könnt,
🤳 alles rund um den TikTok-US-Deal im Deep Dive.
KI News
Was passiert am Tag nach der Einführung von AGI?
„The Day after AGI“ war der Titel einer prominent besetzten Diskussionrunde beim Weltwirtschaftsforum in Davos, die wir nochmal in der Rückschau betrachten wollen. AGI steht für „Artificial General Intelligence“ – also eine weiterentwickelte Version, die umfassende Aufgaben in jedem Bereich übernehmen und erfolgreich umsetzen kann.
Demis Hassabis (CEO von Google DeepMind, Nobelpreisträger und verantwortlich für die Gemini/DeepMind-Agenda) und Dario Amodei (CEO von Anthropic) diskutierten darin, dass sich KI-Modelle sehr schnell weiterentwickeln und menschliche Fähigkeiten bald übersteigen werden. Sie sind sich einig, dass das enormes Potenzial für Wirtschaft und Gesellschaft hat, gleichzeitig aber kurzfristig sehr große Risiken birgt, wenn gesellschaftliche Kontrollmechanismen mit der technologischen Entwicklung nicht mithalten können. Amodei nennt das „technological adolescence“:
„We are knocking on the door of these incredible capabilities … How did you manage to get through this technological adolescence without destroying yourselves? … I think the next few years we’re going to be dealing with how do we keep these systems under control that are highly autonomous and smarter than any human?“
Hassabis ist generell weniger enthusiastisch, was die Timeline von AGI angeht und glaubt, dass es noch ein paar Jahre länger dauern wird, bevor KI die Arbeit von Ingenieur*innen und Entwickler*innen ersetzen kann (als Nobelpreisträger sollte er davon ja etwas verstehen). Beide sind sich aber einig, dass in den nächsten Jahren sehr viele Bürojobs von KI ersetzt werden, insbesondere im Einsteigerbereich. Auch wenn sich der Arbeitsmarkt mit ganz neuen Berufsbildern anpassen wird, könnte diese Entwicklung zu langsam sein, um die Verwerfungen komplett aufzufangen, weswegen sich Hassabis Sorgen um soziale und politische Gegenreaktionen und Bewegungen macht.
Long story short: Wie realistisch AGI in den nächsten Jahren ist, wissen wir jetzt immer noch nicht, aber es sollte uns zu denken geben, dass diese beiden einhellig bessere Sicherheitsstandards und mehr Governance fordern. Sie gehören definitiv nicht zur „Doomerism“-Fraktion, die in KI den Untergang der Welt sehen, weisen aber trotz aller Chancen sehr offen auf die möglichen Folgen hin. Hier gibt es die komplette Diskussion zum Nachschauen:

Clawdbot, Moltbot, was zum Bot?
Das war eine Meldung, die erst eher unter „ferner liefen“ stattfand, es dann aber doch in die engere Auswahl geschafft hat. Aber von vorne: Peter Steinberger, ein Entwickler aus Wien, baute Clawdbot, einen AI-Agenten, der auf Anthropics Claude basiert, auf dem eigenen Rechner läuft und Tasks clever automatisieren kann. Das offenbar so gut, dass das Tool innerhalb weniger Wochen eine große Fanbase aufbaute. Anthropic fand, dass der Name zu nah an „Claude“ ist und forderte eine Umbenennung. Aus Clawdbot wurde Moltbot, bei der Umbenennung schnappten sich Kryptobetrüger die alten Nutzernamen, was für einige Verwerfungen sorgte.
Warum wir uns aber sicher sind, dass das ganze verfilmt werden sollte: Die Umbenennung schlug einige Wellen in Social Media, dabei wurde auch erwähnt, dass Moltbot den Dienst Cloudflare nutzt, um sich vom Rechner der Nutzer*innen mit dem Internet zu verbinden – was dafür sorgte, dass die Cloudflare-Aktie durch Spekulant*innen innerhalb von 48 Stunden um 20 % nach oben getrieben wurde. Die ganze Story gibt es hier nochmal zum Nachlesen.

