Typosquatting im Affiliate Marketing – ungewünschte Weiterleitungen mit Tippfehlern erkennen

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Wenn die Finger wieder einmal zu schnell waren oder der genaue Markenname nicht bekannt ist, schleichen sie sich schnell ein – gemeint sind Tippfehler, die sicherlich dem ein oder anderen schon passiert sind. Aus Nutzersicht ist dies nicht dramatisch, da diese in den meisten Fällen zur gewünschten Website weitergeleitet werden. Warum diese Tippfehler jedoch aus Sicht des Werbetreibenden dennoch ab und zu genauer unter die Lupe zu nehmen sind und was sich hinter dem sog. Typosquatting verbirgt, zeigt dieser Artikel.

Typosquatting – Definition und Abgrenzung

Typosquatting setzt sich aus den Wörtern „Typo“ sowie „Squatting“ zusammen und steht – etwas vereinfacht – für „Tippfehler“ und „Hausbesetzung“. Das umschreibt auch grob, worum es geht: Es geht um die Webseite eines Unternehmens bzw. genauer gesagt um die damit verbundenen Falschschreibweisen bzw. Tippfehler. Doch auch die Top Level Domain (TLD), d. h. der Abschnitt nach dem „Punkt“ (.de, .com, …), kann als Unterscheidungsmerkmal verwendet werden.

Arten von Typosquatting Beispiel 1 – putzmaster.de Beispiel 2 – orifori24.de
Vertipper puztmaster.de orifori25.de
TLD putzmaster.com orifori24.com
Kombination Vertipper + TLD puztmaster.com orifori25.com

 

Abzugrenzen ist das Typosquatting vom Domainsquatting, was auch als Domaingrabbing bezeichnet wird. Darunter werden Maßnahmen zusammengefasst, die mit der Sicherung von Domains mit eher generischen Wortbestandteilen einhergeht (Gattungsbegriffen wie Müll, Kleidung oder Haus). Das Ziel ist auch hier, die Domain mit Gewinn zu veräußern oder die Besucher der Seite im besten Sinne zu monetarisieren. Per se ist das natürlich nichts böses bzw. schädliches.

Typosquatting – Prinzip und Monetarisierung der Vertipperdomains

Soweit so gut bzw. schlecht? Falls das Unternehmen vergessen hat, sich Vertipper oder TLD zu sichern, kann dies ungebetene Gäste auf den Plan rufen, die sich diesen Fauxpas zu Nutze machen und sich die URLs einverleiben. Im Anschluss werden die frisch gesicherten Domains nämlich dazu genutzt, um Gewinn aus falschen Nutzereingaben zu generieren. Dies kann z. B. durch Affiliate Marketing Maßnahmen geschehen oder durch Versuche, die Domain an den „eigentlichen Rechteinhaber“ zu veräußern. Meistens werden solche Vertipper-Domains jedoch schon selbst von den jeweiligen Unternehmen gesichert, um sich vor Typosquatting zu schützen. Da es jedoch oftmals eine Vielzahl von Vertipper-Möglichkeiten gibt, können vereinzelte Beispiele durch das Raster fallen oder können aus Kostengründen nicht weiter gesichert werden.

Ist die Domain, die eine große Ähnlichkeit zum Unternehmen oder Shop besitzt, von einem ungebetenen Gast gesichert, steht der Monetarisierungsmaschinerie so gut wie nichts mehr im Wege. Obwohl auch ein Domainparking angewandt werden kann, d. h. die Schaltung von Werbung via AdSense auf der geparkten, inhaltslosen Domain, gilt es im Folgenden die Gefahren aus Sicht des Affiliate Marketings genauer zu betrachten. Dabei können grob zwei Möglichkeiten unterschieden werden:

