Magnifica Prompts: Wenn der Papst KI kritisiert | Projecter Weekly #21 2026

Zusammenfassen mit ChatGPT

Eine 42.000-Wörter-Enzyklika gegen die ökonomische und militärische Übermacht der KI – ausgerechnet aus dem Vatikan. Papst Leo XIV. positioniert die katholische Kirche damit als moralischen Akteur im KI-Diskurs.

Diese Woche erfahrt ihr außerdem …

🤖  wie Google sein (KI-)Ökosystem dichter strickt,

😴  warum Microsoft die KI-Welle verschlafen haben könnte,

🚀  wie es um Elon Musks SpaceX-Börsengang steht.

Entwicklungen & Trends

Pfingstmontag im Vatikan: Der Papst äußert sich zu KI

Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika veröffentlicht – ein 42.000 Wörter langer Text mit dem Titel Magnifica humanitas, Untertitel: On Safeguarding the Human Person in the Time of Artificial Intelligence. Der Vatikan ordnet KI darin als die neue industrielle Umwälzung ein, parallel zur Lage der Arbeiter*innen vor 135 Jahren, auf die Leo XIII. mit Rerum Novarum reagierte. Der zentrale Ruf: KI ökonomisch und militärisch „entwaffnen“, autonome Waffensysteme verbieten, Datenverwaltung transparent machen, ein Embedding ethischer Prinzipien direkt im Modell-Design – und ausdrücklich nicht Effizienz als alleinigen Maßstab am Menschen. Wer den Stoff komplett lesen will, findet hier die Time-Zusammenfassung und CNN-Einordnung.

Bemerkenswert für uns ist weniger der theologische Rahmen als zwei Beobachtungen am Rand. Erstens: Auf dem Podium der offiziellen Vorstellung saß mit Anthropic-Mitgründer Christopher Olah ein prominenter Vertreter aus dem Silicon Valley. Die Tech-Branche bewegt sich nicht zufällig in den Vatikan – im Vorfeld gab es laut OMR Daily mehrere Gespräche. Wer nun ahnt, dass JD Vance und Peter Thiel als konvertierte oder konservativ-katholische Stimmen demnächst „Magnifica humanitas“ als argumentative Klammer entdecken, hat vermutlich recht.

Zweitens: Gestern berichtete The Verge, dass mehrere KI-Erkennungstools große Teile der Enzyklika selbst als KI-generiert einordnen. The Verge hat rund 2.000 Wörter durch Pangram gejagt und kommt auf knapp 46 Prozent KI-Anteil; einzelne Abschnitte wurden zwischen 40 und 100 Prozent als KI-geschrieben markiert. Methodisch ist das mit Vorsicht zu lesen – Detektoren halluzinieren bekanntlich, übersetzte oder schwer redigierte Texte triggern Pangram regelmäßig, und ein Vatikan-Schreiben durchläuft natürlich viele Hände.

SpaceX, OpenAI, Anthropic – das Börsengang-Triple

Am 20. Mai hat SpaceX seinen Börsenprospekt bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, Ticker SPCX an der Nasdaq, Erstnotiz angepeilt für den 12. Juni. Die Roadshow startet am 4. Juni, das Pricing am 11. Juni. Bei einer angestrebten Bewertung von 1,75 Billionen US-Dollar wäre es der größte Börsengang aller Zeiten. Wer SpaceX kauft, kauft längst nicht nur Raketen – seit dem Allshares-Merger von xAI in SpaceX im Februar (250 Mrd. $ Deal-Wert) sind Grok, X (vormals Twitter) und die KI-Sparte mit drin. Wirtschaftlich ist die Kombination heute trotzdem maximal ein Versprechen: Die KI-Aktivitäten haben 2025 über 6 Mrd. $ Verlust geschrieben und in Januar bis März 2026 weitere 2,5 Mrd. $ verbrannt. Musk sichert sich nebenbei mit über 50 Prozent Stimmrechten als CEO, CTO und Chairman die Kontrolle für die Zeit nach dem IPO – Anlegerdemokratie sieht anders aus.