Suchmaschinen
Werbung in ChatGPT: Erste Preiskonditionen veröffentlicht
Letzte Woche berichteten wir darüber, dass OpenAI erste Tests für Werbung in ChatGPT in den USA fährt. Diese Woche ist nun schon etwas mehr zu den preislichen Konditionen bekannt geworden:
„Scheinbar wird Werbung in ChatGPT nicht per CPC, sondern per CPM abgerechnet und der soll bei rund 60 US-Dollar liegen. Das ist also klar eher Premium-Platzierung als Performance-Kanal. Reportet werden wohl hauptsächlich Impressionen und Klicks, weitergehende Insights wie CVR oder Zielgruppendaten soll es nicht zunächst geben. Hintergrund ist, dass OpenAI ChatGPT-Konversationen nicht für personalisiertes Targeting nutzen will. Zum Start geht es damit vor allem um Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit und das in einem bisher komplett werbefreien Umfeld.“
Das bedeutet, Werbetreibende zahlen pro 1000 Sichtkontakte ihrer Ads und erhalten – aufgrund von OpenAIs Datenschutzprinzip – vergleichsweise wenige Leistungszahlen und Einblicke in die Performance. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass hier vor allem erstmal finanzstarke Unternehmen und Marken auftreten werden, um das Ganze zwecks Branding auszuprobieren und als Vorreiter Sichtbarkeit zu generieren.
Search-Rekord im vierten Quartal
Im vierten Quartal 2025 erreichten die Klicks auf Google Search- und Shopping-Ads in den USA ein Fünfjahreshoch, während die Werbeausgaben im Jahresvergleich um 13 % stiegen (Quelle: Tinuiti). Haupttreiber waren erneut die Shopping-Ads, deren Budgets um 16 % im Jahresvergleich zulegten, während klassische Suchanzeigen mit +11 % (YoY) etwas langsamer wuchsen. Auch YouTube-Ads legten mit +13 % deutlich zu – wenig überraschend, da Google Videoformate strategisch weiter ausbaut.
Trotz des starken Wachstums blieben die Klickpreise (CPCs) stabil oder sanken sogar leicht. Gründe dafür sind unter anderem das gestiegene Suchvolumen durch KI-gestützte Suchergebnisse sowie der Rückzug großer Player wie Amazon aus Google Shopping in der zweiten Jahreshälfte. Auch Temu war zum Jahresende weniger dominant als zuvor, was den Wettbewerbsdruck nochmal reduzierte.
Für 2026 solltet ihr also weiterhin fest auf Search und Shopping setzen, weil diese Kanäle nach wie vor zuverlässig Reichweite und Verkäufe einbringen. Besonders Video wird für Performance immer wichtiger.
PS: Ihr wünscht euch Hilfe bei eurer SEA-Strategie? Wir helfen euch gerne! ✉️
Social Ads
Werbung kommt jetzt auch zu Threads
Meta erschließt eine weitere Plattform für Werbeeinnahmen und rollt nach Tests in den USA und Japan seit dieser Woche weltweit Ads auf Threads aus. Die Anzeigen nutzen das KI-gestützte Werbesystem, das auch bei Facebook und Instagram läuft, und können direkt über den Meta Ads Manager erstellt werden. Wenn euch das interessiert, findet ihr hier die dazugehörige Info-Seite.
Mit über 400 Millionen aktiven Usern pro Monat (und mittlerweile mehr täglichen Mobile-Nutzer*innen als bei X) wächst Threads weiter. Gleichzeitig soll der Anzeigen-Rollout schrittweise und mit zunächst geringerer Frequenz verlaufen, um die User Experience zum Start nicht zu überladen.

Social Media
TikToks Schicksalswende – Ein Deep Dive zum US-Deal
Das Tauziehen um die Zukunft von TikTok in den USA ist offiziell besiegelt. Doch während der Deal nach außen hin Stabilität verspricht, zeigt der genauere Blick eine ziemlich komplexe technische und politische Gemengelage, die weitreichende Folgen für Brands und Nutzer*innen haben könnte. Wir gehen rein!
