Glitch Monday: Wie eine halbe Billion Dollar verdampfte | Projecter Weekly #25 2026
Letzte Woche war Elon Musk auf dem Papier noch der erste Billionär der Welt – diese Woche zieht ein „Glitch Monday“ eine halbe Billion Dollar aus den Tech-Werten. Die große Frage dahinter: Wann zahlen sich die gigantischen KI-Investitionen endlich aus?
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🤳 wo soziale Medien weltweit erstmals die wichtigste Nachrichtenquelle sind,
🤖 wie ein fiktives Untergangsszenario namens „Europa 2031“ Brüssel nervös macht,
🛒 was die ersten offiziellen Marktzahlen des APMC über das deutsche Affiliate Marketing verraten.
Entwicklungen & Trends
„Glitch Monday“ – die KI-Rallye bekommt einen Dämpfer
Erinnert ihr euch noch an letzte Woche, als der SpaceX-Börsengang Elon Musk auf dem Papier zum ersten Billionär der Welt machte? Die Euphorie hatte eine kurze Halbwertszeit … Drei Handelstage später steht die SpaceX-Aktie rund zehn Prozent im Minus – und zieht den Rest der Branche mit. Am sogenannten „Glitch Monday“ verlor allein Alphabet sechs Prozent und damit 256 Milliarden Dollar an Börsenwert, Amazon gab 4,8 Prozent ab, Meta und Microsoft je rund drei. Zusammengerechnet lösten sich an einem einzigen Tag knapp eine halbe Billion Dollar in Luft auf.
Der Auslöser ist keine einzelne Hiobsbotschaft, sondern eine wachsende Nervosität: Die Anleger*innen fragen sich zunehmend, wann die gigantischen KI-Investitionen der Konzerne eigentlich Gewinne abwerfen. Passend dazu geht SpaceX kurz nach dem eigenen IPO selbst auf Einkaufstour und übernimmt das KI-Coding-Tool Cursor für 60 Milliarden Dollar in Aktien: Wachstum auf Pump, bezahlt mit eben jenen frisch bewerteten Papieren.
Natürlich war das alles auch schon vor dem SpaceX Börsengang bekannt, aber die Geldgier der Optimismus trägt dann doch weit. Angeblich steht IPO ja auch für “It’s probably overpriced“.

McKinsey Studie „Rewiring Retail in Europe“ sieht 320 Mrd. Euro Potential
Wie viel Potential steckt mit KI im europäischen Einzelhandel? McKinsey beziffert diese Frage in „Rewiring Retail in Europe“ auf 240 bis 320 Milliarden Euro – nicht als Umsatz, sondern als zusätzliches Wertpotenzial über die nächsten fünf Jahre. Konkret bedeutet das vier bis zehn Prozentpunkte mehr operativer Gewinn, gespeist aus Umsatzwachstum, besseren Margen und Produktivität.
Den größten Hebel sieht der Report in einer Lücke zwischen KI-Investitionen in Marketing und ins operative Backend. Nur 15 Prozent der Händler*innen investieren z. B. bei Preisgestaltung, Sortimentsoptimierung und Lieferantenverhandlungen bislang gezielt in KI. Acht von zehn Führungskräften sagen in der Studie, es sei noch zu früh, den Effekt auf den operativen Gewinn (EBITDA) überhaupt zu beziffern.
Beim Buzzword „Agentic Commerce“, also KI-Systeme, die Kauf- und Geschäftsentscheidungen nicht nur vorbereiten, sondern selbst treffen, kommt McKinsey zu dem Schluss, dass vollautonome Käufe vorerst die Ausnahme bleiben. Allerdings nutzen 61 Prozent der europäischen Verbraucher*innen KI heute schon für Produktrecherche und -bewertung. Die Kaufentscheidung verlagert sich also längst, bevor die Bestellung automatisiert ist. Wer sichtbar bleiben will, wenn Drittanbieter-Agenten Angebote vergleichen, braucht drei Dinge: strukturierte Produktdaten, Echtzeit-Feeds für Preis und Verfügbarkeit und eine belastbare Substitutionslogik (was zeigt die KI, wenn das Wunschprodukt fehlt?). Am stärksten profitieren laut Report Händler*innen der Bereiche Mode, Schuhe und Beauty, dank höherer Margen, komplexer Sortimente und großem Personalisierungsbedarf.
Unser nächstes Webinar: Jetzt schon einmal zum AI Update am 7. Juli anmelden
Recherche, Auswertungen, das Sortieren von Dateien, den Überblick über Slack und Emails behalten – das alles sind Aufgaben, die jeden Tag viel Zeit kosten. Genau hier setzt Cowork an: Claude arbeitet direkt in deinen Dateien, Tools und Workflows, kann dank Automatisierung Aufgaben selbstständig erledigen und wird innerhalb von wenigen Tagen zu deinem virtuellen Arbeitskollegen.
In unserem AI Update am 7. Juli 2026 um 10:00 Uhr zeigen wir dir an konkreten Beispielen, welche Anwendungsfälle im Arbeitsalltag am besten funktionieren und wie du schnell zu einem produktiven Cowork-Setup kommst.