Wer in KI investieren möchte, ohne Marsreisen mitzufinanzieren, kann auf den OpenAI-IPO im Herbst warten – die Bewertung wird sich noch zeigen. Spannender ist allerdings, was bei Anthropic passiert: Das Unternehmen sucht seit Dezember Partner für einen Börsengang und liefert dafür gerade die bessere Story. Laut OMR Daily und Binance News hat Anthropic OpenAI im Mai erstmals beim Umsatz überholt – 45 Mrd. $ annualisiert vs. 30 bis 33 Mrd. $ – und ist voraussichtlich ab dem zweiten Quartal profitabel, während OpenAI mit operativen Margen tief im Minus dasteht. Der Schub kommt vor allem aus dem Enterprise-Geschäft mit Claude-API und Claude Code; das Konsument*innen-Geschäft ist nach wie vor OpenAI-Land.

Zero Points for Germany: Absturz in der KI-Nutzung in Unternehmen

Holger Schmidt hat in der F.A.Z. eine Auswertung des Microsoft AI Economy Institute zur KI-Nutzung in 147 Volkswirtschaften aufbereitet – mit ziemlich unangenehmen Ergebnissen für Deutschland. Im ersten Quartal 2026 nutzten 31,8 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen KI, ein Zuwachs von 4,6 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Absolut betrachtet ein Erfolg, im Ranking aber rutscht Deutschland von Platz 20 auf Platz 23. An der Spitze stehen die Vereinigten Arabischen Emirate (70,1 Prozent) vor Singapur (63,4) und Norwegen (48,6). Den spektakulärsten Sprung legt Südkorea hin – in neun Monaten von Rang 25 auf 16. Die Begründung ist überall ähnlich: Die Top-Länder organisieren KI strategisch, integrieren sie ins Bildungssystem und investieren entschlossen. Die Emirate bauen via Staatsfonds Anteile an OpenAI und Stargate auf und planen 14 Prozent BIP-Beitrag durch KI bis 2030, Südkorea steckt 57 Milliarden Euro in KI-Programme, Norwegen hat 110.000 Schüler*innen und Lehrkräften lizenzierte ChatGPT-Zugänge verschafft und bündelt seit 2025 alle Initiativen in der Plattform KI-Norge.

Noch ernüchternder ist die Tiefe: Nur zwölf Prozent der deutschen Wissensarbeiter*innen nutzen KI auf fortgeschrittenem Niveau – Microsoft nennt das „Frontier Professionals“, also Menschen, die KI-Agenten für mehrstufige Workflows einsetzen, Prozesse aktiv umbauen und Standards im Team verankern. In den USA sind es 17 Prozent, in Großbritannien 16. Die wahrscheinlichste Erklärung liefert die FAZ-Auswertung gleich mit: Nur 24 Prozent der deutschen Beschäftigten halten ihre Unternehmensführung für konsistent auf KI ausgerichtet, gerade einmal zehn Prozent sagen, dass ihr Arbeitgeber den Umbau der Arbeit auch dann belohnt, wenn die Ergebnisse nicht sofort messbar sind. Wer 2026 KI in einem deutschen Unternehmen ernsthaft einsetzen will, kämpft also nicht primär gegen die Technologie – sondern gegen die eigene Anreizstruktur.

Quelle: F.A.Z. Digitalwirtschaft

KI News

Google I/O 2026 & Marketing Live – die Suche wird zum Betriebssystem

Google hat in Mountain View seine Entwickler*innen-Konferenz I/O 2026 abgehalten, und parallel dazu auf der Google Marketing Live die Werbeprodukte sortiert. Der gemeinsame Nenner: Das Gemini-Ökosystem wird dichter, agentischer – und für Nutzer*innen deutlich schwerer zu verlassen, sobald man einmal drin ist.