Die neue Struktur: TikTok USDS Joint Venture LLC
Anstatt einer kompletten Abschaltung oder einer völlig neuen App wurde die TikTok USDS Joint Venture LLC gegründet. Diese eigenständige US-Firma steuert nun lokal die Geschicke von TikTok sowie der Schwestern-Apps CapCut und Lemon8.
- Die Führung übernimmt der neue CEO Adam Presser (ehemals WarnerMedia), unterstützt von einem siebenköpfigen Aufsichtsrat, in dem neben TikTok-CEO Shou Chew vor allem Repräsentant*innen der neuen westlichen Investoren sitzen.
- Die Besitzverhältnisse sind so aufgeteilt: Ein Konsortium aus Silver Lake, Oracle und MGX hält jeweils 15 % der Anteile (insgesamt also 45 %). ByteDance bleibt mit nur noch 19,9 % beteiligt, während den Rest westliche und internationale Investor*innen innehaben.
- Beim Thema Interoperabilität können Creator jedenfalls schonmal aufatmen: Es gibt keine „Insel-Lösung“. Die US-App-Version bleibt global vernetzt. US-Content ist weiterhin weltweit sichtbar, und globale Trends fließen ungehindert in die US-Feeds ein.
Der Algorithmus: Unter Aufsicht von „Trumps Verbündeten“?
Anlass zur Kritik bietet der Umzug des Empfehlungsalgorithmus, also dem „Gehirn“ der App. Dieser wird nun auf einer Oracle-Infrastruktur in den USA betrieben und mit US-Nutzerdaten neu trainiert. Das Ziel: Schutz vor chinesischer Manipulation.
Doch die Besetzung sorgt für Spekulationen.

Denn Larry Ellison, Oracle-Gründer und enger Vertrauter von Donald Trump, gilt als treibende Kraft hinter dem Deal. Kritiker*innen befürchten, dass die USA hier lediglich die „Überwachungshoheit“ von China übernommen haben und äußern den Vorwurf, dass die Plattform nun zur gezielten politischen Einflussnahme im Sinne der US-Interessen genutzt werden könnte. Erste Störungen im Algorithmus nach dem Tod eines Demonstranten durch die US-Behörde ICE befeuerten diese Zensur-Ängste zusätzlich. Anti-ICE-Videos hatten wohl auffallend geringe Reichweiten erzielt und TikTok schob dies auf einen Stromausfall in einem Rechenzentrum.
Datenschutz 2.0: Die neue Transparenz mit sensiblen Identitätsdaten
Mit dem Neustart kommen Nutzungsbedingungen, die selbst für Social-Media-Verhältnisse als extrem gelten und wohl auch den kritischsten Teil des gesamten TikTok-Deals ausmachen. Expert*innen und Skeptiker*innen sprechen von einer neuen Dimension des Profilings. Aber was hat sich geändert?
- Präzises Tracking: Die App wechselt von „ungefähren“ auf punktgenaue GPS-Daten.
- Identitäts-Mining: Die neue Datenschutzerklärung erlaubt explizit das Sammeln von persönlichen Daten, z. B. zu Immigrationsstatus, Religionszugehörigkeit und Gesundheitszustand.
- KI-Überwachung: Jede Interaktion mit KI-Tools (wie Prompts oder generierte Inhalte) wird gespeichert und ausgewertet.
Besonders in der Community sorgt das, verständlicherweise für Entsetzen: Nutzer*innen befürchten, dass diese Daten direkt für staatliche Zwecke – wie etwa die Durchsetzung von Einwanderungsgesetzen – genutzt werden könnten.
„Wir haben das Risiko chinesischer Spionage gegen die Gewissheit amerikanischer Überwachung eingetauscht“, kommentieren Analyst*innen treffend.