Reuters Digital News Report 2026: Social schlägt Fernsehen
Es ist ein historischer Moment, den der Reuters Digital News Report 2026 (befragt wurden fast 100.000 Menschen in 48 Ländern) markiert: Weltweit sind soziale Medien und Videoplattformen mit 54 Prozent erstmals zur meistgenutzten Nachrichtenquelle geworden, vor Fernsehen und Nachrichten-Websites. In 45 von 48 Märkten schauen inzwischen mehr Menschen Online-Nachrichtenvideos als lineares TV.
Spannend wird es beim Blick auf Deutschland, denn hier laufen die Trends laut der deutschen Teilstudie des Leibniz-Instituts (Hans-Bredow-Institut) anders. Drei Beobachtungen, die wir für besonders relevant halten:
- Fernsehen hält sich. Deutschland ist neben den Niederlanden und Dänemark eine von nur drei Ausnahmen weltweit, in denen lineares TV noch gleichauf oder vorne liegt: 59 Prozent sehen mindestens einmal pro Woche TV-Nachrichten.
- Social wächst – mit Sternchen. Als Nachrichtenquelle kommt Social hierzulande „nur“ auf 36 Prozent (Vorjahr: 33). Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es aber 60 Prozent. Wichtig: Diese Sprünge basieren laut HBI auf einer kleineren, fehlerhaft gezogenen Stichprobe, sind also eher Orientierungswert als Präzisionsmessung.
- KI bleibt vorerst ein Randphänomen. Nur 5 Prozent der Deutschen nutzen KI-Chatbots wöchentlich für Nachrichten (global: 10 Prozent), ohne nennenswerten Anstieg. Wer KI nutzt, lässt sich eher etwas zusammenfassen, als Schlagzeilen zu lesen.
Eine lesenswerte Detailauswertung des Reports liefert das Social Media Watchblog.

KI News
„Europa 2031“: Eine Dystopie als Weckruf
Manchmal wirkt eine gute Geschichte stärker als jedes Strategiepapier. Ein Dystopie-Szenario namens „Europa 2031“, verfasst von einem Zusammenschluss aus KI-Forscher*innen, Thinktanks und Investor*innen (u. a. um den KI-Governance-Forscher Maximilian Negele), geht gerade viral und sorgt gerade unter europäischen Entscheider*innen für hitzige Debatten über digitale Souveränität. Das fiktive Papier beschreibt den wirtschaftlichen und politischen Kollaps der EU bis zum Jahr 2031, weil Europa den Anschluss an die KI-Entwicklung verpasst hat.
Im Szenario kontrollieren die USA binnen weniger Jahre rund 70 Prozent der weltweiten Rechenleistung, während europäische Unternehmen ausländische Modelle nur für Verwaltungsaufgaben nutzen, ohne eigene Infrastruktur aufzubauen. Am Ende versucht die EU verzweifelt, ihr letztes Faustpfand – den niederländischen Chipausrüster ASML – als Verhandlungsmasse einzusetzen, und scheitert. Das Unheimliche: Das Gedankenexperiment ist längst in der Realität angekommen. Es wird laut Guardian bereits in Regierungsgesprächen zwischen britischen und deutschen Beamt*innen diskutiert und die Autor*innen sehen sich durch die jüngste US-Exportkontrolle für Anthropics Modelle Fable und Mythos bestätigt.
Natürlich ist eine Dystopie keine präzise Prognose und es gibt auch (beruhigenderweise) Gegenstimmen zu den Analysen. Dennoch greift das Paper sehr valide Punkte der Geopolitik auf, weswegen wir es unbedingt zur Lektüre empfehlen. Allerdings vielleicht eher nächste Woche, wenn sich die Temperaturen in Europa wieder unter die 31-Grad-Marke bewegt haben.