  1. Direkte Weiterleitung

Wenn sich nun ein Nutzer bei der Eingabe der URL vertippt, den Namen falsch schreibt oder die Tastatur geklemmt hat, kommt er auf die Typosquatting Domain und kann direkt weitergeleitet werden. Die Monetarisierung kann dabei wie folgt stattfinden: Betreibt der Online-Shop Affiliate Marketing und ist bei einem Affiliate Netzwerk vertreten, so kann sich der Typosquatter im Partnerprogramm anmelden und sich, nach erfolgter Freigabe, einen Trackinglink generieren – er wird sozusagen zum Affiliate. Dieser Trackinglink wiederum wird im Zuge der Weiterleitung auf den Online-Shop „zwischengeschoben“. Für Nutzer, die sich vertippt haben, ist dies kaum nachvollziehbar, denn diese werden innerhalb von wenigen Millisekunden auf die eigentliche Shop-Seite weitergeleitet. Bei einem erfolgreichen Abschluss, bekommt der Typosquatter für die Vermittlung eine Provision, da er ja an der Customer Journey beteiligt war. Umgekehrt ist es jedoch auch folgendes denkbar: Besitzt der Online-Shop kein Partnerprogramm oder hat die Zusammenarbeit mit dem Affiliate aus o. g. Gründen, sprich dem Typosquatting beendet, so kann der Typosquatter auch auf direkte Konkurrenten verlinken. Diese müssten natürlich über ein Partnerprogramm verfügen, damit der Typosquatter auch weiterhin Gewinn aus seinen „Maßnahmen“ schöpfen kann. Aus Nutzersicht natürlich semi-sinnvoll, denn diese wollten ja eigentlich zu Shop X und nicht zu Shop Y. Somit dürfte die Conversionrate sehr gering ausfallen – aber wie heißt es so schön: Kleinvieh macht auch Mist.

  1. Weiterleitung über Webseite

Beim zweiten Fall erfolgt keine direkte Weiterleitung. Vielmehr landet der Nutzer auf einer Webseite, die sich „grob“ dem Thema widmet und vorgibt, als ob der Content zur Sucheingabe des Nutzer passt. Meistens besteht die Seite aus wenig Text und Information, hat dazu aber Banner und Links eingebunden, die zum eigentlichen Online-Shop weiterleiten. Die Monetarisierung kann dabei analog dem vorherigen Beispiel vollzogen werden.

Unabhängig von den beiden Möglichkeiten laufen im Partnerprogramm des Werbetreibenden Sales und Umsätze ein, deren Werbeleistung jedoch als eher gering einzuschätzen ist. Warum? Nun, der Suchende wusste ja ziemlich genau, wo er hin wollte. Ohne Typosquatting wäre dieser wohl auf einer 404-Seite gelandet, hätte im Anschluss noch einmal die korrekte Adresse eingegeben oder wäre schlichtweg den Weg über Google & Co. gegangen.

Typosquatting – Vorgehen zur Identifikation von Vertipperdomains

Damit Vertipperdomains nicht manuell mit großem Aufwand kontrolliert werden müssen, können Tools genutzt werden. Dabei lassen sich grob zwei Schritte unterscheiden:

  • Zusammenstellung von Vertippern und Falschschreibweisen
  • Analyse der Weiterleitungen und Identifikation von Typosquattern

Um etwaige Vertipperdomains analysieren zu können, muss im ersten Schritte eine kurze Liste an vermeintlichen Vertippern und Falschschreibweisen der Domain bzw. Marke erstellt werden. Bevor Tools wie z. B. tools.seobook.com/spelling/keywords-typos.cgim ihre Arbeit verrichten können, empfiehlt es sich eine Liste mit selbst ausgedachten Vertippern und Falschschreibweisen zu generieren. Hintergrund ist, dass Tools lediglich Buchstaben vertauschen, doppeln oder auslassen und somit ohne eine kleine Basis an Begriffen nicht sauber arbeiten können.

Die hieraus entstandene Liste kann z. B. mit Hilfe von http://www.seoconsulting.de/cgi-bin/combine.cgi?boxes=2 weiter verarbeitet werden. Denn neben den Typos, sprich den Vertippern, müssen nun die jeweiligen Top Level Domains berücksichtigt werden. Dies sind z. B.:

  • .de
  • .com
  • .at
  • .net
  • .ch
  • .info
  • .org

Das Tool, welches die Typosquatting Domains genauer unter die Lupe nimmt, lautet z. B. Screaming Frog. Dieser kleine Helfer kann nicht nur Deeplinks auf deren Aktualität überprüfen, sondern kann auch Typosquatter überführen. Damit die Liste an möglichen Vertippern und Falschschreibweisen analysiert werden kann, muss diese noch in das richtige Format gebracht werden. So ist z. B. ein „http:/www.“ für Screaming Frog Pflicht, was jedoch einfach mit Excel und der VERKETTEN-Funktion umgesetzt werden kann.

