Therapeut, Koch, Steuerberater: Wie wir KI 2026 wirklich nutzen | Projecter Weekly #22 2026

Zusammenfassen mit ChatGPT

Anthropic hat bei der US-Börsenaufsicht die Unterlagen für einen Börsengang eingereicht – und könnte OpenAI damit zuvorkommen. Während die KI-Konzerne um Milliarden ringen, zeigen neue Nutzungsdaten, dass die meisten Menschen Chatbots längst weniger zum Texten und Coden einsetzen als für ganz praktischen Alltagsrat – und immer öfter privat statt im Job.

Diese Woche erfahrt ihr außerdem …

🤖  warum ihr unsere Online Masterclass nicht verpassen solltet,

🥷  welchen Einfluss KI auf Cyberkriminalität nimmt,

💰  und warum Preisvergleichsportale stärker unter Druck geraten.

Entwicklungen & Trends

Anthropic will an die Börse und peilt Rekordbewertung an

Seit Monaten wird über die Börsenstrategie von OpenAI, Anthropic und xAI spekuliert, nun ist es offiziell soweit. Anthropic hat am Montag vertraulich einen Entwurf des Börsenprospekts bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Dieses Formular, das sogenannte S-1, ist der erste formale Schritt zu einem Börsengang. Weil der Prozess vertraulich startet, sind Aktienzahl und Preis noch offen, aber die New York Times rechnet mit einem Debüt schon im Herbst – womöglich vor dem Erzrivalen OpenAI, bei dem die Gründer-Geschwister Dario und Daniela Amodei einst arbeiteten, bevor sie Anthropic gründeten.

Die Zahlen dahinter muss man zweimal lesen: Erst vor wenigen Tagen hat Anthropic 65 Milliarden Dollar frisches Kapital eingesammelt und wird seitdem mit 965 Milliarden Dollar bewertet – mehr als OpenAI mit zuletzt rund 852 Milliarden. Der hochgerechnete Jahresumsatz (Run-Rate, also der aufs Jahr gerechnete aktuelle Monatsumsatz) liegt bei etwa 47 Milliarden Dollar, nach rund 10 Milliarden noch Ende 2025. Der Treiber ist vor allem das Coding-Geschäft rund um Claude Code – wir hatten in den letzten Ausgaben mehrfach darüber berichtet, dass Anthropic OpenAI beim Umsatz bereits überholt hat. Der Börsengang wäre die logische Fortsetzung dieser Aufholjagd.

Während die Bewertung Schlagzeilen macht, liegt die eigentliche Nagelprobe woanders: Auch OpenAI und Elon Musks SpaceX (zu der inzwischen die KI-Firma xAI gehört) planen Börsengänge. Dieser Herbst wird also zeigen, ob der öffentliche Kapitalmarkt bereit ist, Unternehmen zu finanzieren, die weiter gigantische Summen in Rechenleistung stecken müssen, bevor das Geschäftsmodell sich vollständig bewiesen hat. Für uns als Nutzer*innen heißt das: Die Werkzeuge, mit denen wir täglich arbeiten, hängen künftig sichtbarer am Urteil der Börse – Quartalslogik inklusive. Das sollte zu mehr Transparenz führen, könnte aber auch steigende Lizenz- und Token-Preise bedeuten.

KI News

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Die Suche verändert sich fundamental – und wer jetzt nicht handelt, verliert Sichtbarkeit an Konkurrenten mit der besseren Strategie. In unserem Masterclass Webinar am Mittwoch, den 24. Juni, bündeln wir für euch die wichtigsten Strategien und Insights rund um GEO und zukunftsfähiges Performance Marketing. Konkret, praxisnah und direkt aus dem Agenturalltag, mit echten Kampagnen und belastbaren Daten für euer restliches Jahr 2026 im Online Marketing. Jetzt kostenfrei anmelden.

