Meta zählt Mausbewegungen, OpenAI macht sich frei und Duo(lingo) wird erwachsen | Projecter Weekly #17 2026
Eine souveräne Cloud-Infrastruktur für den Bund? Klingt erstmal nach einem sinnvollen Plan, den Digitalminister Wildberger da hatte. Google hat ihm aber einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🤖 mit welchen Funktionen ChatGPT im KI-Rennen kräftig aufholt,
😸 warum Metas‘ Manus-Deal doch noch nicht abgeschlossen ist,
⭐️ und warum ihr bei 5-Sterne-Google-Bewertungen jetzt genauer hinschauen solltet.
Entwicklungen & Trends
Meta wird zum Rechenzentrum: Erst die Mausbewegungen, dann die Stellen
Meta sammelt seit Kurzem die Mausbewegungen und Tastaturanschläge seiner Mitarbeitenden – immer dann, wenn diese am Arbeitsrechner firmenrelevante Programme nutzen. Das Ganze läuft unter dem Namen Model Capability Initiative (MCI) und soll KI-Agenten dabei helfen, sich künftig stärker am Verhalten echter Menschen zu orientieren. Ein paar Tage später kam die zweite Meldung: Meta entlässt 8.000 Mitarbeitende – etwa zehn Prozent der Belegschaft – und besetzt zusätzlich 6.000 freie Stellen nicht mehr. Das Geld fließt, wie nicht anders zu erwarten, laut Schätzungen für 2026 in den Ausbau von KI-Rechenzentren.
Alexandr Wang, der relativ neue Chef von Metas „Superintelligence-Team“, kommt mit seiner Firma Scale AI aus genau diesem Geschäft – Trainingsdaten aus menschlichem Computerverhalten generieren. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt man ja immer. Auf diese Weise entwickelt sich Meta wohl langsam immer mehr zum Rechenzentrum: Hoher Automatisierungsgrad und immer weniger Menschen, die immer mehr Agenten orchestrieren. Der Konzern dürfte damit zukünftig zumindest in den USA (dank Gewerkschaften sowie strengerer Gesetze bezüglich Kündigungsschutz und Datenschutz in Europa) nicht lange allein sein.
Google bremst deutschen Digitalminister aus
Eigentlich wollte Digitalminister Karsten Wildberger diese Woche einen Großauftrag für eine souveräne Cloud-Infrastruktur für die deutsche Verwaltung vergeben. Volumen: 250 Millionen Euro über vier Jahre. Auftragsempfänger sollten SAP, die Deutsche Telekom, SVA und Schwarz Digits sein – die mehrfache Vergabe sollte Abhängigkeiten vermeiden und das System absichern. Gut gedacht, aber daraus wird jetzt erst einmal nichts: Ein Konsortium um Google hat laut F.A.Z. Digitalwirtschaft Beschwerde bei der Vergabekammer des Bundes eingelegt.
Solche Beschwerden sind in millionenschweren Vergabeverfahren nichts Ungewöhnliches – aber sie ziehen die Verfahren oft um Monate, manchmal Jahre in die Länge. Für Wildberger, der die Digitalisierung der Verwaltung deutlich beschleunigen will, ist das ein Rückschlag. Wer auch immer am Ende den Auftrag bekommt – die Frage, wie souverän eine deutsche „souveräne Cloud“ wirklich werden kann, beantwortet sich gerade schon vor dem Spatenstich …
Sehen wir uns auf der OMR? 🚀
Wir freuen uns schon unglaublich auf neue Insights zu Themen, die die Branche 2026 bewegen, das typische OMR-Flair und natürlich: auf gute Gespräche mit euch! Unser Team ist mit Steffen Jecke, Lisett Enge, Christin Hildebrandt, Hanna Bürger und Jakob Palmer vor Ort. Bock auf ein Treffen? Dann vernetzt euch gerne mit ihnen auf LinkedIn.