Drei Launches, die für unseren Alltag relevant werden: Gemini Spark ist Googles individueller KI-Agent in der Gemini App: Er läuft auf Gemini 3.5 plus Antigravity-Framework, integriert Drittanbieter-Apps via MCP und übernimmt mehrstufige Aufgaben im Hintergrund. Daily Brief liefert eine personalisierte Morgenübersicht aus Posteingang, Kalender und Aufgaben und schlägt nächste Schritte vor – die Kategorie, in der Anthropic mit Claude und OpenAI mit ChatGPT-Agents längst aktiv sind. Google Pics ist die produktive Heimat des Nano-Banana-Modells: Bildelemente werden als editierbare Objekte behandelt statt als statische Pixel. Dazu kommen kleinere, aber strategisch relevante Bausteine – Sprachsteuerung in Google Docs Live, die nächste Stufe von Gemini Omni für Multi-Modal-Generierung, und SynthID als Content-Credential-Standard, dem sich Nvidia, OpenAI, KaiKai und Eleven Labs angeschlossen haben.

Auf der Werbeseite zieht Google AI Mode Ads von der Beta-Phase in die Marktreife. Marketing Brew und Googles eigener Blog beschreiben zwei neue Formate: Conversational Discovery Ads liefern Gemini-erzeugte, auf die konkrete Sucheingabe zugeschnittene Anzeigen mit hervorgehobenen Produktmerkmalen – wer nach „pflegeleichtem Raumduft“ sucht, bekommt eine maßgeschneiderte Anzeige, nicht den Standardtext. Highlighted Answers platziert relevante Anzeigen direkt innerhalb von KI-Empfehlungslisten im AI Mode. Dazu kommen AI-powered Shopping Ads, in denen Gemini bei großen Anschaffungen wie Fernsehern individuell erklärt, warum dieser Artikel zur Anfrage passt.

„Mit den I/O-Neuerungen baut Google sein Ökosystem in eine Richtung, in der Nutzer*innen länger in der eigenen Suchmaschine bleiben und sich langfristiger binden – wer sich einmal eigene Dashboards und Tracker gebaut hat, wechselt nicht mehr nebenbei zur Konkurrenz. Gleichzeitig verbessert Google das Angebot für Gemini-Abonnent*innen mit den 3.5-Versionen und Omni an einer Stelle, an der es nötig war: In Vergleichen wie der AI Arena musste Gemini in letzter Zeit Rückschläge gegenüber mehreren Claude-Modellen einstecken. Bleibt die Frage, wann die neuen Funktionen in der EU ausgerollt werden – die Antwort auf der Bühne lautete bei vielen Launches wie gewohnt: zunächst nur USA

Beatrix Dombrowski, Senior Specialist SEA

Unsere Einordnung: Die strukturell wichtigste Botschaft der Woche steckt nicht in einem einzelnen Launch, sondern im Zusammenspiel beider Konferenzen. Während AI Overviews das offene Web kannibalisieren (siehe Ausgabe #18 mit den Chartbeat-Zahlen), öffnet Google jetzt die Werbevitrine in genau dieser KI-Antwortebene. Das ist konsequent – und für Marken die einzige Möglichkeit, in der KI-Antwort überhaupt noch sichtbar zu sein. Wer 2026 SEA verantwortet, wird in den nächsten zwei Quartalen viel Zeit damit verbringen, Conversational Discovery Ads zu testen und zu verstehen, wie sich Marken-Botschaften in Gemini-erzeugten Anzeigentexten halten.“