Vom Schreibwerkzeug zum Alltagsratgeber – wie wir KI 2026 wirklich nutzen

Was machen Menschen eigentlich wirklich mit ChatGPT und anderen LLMs? OpenAI hat unter dem Namen „Signals“ eine neue Datenreihe veröffentlicht und dafür monatlich rund 100.000 zufällig gezogene Nachrichten aus den Verbraucher-Tarifen klassifiziert. Die aktuellen Daten räumen vor allem mit dem Bild vom Schreib- und Coding-Werkzeug auf. Das Texten, im Juli 2024 mit 34 Prozent noch die häufigste Aufgabe, ist auf 24 Prozent gefallen; an der Spitze steht inzwischen „Practical Guidance“, also praktische Anleitung und Beratung, mit 32 Prozent. Programmier-Anfragen brachen von 13,5 auf 4,5 Prozent ein (teils ein statistischer Effekt, weil OpenAI Coding in den separaten Dienst Codex verlagert hat), während sich der Selbstausdruck – persönliche und emotionale Gespräche – auf gut neun Prozent mehr als verdoppelt hat.

Noch auffälliger ist die Verschiebung beim Kontext: Im Juli 2024 war gut jede zweite Anfrage beruflich veranlasst, im März 2026 nur noch knapp jede dritte – die private Nutzung stieg auf 69 Prozent. Parallel hat sich auch die Demographie geändert: Stellten 2024 noch Männer 58 Prozent der Anfragen, kommen inzwischen 53,5 Prozent von Frauen, und auch die älteren Nutzerinnen holen auf. ChatGPT hat dabei laut Marktforscher Sensor Tower im Mai als bislang erste App überhaupt die Marke von einer Milliarde monatlich aktiven Nutzerinnen geknackt – während die Claude-App von Anthropic mit rund 640 Prozent Jahreswachstum bei 56 Millionen deutlich schneller zulegt.

Für Deutschland zeichnet eine Bitkom-Befragung dasselbe Bild: Hilfe bei Alltagsfragen wie Kochen und Reparieren führt mit 54 Prozent, Programmieren bildet mit zehn Prozent das Schlusslicht. Am Arbeitsplatz bleibt das Verhältnis dagegen gespalten – knapp die Hälfte der Erwerbstätigen nutzt KI im Beruf, aber 45 Prozent wollen gar nicht von KI unterstützt werden. Die größten Sorgen bereiten nicht Jobverlust, sondern Haftung (62 Prozent) und Datenflüsse (59 Prozent). Dass nur gut jede*r fünfte Beschäftigte je ein KI-Angebot des Arbeitgebers genutzt hat, sagt dabei mehr über die Unternehmen als über die Technik.

Quelle: Bitkom

Eine kritische Stimme kommt aus der dritten Auflage der HBR-Untersuchung zur KI-Nutzung: Autor Marc Zao-Sanders, Mitgründer der Lernplattform Filtered, prägt darin das Wort „Thinkslop“ – die Tendenz, nicht mehr nur Aufgaben, sondern gleich das ganze Nachdenken an die KI abzugeben. Er warnt vor wachsender emotionaler Abhängigkeit von einer Technik, die wir nicht durchschauen. Sein Business-Befund passt zur Bitkom-Skepsis: Im geschäftlichen Einsatz dominieren bislang viele kleine Effizienzgewinne, nicht der große Umbruch.

Quelle: Harvard Business Review

KI im Cybercrime – but make it SEO-Spam

Eine Studie aus Cambridge, Edinburgh und Strathclyde liefert eine bemerkenswert nüchterne Antwort auf eine Frage, die in Sicherheitsforen seit drei Jahren dramatisiert wird: Was verändert generative KI in der Cyberkriminalität? Die Forschenden haben 97.895 Threads aus Untergrund- und Dark-Web-Foren ausgewertet, die nach dem Start von ChatGPT entstanden sind, und die Ergebnisse bei arxiv.org veröffentlicht. Ergebnis: Das große Szenario der Hacker-Apokalypse bleibt aus. 97,3 Prozent der Threads diskutieren KI gar nicht im Zusammenhang mit Verbrechen, nur bei knapp 2 Prozent geht es um „Vibe Coding“-Tools für Angriffsketten.