KI News
OpenAI macht sich frei – von Musk und von Microsoft
Am Montag hat im kalifornischen Oakland der Prozess zwischen Elon Musk und OpenAI begonnen. Musk wirft dem Unternehmen vor, seine ursprüngliche, gemeinnützige Mission verraten zu haben, fordert 134 Milliarden US-Dollar Schadenersatz und die Absetzung von Sam Altman und Mitgründer Greg Brockman. Auf der Zeugenliste: Altman, Brockman, Microsoft-CEO Satya Nadella und mehrere OpenAI-Insider. Die New York Times hat extra einen Live-Ticker eingerichtet. Ein Anwalt für Konzernrecht hat das Ganze gegenüber der Washington Post so eingeordnet: „We are about to witness the landing of the Hindenburg on the deck of the Titanic.“
Während Musk vor Gericht für Drama sorgt, regelt OpenAI im Hintergrund eine andere, deutlich folgenreichere Beziehungsfrage neu: Microsoft verliert die exklusiven Verkaufsrechte für die OpenAI-Modelle. Heißt: OpenAI darf seine Technologie ab sofort auch an Microsofts direkte Cloud-Konkurrenten ausliefern – ein massiver strategischer Hebel. Im Gegenzug stoppt Microsoft die Revenue-Sharing-Zahlungen an OpenAI; OpenAI selbst zahlt aber bis 2030 weiter (gedeckelte Beträge) an den Investor zurück. Die Beziehung verschiebt sich damit vom „exklusiven Partner“ hin zum „großen Anteilseigner mit Sonderrechten“ – das ist ein qualitativer Unterschied.
Sollte Musk im Gerichtssaal tatsächlich gewinnen, könnte OpenAI ausgerechnet in dem Moment ausgebremst werden, in dem es sich strategisch endlich frei spielt. xAI, Google, Anthropic und DeepSeek würden zuschauen und sich freuen.

ChatGPT-Triple-Update – 5.5, Codex und Images 2.0
OpenAI hat in den letzten Tagen drei größere Updates ausgespielt – und alle drei verlangen, dass wir unsere Routinen anpassen. GPT-5.5 ist seit Kurzem Teil von ChatGPT und laut OpenAI eine neue Modellfamilie, nicht einfach der Nachfolger von 5.4. Die wichtigste Verschiebung: Gute Prompts beschreiben jetzt das gewünschte Ergebnis, nicht den Weg dorthin. Schritt-für-Schritt-Anweisungen, die uns früher Punkte gebracht haben, können bei 5.5 die Antwortqualität sogar aktiv senken. Was außerdem bemerkenswert ist: Auf dem AA-Omniscience-Benchmark erreicht 5.5 zwar eine Rekord-Genauigkeit von 57 Prozent beim reinen Faktenwissen – aber gleichzeitig eine Halluzinationsrate von 86 Prozent. Zum Vergleich: Claude Opus 4.7 liegt bei 36 Prozent, Gemini 3.1 Pro bei 50. Wer das Modell im Alltag ohne klare Wahrheitsklauseln einsetzt, kassiert also potenziell sehr selbstbewusst formulierten Unsinn.
Parallel hat OpenAI Codex für agentische Wissensarbeit positioniert. Ethan Mollick zeigt in einem viel diskutierten Test, wie GPT-5.5 in Codex aus vier Prompts und alten Crowdfunding-Daten eine wissenschaftliche Arbeit auf Niveau eines Doktoranden im zweiten Jahr produziert – inklusive Literaturüberblick und Statistik. Damit schließt ChatGPT zu Claude Cowork auf, denn das Prinzip ist das gleiche. Wie letzte Woche berichtet, ist es jetzt wohl nur eine Frage der Zeit, bis es eine ähnlich funktionierende Gemini App geben wird.
Drittes Update: Images 2.0. Das Modell hat einen neuen Thinking-Modus, kann während der Bildgenerierung im Web recherchieren und löst endlich das Problem, an dem alle Bild-KIs bisher scheiterten – fehlerfreie Texte im Bild. Im FAZ-Test entstand mit einem einzigen Prompt eine ästhetische Speisekarte für ein hessisches Restaurant – sauber gesetzt, deutsche Typographie, korrekte Begriffe. Auf der Benchmark-Plattform Artificial Analysis liegt Images 2.0 vor Googles Nano Banana 2 – ist allerdings auch deutlich teurer (211 statt 67 USD pro 1.000 Bilder) und langsamer. Die AInauten haben passend dazu Prompt-Vorlagen für 360°-Panoramas, Lern-Infografiken, Tutorial-Screens und Produkt-Mockups veröffentlicht – sehr brauchbar, wenn ihr direkt loslegen wollt.
Und noch ein paar Lesetipps zum Vertiefen:
- FAZ: Zehn Tricks für ChatGPT-5.5 – sehr gute Übersicht zu Modellwahl, Prompt-Logik und Anti-Halluzinations-Setup.
- FAZ: Fünf Tipps für die Bildgenerierung mit Images 2.0 – inkl. lesenswertem Hintergrund zur autoregressiven Architektur und einem ehrlichen Vergleich mit Nano Banana 2.