Five Eyes warnt vor KI-Cyberangriffen und OpenAI startet Sicherheitsinitiative
Dieser Absatz klingt zwar auch dystopisch, ist leider aber komplett real. Die Geheimdienst-Allianz Five Eyes (USA, UK, Kanada, Australien, Neuseeland) warnt erstmals gemeinsam und konstatiert, dass KI-getriebene Cyberangriffe binnen Monaten so weit eskalieren, dass sie ganze Verteidigungssysteme aushebeln. Der brisante Hintergrund: Anthropics Spitzenmodelle Mythos und Fable sind seit über zehn Tagen zurückgezogen und laut Berichten soll Mythos in einer Übung in wenigen Stunden in nahezu alle Geheimsysteme der NSA eingedrungen sein.
Die Geheimdienst-Vertreter*innen stellen fest:
The urgency is clear
AI is not a future consideration – it is already here.
It lowers barriers for malicious actors and increases the speed and complexity of attacks, shrinking the window between vulnerability discovery and exploitation ever more quickly. At the same time, AI offers powerful tools to strengthen defence.
OpenAI nutzt das Timing für eine Großoffensive und startet mit GPT-5.5-Cyber und der Initiative „Patch the Planet“ einen Vorstoß, um Sicherheitslücken in Open-Source-Software im großen Stil zu schließen. Nach eigenen Angaben hat das Modell dabei schon einen 23 Jahre alten Bug im OpenBSD-Kernel aufgespürt.
Microsoft greift Claude Cowork frontal an
Der Agentenmarkt steigt in seinen ersten richtigen Preiskampf ein, starring Microsoft vs Anthropic. Microsoft hat „Copilot Cowork“ für alle Microsoft-365-Nutzer*innen allgemein verfügbar gemacht und behauptet, die Kosten pro Prompt lägen 30 bis 40 Prozent unter denen von Anthropics Claude Cowork. Das ist etwas pikant, weil Copilot Cowork laut Microsoft selbst auf Anthropic-Modellen (Opus 4.8) läuft. Fast zeitgleich hat OpenRouter mit „Fusion“ ein Tool gelauncht, das einen Prompt durch mehrere Top-Modelle jagt und daraus eine Antwort synthetisiert. Wir finden vor allem die Namensgebung maximal verwirrend und recherchieren schonmal die passenden Memes zu unseren neuen Lieblings-Buzzwords. Reicht das für einen Rap? Claude Cowork, Copilot Cowork, ChatGPT Codex… gib mir ein C.
KI-Ticker
🎨 Adobe verteilt seine KI-Tools jetzt über alle Programme. Generative Funktionen wandern direkt in Premiere, Illustrator und InDesign und zusätzlich via Konnektoren in ChatGPT, Claude, Copilot und Gemini.
🛑 Google DeepMind stellt eine „AI Control Roadmap“ zur Absicherung von KI-Agenten vor. Das System funktioniere wie ein Fahrlehrer mit Doppelpedalen, der gefährliches Verhalten stoppt, mit Echtzeit-Zugriffskontrollen und direkter Abschalt-Infrastruktur. DeepMind behandelt die eigenen Agenten dabei wie potenziell kompromittierte Mitarbeitende.
Affiliate Marketing
18,7 Milliarden Euro Umsatz: So stark treibt Affiliate Marketing den deutschen E-Commerce
Erstmals hat der Affiliate und Partner Marketing Circle (APMC) im BVDW eine konsolidierte Marktzahlenerhebung für Deutschland vorgelegt und räumt mit ein paar Vorurteilen auf. In einem von schwacher Konsumstimmung geprägten Markt wächst der Kanal robust weiter: Die Investitionen stiegen auf 932 Millionen Euro (+8,3 Prozent), der darüber generierte Umsatz sogar um 12 Prozent auf insgesamt 18,7 Milliarden Euro.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Customer Journey. Die Touchpoint-Analyse zeigt, dass Affiliate Marketing an fast jeder vierten Online-Transaktion beteiligt ist, während in der klassischen Last-Click-Attribution aber nur jede achte sichtbar wird. Der tatsächliche Beitrag des Kanals wird also in vielen Fällen systematisch halbiert und unterschätzt. Neben der nachweisbaren Effizienz (im Retail- und Travel-Segment liegt der ROAS bei 16:1) punkten die Bestellungen mit deutlich höheren Warenkörben. Im Schnitt liegen diese im Retail bei rund 81 Euro und damit gut 56 Prozent über dem allgemeinen Marktdurchschnitt.