Was sich messbar verschiebt, sind genau die Felder, die ohnehin schon hochautomatisiert sind: SEO-Fraud, Social-Media-Bots und Romance Scams. Für unsere Arbeit heißt das ziemlich konkret: Spam-Content in den SERPs wird deutlich mehr und sprachlich sauberer, Fake-Profile auf Instagram und TikTok wirken authentischer, Phishing-Mails kommen in fehlerfreiem Deutsch. Die Pattern-Detection der Plattformen kommt sichtbar langsamer hinterher, die Algorithmen sind zur Zeit sichtbar überfordert.

Schöner Nebenbefund: Die „Dark AI“-Erzählung, nach der jailbroken-LLMs eine ganze Generation Skript-Kiddies zu Profi-Hackern ausbilden, lässt sich empirisch kaum belegen, Subkultur und soziales Lernen bleiben wichtiger als das Tool. Das ist einerseits beruhigend für die IT-Security, andererseits aber die Erinnerung, dass die teuren Angriffspotentiale weiter aus den gleichen Ecken kommen: Phishing, Social Engineering, schlecht konfigurierte Cloud-Buckets.

Codex to go: OpenAI bringt seine Agenten aufs Handy

OpenAI hat seinen Coding-Agenten Codex in die ChatGPT-Smartphone-App gebracht – laufende Aufgaben lassen sich somit unterwegs anstoßen, beobachten und freigeben, während die Arbeit auf dem Rechner zu Hause oder in der Cloud weiterläuft. Einschränkung zum Start: Die Verbindung klappt zunächst nur mit der Mac-Version der Codex-Desktop-App.

Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle aber, dass Codex in den letzten Wochen immer mehr Funktionen abseits des reinen Codings bekommen hat und sich als gleichwertiger Wettbewerber zu Anthropics Claude Cowork etabliert. Das heißt, dass man mit Hilfe der enthaltenen Agenten und Konnektoren seinen ganzen Arbeitsalltag in der eigenen Desktop-Umgebung automatisieren kann. Wir gehen davon aus, dass Anthropic hier zeitnah nachziehen wird, denn diese Funktion gibt es so für Cowork noch nicht.

Affiliate Marketing

Preisvergleichsportale unter Druck: Wenn KI den Einkauf komplett übernimmt

Mit einem clever formulierten Prompt verwandeln sich Chatbots inzwischen in persönliche Preisvergleichsmaschinen. Statt mühsam händisch Filter in Shops zu setzen, beschreibt man der KI einfach in natürlicher Sprache, welches Produkt man sucht, welche Quellen sie explizit abfragen soll und in welcher Form man die strukturierte Ausgabe braucht.

In der Praxis helfen dabei vor allem drei verschiedene Tools, die sich sinnvoll ergänzen: klassische dialoggesteuerte Assistenten, direkte KI-Zugriffe auf große Vergleichsportale (z. B. idealo oder Geizhals) und eigens gebaute Tracker mit Code aus den KI-Tools. Einen echten Mehrwert für tiefergehende Recherchen bieten aktuell agentische Browser wie ChatGPT Atlas oder Perplexity Comet sowie spezielle Deep-Research-Modi. Diese Tools greifen nicht nur auf ihr Trainingswissen zurück, sondern rufen die echten Quellen live ab.  Dadurch verschiebt sich die Fragestellung zunehmend weg vom reinen Preisvergleich hin zu historischen Verläufen und Prognosen, da dort der eigentliche Informationsgewinn liegt.

Damit die KI verwertbare Ergebnisse liefert, nennt ihr ihr am besten direkt die passenden Quellen. Für Gebrauchtwagen lohnen sich Abfragen bei mobile und AutoScout24, während ihr bei Reisen auf Plattformen wie Skyscanner, Google Flights, Kayak oder Booking verweist. Geht es speziell um Amazon Listings, ist das Tool Keepa sehr hilfreich.