Microsofts 80+ Copilots und 3,3 Prozent Adaption

In Ausgabe #18 haben wir den Microsoft-Quartalsbericht so eingeordnet: Copilot ist die unscheinbare Big News, 20 Millionen bezahlte M365-Seats, CEO Satya Nadella mit der Aussage „weekly engagement now at the same level as Outlook“. Drei Wochen später kommt der Gegenstandpunkt – und er ist hart. Der UX- und Strategie-Berater Tey Bannerman hat versucht aufzulisten, wie viele Microsoft-Produkte heute „Copilot“ heißen, und ist bei 81 gelandet. Nicht 81 Features – 81 eigenständige Produkte, Apps, Plattformen, sogar eine Tastatur-Taste und eine ganze Laptop-Kategorie. Bannerman erwähnt, dass selbst Microsoft keine vollständige Liste auf der eigenen Website hat. Wenn deine Marken-Architektur so zerfasert ist, dass dein eigenes Marketing-Team sie nicht überblickt, hast du nicht zu viele Produkte – du hast keine Strategie.

Genau das passt zur zweiten Geschichte der Woche. Mat Velloso, heute VP of Product, Developer Platform bei Metas Superintelligence Labs (Metas KI-Forschungseinheit), vorher KI-Entwickler-Produkte bei Google DeepMind, davor zwölf Jahre Microsoft und vier Jahre Technical Advisor von Satya Nadella selbst – sagt öffentlich, was bei Microsoft intern lange als Erfolgsgeschichte verkauft wurde: „Microsoft missed the internet wave, the mobile wave – and now it missed the AI wave.“ Die Zahlen, die er nennt, sind unbequem. Von 450 Millionen Microsoft-365-Nutzer*innen haben gerade einmal 15 Millionen bezahlte Copilot-Seats – eine Adoption-Rate von 3,3 Prozent. Das ist die Kennzahl, die Nadellas „so oft genutzt wie Outlook“ relativiert: Innerhalb der 3,3 Prozent stimmt das wahrscheinlich. Bei den restlichen 96,7 Prozent eben nicht. Bing hat trotz Milliarden-KI-Investitionen keinen einzigen Prozentpunkt Suchmarktanteil gegenüber Google geholt. GitHubs Service-Level-Verfügbarkeit ist unter 90 Prozent gerutscht. Die Aktienentwicklung seit Vellosos Wechsel zu Google im Frühjahr 2024: Alphabet +230 Prozent, Microsoft etwa flach.

Beides zusammen ergibt das Bild, das die Bannerman-Grafik visualisiert: Microsoft ist nicht in einer Existenzkrise – Vellosos eigener Halbsatz lautet „Their moat is unbreakable“, denn Active Directory, Azure, Office und Windows sind kurzfristig nicht zu ersetzen. Aber das Storytelling, dass Microsoft als KI-Gewinner unter den großen Cloud-Konzernen dasteht, ist nicht wirklich realistisch.

Tey Bannermans Visualisierung „How many products does Microsoft have named ‚Copilot‘?“ (Quelle: Original mit Image-Download)

Anthropic überholt OpenAI und liefert im Q2 erstmals Gewinn

Was wir in den letzten Ausgaben als Tendenz angedeutet hatten, wurde nun Realität: Anthropic hat OpenAI beim Umsatz überholt. 45 Milliarden US-Dollar annualisiert auf Anthropic-Seite, 30 bis 33 Milliarden auf OpenAI-Seite, je nach Quelle. Wichtiger als der Umsatz selbst sind die Margen: Anthropic arbeitet im laufenden Quartal voraussichtlich profitabel (etwa 559 Mio. $ operativer Gewinn, geschätzte 5 Prozent Marge), während OpenAI im ersten Quartal eine operative Marge von -122 Prozent ausweisen musste – Server-Mietkosten, Subventionierung Hunderter Millionen Gratisnutzer*innen und Personalkosten fressen alles weg.

Der Treiber ist klar identifizierbar: Anthropic verdient sein Geld mit Claude-API und Claude Code im Enterprise-Geschäft – planbare, wiederkehrende Umsätze aus Verträgen mit großen Unternehmen. OpenAI bleibt der Konsumenten-Champion mit ChatGPT, aber genau diese Position kostet Geld, statt es einzubringen. Für den geplanten OpenAI-Börsengang im Herbst ist das die ungünstige Ausgangslage. Anthropic sucht seit Dezember Partner für einen IPO und liefert die bessere Pitch-Story: Erste profitable Quartale schon vor dem Börsengang, fünffaches Umsatzwachstum innerhalb eines halben Jahres, klares Enterprise-Segment.