Ist die Liste aufbereitet, kann der schreiende Frosch seine Arbeit verrichten. Dabei werden die Weiterleitungsketten analysiert und Auskunft über den HTTP-Status-Code gegeben. Dieser dreistellige Code gibt an, ob die Anfrage mit Erfolg bearbeitet werden konnte oder nicht. Für weiterführende Analysen sind vor allem solche Ergebnisse relevant, die den Statuscode 2xx (Operation erfolgreich) sowie „3xx“ (Umleitung vorgenommen) enthalten. Dazu muss die finale Liste in Screaming Frog kopiert und zum Crawling freigegeben werden. Einfach unter Mode > List auswählen und die Liste via Upload ins Tool laden. Nach getaner Arbeit kann die Liste an Redirect Chains über „Report > Redirect Chains“ heruntergeladen werden. Mit Hilfe der Filterfunktion von Excel können sodann die beiden relevanten Statuscodes analysiert werden:

  1. 3xx HTTP-Status-Code

Ein Status-Code von „3xx“ gibt an, dass eine direkte Weiterleitung vorgenommen wurde. Falls direkt auf die Domain des Online-Shops weitergeleitet wird, besitzt der Werbetreibende diese Domain vermutlich selbst. Ist ein Tracking-Link eines Affiliate Netzwerks erkennbar, dann kann dieser zerlegt und die Publisher-ID herausgesucht werden. Anhand folgender URL-Präfixe lassen sich die jeweiligen Netzwerke identifizieren:

  • affilinet: partners.webmasterplan.com
  • Zanox: ad.zanox.com
  • Awin: awin1.com
  • Tradedoubler: clk.tradedoubler.com
  • Webgains: track.webgains.com

Wenn ein anderes Tracking erkennbar ist, muss die Weiterleitung tiefer überprüft werden. Zum Verschleiern können Publisher auch manchmal längere Weiterleitungsketten basteln, in der Hoffnung, dass ihre betrügerischen Maßnahmen dann nicht auffallen.

  1. 2xx HTTP-Status-Code

Die Ergebnisse, die einen Status-Code „2xx“ enthalten, müssen leider manuell überprüft werden, da sich diese nicht automatisch crawlen lassen. Der Status-Code signalisiert, dass die Vertipper-Domain eigene Inhalte hat, die es zu betrachten gilt. Sind neben dem Inhalt Banner oder Textlinks des Werbetreibenden eingebunden und lässt sich ein Tracking-Link inkl. Publisher-ID identifizieren, so muss auch hier eingeschritten werden. Herausgefiltert werden können natürlich die Ergebnisse, die direkt auf den Online-Shop des Werbetreibenden weiterleiten.

Ziel der Analyse ist es, die Publisher-ID des Typosquatters aufzudecken. Mit Hilfe der Publisher-ID können historische Performance-Daten gezogen werden, um ein Gefühl für die betrügerischen Maßnahmen zu bekommen. Leider hat sich auch gezeigt, dass vermeintlich starke Content-Publisher Ihre Umsätze größtenteils via Typosquatting generieren. Das ist natürlich sehr schade und drückt dem Affiliate Marketing vereinzelt einen negativen Stempel auf, der natürlich völlig fehl am Platz ist. Sind Typosquatter enttarnt, gilt es diese zu kontaktieren und mit den Ergebnissen zu konfrontieren, wobei in den seltensten Fällen mit Feedback zu rechnen ist. Zusätzliche sollten die Netzwerke informiert werden, um andere Werbetreibende vor solchen Maßnahmen zu schützen. Die noch offenen Sales können nach nicht erfolgter Rückmeldung storniert werden. Etwaige weitere rechtliche Schritte können vom Werbetreibenden selbst verfolgt werden.

Zusammenfassung

Typosquatting ist im Affiliate Marketing als ungewollte Werbemaßnahme anzusehen. Ziel ist es mit Hilfe von Vertippern und Falschschreibweisen Sales zu generieren, indem sich der Affiliate in die Customer Journey einschleicht. Für Programmbetreiber ist dies keine zielführende Werbeleistung. Mittels weniger Schritte können etwaige Vertipperdomains erstellt und mittels Screaming Frog analysiert werden. Schwarze Schafe lassen sich so überführen und die damit verbundenen Verstöße minimieren.

 

 

Johannes ist im Oktober 2014 als Trainee im Projecter-Team aufgenommen worden. Seit September 2015 betreut er als Account Manager nun Kunden in den Kanälen SEA und Affiliate Marketing. Während seines BWL-Studiums hat er bereits erste Erfahrungen im Online-Marketing gesammelt. In mehreren Praktika konnte Johannes schon in die Tiefen von AdWords, BingAds & Co. abtauchen und seine Kenntnisse weiter ausbauen.

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