„Die klassischen Vergleichsportale spüren den Druck durch diese intelligenten Antwortmaschinen und reagieren auf die drohende Konkurrenz. Idealo hat beispielsweise eine eigene Anwendung in ChatGPT veröffentlicht, die Produktsuche und Preisvergleich direkt in den Dialog einbindet. So lassen sich Recherchen Schritt für Schritt im Gespräch eingrenzen, während die Antworten mit aktuellen Marktdaten angereichert werden. Gleichzeitig treibt Google den agentischen Commerce mit der Einführung des Universal Cart voran, einem intelligenten Warenkorb, der über verschiedene Dienste hinweg Produkte vergleicht, Rabatte erkennt und den Checkout vorbereitet.

Falko Reß, Senior Specialist Affiliate Marketing

Wenn Suchmaschinen und KI-Assistenten künftig den gesamten Einkaufsvorgang abwickeln und die Customer Journey kontrollieren, stellt das bisherige Modelle von Preisvergleichs- und Gutscheinportalen vor spürbare Herausforderungen.“

Social Media

Shop, Bank, Reisebüro: TikToks Alles-App nimmt Form an

Ab dem 15. Juni können TikTok-Nutzer*innen in noch mehr Ländern, wie Österreich, direkt in der App shoppen – TikTok Shop wächst damit auf zehn europäische Märkte. Seit dem Europastart Ende 2024 haben sich nach TikTok-Angaben über 100.000 Unternehmen angeschlossen.

TikTok arbeitet sich daneben Stück für Stück zur Super-App vor – also einer einzigen Plattform für möglichst viele Lebensbereiche, wie es z. B. WeChat in China schon vormacht. In den USA testet TikTok bereits Hotel- und Erlebnisbuchungen, in Brasilien hat der Konzern Lizenzen für Bezahlkonten und sogar eigene Kreditvergabe beantragt. Dass dieses Modell außerhalb Chinas funktioniert, würden wir mal noch nicht überbewerten – für die Mediaplanung in DACH ist aber schon der erste Part dieser News relevant: In Österreich startet der Shop nämlich in einen Markt, in dem die Konkurrenz unter Händler*innen noch überschaubar ist. Wer dort Zielgruppen hat, hat dem steht jetzt gerade ein seltenes Zeitfenster zur Verfügung.

Mehr Social Media News im Ticker

🛑 Meta weitet seine Teen-Schutzeinstellungen auf alle Märkte aus: Die am US-Filmrating PG-13 orientierten 13+-Inhaltsregeln gelten ab sofort weltweit auf Instagram, Facebook und im Messenger. Alle Accounts unter 18 wandern automatisch in Teen-Accounts; ausgeschaltet werden können die Filter nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Eltern. Organische Reichweite zu sensiblen Themenfeldern wie Fitness, Beauty und Ernährung wird für Marken mit jungen Zielgruppen in der Teen-Altersgruppe strukturell schwerer planbar.

🧑‍⚖️ Wer verklagt gerade wen? Verbote und Verfahren auf einen Blick: Über den sehr empfehlenswerten Newsletter Social Media Morgen haben wir zwei nützliche Tools entdeckt: Der Verfahrenstracker des Tech-Podcasts „Haken Dran“ macht die großen privaten und staatlichen Verfahren gegen Plattformen sichtbar, während der Social Media Ban Tracker auf einer Weltkarte den Stand der Social-Media-Jugendverbote samt Quellen zeigt.

Content piece der Woche

Wenn der Google-Chef kurze Hosen kommentiert

Wer von euch Googles Apps nutzt, hat vielleicht die neuen Logos bemerkt, die der Konzern seit ein paar Wochen über praktisch alle Dienste zieht – offiziell für mehr „Konsistenz und Kohäsion“ im Workspace. Das Internet hat darauf so reagiert, wie das Internet eben reagiert: mit einer Meme-Welle, die Googles Apps kurzerhand neue Icons verpasst – Doc Martens für Docs, Bettlaken für Sheets, Sandalen für Slides. Und für YouTube Shorts? Eine kurze Hose, logisch. Die wiederum bekam prominente Aufmerksamkeit: Google-Chef Sundar Pichai (oder zumindest sein Social-Media-Team) reagierte höchstpersönlich auf das Shorts-Meme.

Quelle: Sundar Pichai auf X
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