Social Media

Meta probiert es noch mal mit dem Reddit-Klon

Letzte Woche ist Metas neue iOS-App Forum still und ohne Ankündigung im US-App-Store erschienen. Forum nimmt Facebook Gruppen (oder auch Groups) aus dem Hauptfeed heraus und packt sie in eine eigene Oberfläche, die mehr an Reddit erinnert als an Facebook: chronologische Gruppen-Diskussionen, Postings unter Nickname (die Gruppen-Admins können die echte Identität weiter sehen) und ein KI-Feature namens Ask, das Antworten quer durch mehrere Communities zusammenzieht. Dazu kommt eine KI-gestützte Admin-Hilfe für Gruppen-Moderator*innen. Forum ist aktuell nur im US-Store, nicht für Android, und ausdrücklich im „Test-Status“ verfügbar.

Quelle: TechCrunch

Bemerkenswert ist die Vorgeschichte: Meta hatte die exakt gleiche Idee schon 2014, hat die App 2017 still eingestellt und nie öffentlich erklärt, warum. Was sich seither geändert hat: Reddit ist explodiert, und Menschen suchen zunehmend nach echten menschlichen Antworten statt SEO-optimierten Artikel-Listen – Googles AI Mode zitiert ja inzwischen direkt aus Reddit. Meta dürfte mit Forum drei Effekte gleichzeitig erzielen wollen: Den eigenen Group-Bestand monetarisieren, eine Antwort auf Reddit als KI-Trainingsdatenquelle haben und die Datenfreigabe der Group-Teilnehmer*innen feiner steuern.

Wer in Facebook-Groups bereits Communities pflegt – wie B2C-Beauty-Brands, lokale Reiseanbieter, Hobbyisten-Communities –, sollte Forum also auf der Watchlist haben. Sobald die App nach Europa kommt, ergibt sich eine zweite Sichtbarkeitsebene für genau dieselben Inhalte, mit anderer Distribution. Falls Meta ähnlich wie bei Threads aus dem Stand 100 Millionen Nutzer*innen aktiviert, hätte Reddit zum ersten Mal einen ernstzunehmenden westlichen Wettbewerber.

Meta One – das Abo-Bundle ist da

Gestern hat Meta seine Abo-Strategie zusammengefasst und global gelauncht. Die neuen Plus-Abos kosten 3,99 $ pro Monat (Instagram Plus, Facebook Plus) und 2,99 $ (WhatsApp Plus) – mit Story-Insights, Super-Reaktionen, eigenen App-Icons und Premium-Stickern. Parallel beginnen Tests für Meta One Plus (7,99 $) und Meta One Premium (19,99 $) als KI-Tarife, dazu Meta One Essential (14,99 $) für Creator und Business-Accounts mit Verified-Badge, Identitätsschutz und einer erweiterten Link-Sheet-Funktion. Die Tests starten zunächst in Singapur, Guatemala und Bolivien.

Meta hat sein Geld bisher fast komplett aus Werbung verdient und alle anderen Monetarisierungs-Versuche (Marketplace-Gebühren, Meta Verified) eher als Beiwerk geführt. Mit Meta One zeichnet sich – nach dem Vorbild Microsofts (M365), Apples (One) und Googles (One) – das Modell „Plattform mit Subscription-Treppe und Werbung darunter“ ab. Aus Marketing-Sicht bedeutet das auf absehbare Zeit: Heavy-User wandern in werbeärmere Bereiche, das durchschnittliche Werbe-Inventar wird tendenziell schwächer in der gewünschten Zielgruppe – die kaufkräftigen 25- bis 45-Jährigen. Wer auf Instagram-Werbung setzt, sollte das langfristig in der Mediaplanung mitdenken. Kurzfristig ändert sich aber wenig, weil das Plus-Abo zunächst Zusatzfunktionen verkauft und keine Werbefreiheit verspricht.