„Die aktuellen Zahlen des APMC zeigen sehr deutlich, dass Affiliate Marketing in seiner Wirkung oft systematisch unterschätzt wird. Dass der Kanal an fast jeder vierten Online-Transaktion beteiligt ist, in der Last-Click-Attribution aber nur jede achte sichtbar wird, verdeutlicht seinen wahren Wert für die Customer Journey.
Für eure Budgetplanung bedeutet das, über den letzten Klick hinauszuschauen – denn mit starkem ROAS und spürbar höheren Warenkörben beweist sich Affiliate Marketing gerade bei schwacher Konsumstimmung als sehr effizienter und robuster Umsatztreiber.“
Social Media
Die Jugend sieht Social Media positiver als ihre Eltern
Während über Social-Media-Verbote für Jugendliche gestritten wird, liefert eine EU-Umfrage (gut 39.000 Befragte in allen 27 Mitgliedsländern) einen aufschlussreichen Widerspruch: 48 Prozent der 13- bis 18-Jährigen sehen positive Effekte sozialer Medien auf ihre mentale Gesundheit, während es bei den Eltern nur 21 Prozent sind. Die Befragung ist Teil der Arbeit jener Expertengruppe, die der EU-Kommission am 13. Juli ihre Empfehlung zu einem möglichen Social-Media-Verbot vorlegen soll.
Während also weltweit über immer weitreichendere Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche diskutiert wird bzw. diese bereits eingeführt wurden, ist die Datenbasis dieser Verbote nach wie vor mehr als wackelig. Wir sind sehr für einen besseren Jugendschutz auf Social Media Plattformen, haben aber Zweifel an der Effektivität von Verboten. In Australien als Vorreiter dieser Strategie häufen sich mittlerweile die Berichte, dass die Verbote großflächig umgangen werden und wenig Wirkung zeigen.
Social-Media-Ticker
💬 Eigene Captions pro Carousel-Slide auf Instagram: Bei neuen Carousels auf Instgram lässt sich jetzt für jede Slide eine eigene Bildunterschrift setzen. Für Tutorials, Vorher-Nachher-Formate oder Produkt-Posts werden Hooks, Details oder CTAs direkt am passenden Visual plaziert und sollen so Swipe-Rate und Verweildauer heben (bis zu 20 Captions pro Post).
🍃 LinkedIn fügt GIFs und Skills hinzu. GIFs lassen sich jetzt nativ in Kommentaren posten (vorher nur als MP4-Umweg) und über „Connected Apps“ lassen sich 19 Tools wie HubSpot oder Buffer mit dem Profil verknüpfen.
🎛️ Du steuerst den Algorithmus. „Sag dem Algorithmus, was du sehen willst“ wird zum Trend: Mehrere Plattformen wie Threads, Instagram und TikTok erlauben Nutzer*innen jetzt direkten Einfluss auf ihre Empfehlungen.
🤝 LinkedIn testet Collab-Posts. Mehrere Profile oder Unternehmensseiten können einen Beitrag künftig gemeinsam verfassen – mit geteilter Urheberschaft und Ausspielung in allen beteiligten Feeds (Invite-and-Accept wie bei Instagram-Collabs). Das klingt nach einem sehr nützlichen Feature, u. a. für Unternehmensseiten, die gemeinsam mit Mitarbeitenden Beiträge veröffentlichen wollen. Wir halten Ausschau, wann es in unserem Feed auftaucht.
Content Piece der Woche
Wir konnten uns nicht entscheiden zwischen Katzen- und Hitze-Content, deswegen gibt es jetzt einfach beides.
Erstens, es ist warm, vor allem auch in den Zügen der Deutschen Bahn, wenn die Klimaanlage und/ oder die Funkverbindung ausfällt.

Quelle: @heuteshow auf Instagram
Zweitens, den Briten ist mal wieder der Premierminister abhanden gekommen und zumindest ein gewisser Kater namens Larry, wohnhaft in Downing Street No. 10, trägt es mit stoischer Ruhe und britischem Humor. Wir lieben alles daran.

Lesetipps & Empfehlungen
Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …
„Leak Exposes Members of Peter Thiel’s Secretive Dialog Society“ – Über ein offenes Verzeichnis im Quellcode von dialog.org stieß die Schweizer Hacktivistin maia arson crimew auf die Anmeldeliste zum Jahrestreffen von „Dialog“, der 2006 von Tech-Investor Peter Thiel mitgegründeten, streng geschlossenen Gesellschaft. Die 222 Namen lesen sich wie ein Who’s who an der Schnittstelle von Tech-Kapital, Militär und Politik bis hin zu NATO-Spitzenpersonal. Für Stirnrunzeln sorgen vor allem die Agendapunkte des Retreats: „Navigating WWIII“, „Battlefield Technologies“, „Bring Back Nuclear“ und „Build-a-Cult“. Fügt sich irgendwie ganz gut ein in die Dystopien dieser Ausgabe. Auch ein deutscher Name taucht immer wieder im Dialog-Kontext auf – Jens Spahn, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU.