Strategische Offensive in Europa: Der 31-Milliarden-Euro-Schutzschild
Während in den USA der Umbau tobt, spielt TikTok in Europa eine andere Karte: wirtschaftliche Unverzichtbarkeit. Angesichts drohender Verschärfungen durch den Digital Services Act (DSA) hat die Plattform eine Charmeoffensive gestartet.
Eine neue Studie beziffert den wirtschaftlichen Einfluss von TikTok in der EU auf 31 Milliarden Euro jährlich. Allein in Deutschland soll die Plattform eine Wertschöpfung von 7,2 Milliarden Euro generieren. Die Botschaft an die EU ist klar: Wer TikTok einschränkt, gefährdet tausende Jobs im Mittelstand und bremst die europäische Creator Economy aus. Besonders im Musik- und Bildungssektor (informelles Lernen) positioniert sich TikTok als unverzichtbare Infrastruktur.
Unser Fazit: Der US-Deal schafft erst einmal Planungssicherheit, da ein plötzlicher Bann vom Tisch ist. Doch die Art des Deals und die Veränderungen in der App-Struktur geben durchaus Anlass, die „politische Sauberkeit“ des Deals kritisch zu hinterfragen …
Die wilden Zeiten für Jugendliche auf Social Media sind wohl auch in der EU vorbei
In Großbritannien hat nämlich das Oberhaus für ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren gestimmt und auch in Frankreich gibt es vorläufig grünes Licht aus der Nationalversammlung für ein Verbot unter 15 Jahren. Finnland und andere Länder diskutieren ähnliche Schritte – das Thema Jugendschutz gewinnt europaweit an Tempo, der politische Druck auf Plattformen steigt. Für die Plattformen könnte das langfristig neue Pflichten bei Altersprüfung und Zugangsbeschränkungen bedeuten, während sich die Reichweite von Online Marketing für junge Zielgruppen auch in der EU maßgeblich verändern würde.
Parallel dazu startet in den USA ein Prozess von hoher Strahlkraft für die Medien und massenhaft ähnlicher Klagen, wonach die sozialen Netzwerke gezielt abhängig machende Mechanismen eingesetzt haben sollen. Vor Gericht stehen Meta und YouTube, während Snap sich bereits außergerichtlich geeinigt hat. Die Vorwürfe reichen von exzessiven Benachrichtigungen bis zu problematischen Empfehlungsalgorithmen. Für die Tech-Konzerne könnte 2026 also nicht nur beim Thema Regulierung, sondern auch ganz fundamental das Plattformkonzept betreffend ein ungemütliches Jahr werden – wir halten euch auf dem Laufenden.
Shadow Bans auf LinkedIn?
Laut diesem Blogartikel haben sich in letzter Zeit die Berichte dazu gehäuft, dass US-kritische LinkedIn-Posts entweder gelöscht, in der Reichweite stark beschnitten oder nur noch eingeschränkt ausgespielt wurden – Stichwort Shadow Ban. Als Ursache werden meist automatische Filter, Sicherheitsmaßnahmen oder Systemfehler angegeben. Beweisen lässt sich ein absichtliches Vorgehen LinkedIns natürlich nicht. Letztendlich zeigt das Thema aber dennoch, wie stark Unternehmen wie LinkedIn die Regeln und die Ausspielung der Inhalte in der Hand behalten.
Lesetipps & Empfehlungen
Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …
Zugegeben – über unseren langjährigen Agentur-Blog haben wir immer wieder Diskussionen geführt, wie viele Ressourcen wir da noch reinstecken sollten. Gleichzeitig frustriert uns der sehr wankelmütige Algorithmus von LinkedIn nahezu täglich: die ständige Zwickmühle des Content-Erstellers. Geht offenbar nicht nur uns so, denn Blogger Michael Kalina nimmt das Argument „Liest eh keiner mehr“ in einem sehr ausführlichen (und lesenswerten) Blogbeitrag auseinander. Spoiler: bleibt bei euren Blogs!