LinkedIn räumt auf: Weniger KI-Slop, mehr Video

Drei Geschichten von derselben Plattform, alle in derselben Woche – ein guter Beleg dafür, wie unsortiert die Lage gerade auf LinkedIn ist. Erstens: LinkedIn rollt eine Filter-Schicht aus, die generische KI-Posts und KI-Kommentare aus den Empfehlungen verbannt. Laut The Next Web und Decoder erkennt das System in frühen Tests zu 94 Prozent richtig, was als „AI Slop“ gilt: KI-glatte Engagement-Bait-Posts, recycelte Thought-Leadership-Beiträge, generische Kommentare. Inhalte werden nicht gelöscht, sondern unterdrückt – sie verlassen den unmittelbaren Netzwerkkreis einfach nicht. KI-assistierte Inhalte mit eigener Idee bleiben aber sichtbar.

Wie absurd das gesamte LinkedIn-Ökosystem inzwischen ist, illustriert übrigens eine Rest-of-World-Reportage ganz gut: Auf den Philippinen schreiben Menschen zusammen mit KI für 7 US-$ pro Stunde Posts und Kommentare für westliche Führungskräfte und liken sich gegenseitig hoch. Der pure Wettlauf um den Schein.

Zweitens: Wie zahlreiche LinkedIn-Nutzer*innen und auch ganz offiziell OMR Daily berichtet, hat das Moderationssystem von LinkedIn letzte Woche massenhaft Warnungen wegen „Nonconsensual Intimate Imagery“ verschickt – zu Beiträgen jeder Art und jeden Alters. LinkedIn hat zur eigenen FP-Rate bislang nichts veröffentlicht. An seine (oben) gepriesenen KI-Filter muss LinkedIn also anscheinend nochmal ran …

Drittens: LinkedIn baut den TikTok-ähnlichen Video-Feed jetzt in UK, Kanada und Australien aus, nachdem das Format ein Jahr in den USA getestet wurde. Eine der Zahlen, die das Unternehmen nennt: die Watchtime sei insgesamt im Jahresvergleich um +36 Prozent gestiegen. Empfehlung der Plattform: Zwei bis fünf Beiträge pro Woche, davon mindestens ein bis zwei Videos – am liebsten vertikal. Das lassen wir mal so stehen, macht damit, was ihr wollt. Wir sind jedenfalls gespannt, ob sich der Video-Feed international noch weiter durchsetzt. 

Content Piece der Woche

The Material Life of Italian Brainrot – eine sehr lesenswerte ethnografische Reportage darüber, wie aus den TikTok-Memes „Italian Brainrot“ mittlerweile eine physische Spielzeug-Industrie geworden ist, aus chinesischen Fabriken direkt auf deutsche Schulhöfe transferiert. Wer Kinder im Grundschulalter hat, weiß, wovon die Rede ist. Wer nicht: Tralalero Tralala, Bombardiro Crocodilo. Bitte einmal selbst nachschauen.

Quelle: Algofolk auf Substack

Lesetipps & Empfehlungen

Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …

Hype Literacy – die DW Akademie hat einen kompakten Online-Kurs zur Frage veröffentlicht, wie wir mit Tech-Hype und seinen Berichterstattungs-Mustern umgehen. Für PR-Teams, die in den nächsten Monaten KI-Pressetexte schreiben oder beurteilen, ein brauchbarer Selbstcheck.

Ben Evans, „AI Eats the World“ – Spring 2026: Der KI-Analyst hat seine zweimal pro Jahr erscheinende Branchenpräsentation veröffentlicht. Diesmal sind es 79 Slides, gegliedert in drei Teile – Capital, Deployment, Change – und im Kern eine sehr nüchterne Lagebeurteilung des KI-Booms.

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