Cloud Next in Vegas – Googles KI-Offensive auf allen Ebenen
Auf der Cloud-Next-Konferenz in Las Vegas hat Google die achte Generation seiner Tensor Processing Units (TPUs) angekündigt – diesmal in zwei Varianten, eine für das Training neuer Modelle, eine für die Echtzeit-Inferenz. Dazu gibt es die neue Gemini Enterprise Agent Platform, die das alte Vertex AI ablöst, Zugriff auf Gemini- und Drittanbieter-Modelle bündelt und um Security-, Governance- und Orchestrierungs-Features ergänzt wird. Google positioniert die Plattform offen als die unternehmenstauglichere Alternative zu Anthropics Cowork – ein Schuss vor den Bug der wachsenden Agentic-AI-Konkurrenz.
Spannend wird es, wenn man parallel die Geldströme betrachtet: Google investiert 10 Milliarden US-Dollar in Anthropic, mit der Option auf weitere 30 Milliarden – nur Tage nachdem Amazon ebenfalls eine Mega-Runde angekündigt hat. Heißt: Google baut seine eigenen Chips, baut seine eigene Agenten-Plattform – und finanziert gleichzeitig den größten Konkurrenten dieser Plattform. Das ist nicht widersprüchlich, sondern strategische Risikostreuung: Wer die Infrastruktur stellt, verdient an jedem KI-Workload mit, egal von wem das Modell stammt. Die spannende Frage ist eher, was Anthropic mit zwei so unterschiedlichen Großinvestoren langfristig anfängt.
Manus zurück in chinesische Hand: Peking blockiert Metas 2-Milliarden-Deal
Diese Geschichte galt bei Big Tech eigentlich als abgehakt: Meta hatte das KI-Agenten-Startup Manus im Dezember 2025 für rund 2 Milliarden US-Dollar gekauft, die Technologie war längst in Meta-Produkte eingeflossen und prominent beworben. Jetzt hat Chinas Investitionsprüfbehörde NDRC nach monatelanger Untersuchung die komplette Rückabwicklung angeordnet. Meta hat angekündigt, dem Beschluss vorerst zu folgen.
Spannend wird es bei der Frage, wie Peking überhaupt durchgreifen kann. Manus war zum Verkaufszeitpunkt nämlich gar nicht mehr in China registriert – die drei Gründer hatten ihren Firmensitz im Sommer 2025 nach Singapur verlegt. In der Branche heißt diese Manövrierbewegung „Singapore Washing“: Chinesische Tech-Firmen verlagern ihren juristischen Sitz, um sich als globaler Akteur zu positionieren und politischen Risiken zu entkommen. Die NDRC hat mit dem Manus-Veto klargestellt, dass dieser Trick nicht funktioniert, solange Technologie, Forschungsökosystem oder Köpfe weiter mit dem Festland verbunden sind. Apropos Köpfe: Zwei der Gründer dürfen China derzeit nicht verlassen – eine Ausreisesperre, die selten so offen kommuniziert wird.
Für westliche Investoren ist das ein scharfer Realitätscheck. Wer auf Beteiligungen an chinesischer KI-Wertschöpfung gesetzt hat, muss seine Annahmen überprüfen; chinesische Startups wiederum dürften künftig vorsichtiger auswählen, von wem sie Geld nehmen (Fortune ordnet das ein). Die Entkopplung der US- und chinesischen KI-Industrie ist damit kein Strategiepapier mehr, sondern Tagesgeschäft – inklusive der unangenehmen Frage, ob Singapur künftig als Standort wirklich neutraler ist als es scheint.
Suchmaschinen
„Über 250 entfernte Bewertungen“ – Google Maps (Deutschland) spricht jetzt Klartext
Seit dem 26. April taucht in deutschen Google-Maps-Profilen ein neuer Banner auf – immer dann, wenn ein Unternehmen viele Rezensionen wegen angeblicher Diffamierung hat löschen lassen. Statt exakter Zahlen zeigt Google Bandbreiten („2 bis 5″, „21 bis 50“, in einigen Fällen sogar „über 250 entfernte Bewertungen“). Klingt unscheinbar, ist aber ein deutlicher Schritt: Jahrelang wurde in Deutschland das gewerbliche Bewertungslöschen zur eigenen kleinen Industrie – Kanzleien forderten reihenweise Bewertungen ab, und weil deutsche Gerichte die Hürden niedrig angesetzt haben (etwa der Hinweis: „Der/die Rezensent*in war gar kein Kunde“), kamen über die Jahre Hunderttausende zusammen.
Die wirklich krasse Zahl liefert PPC.land: 99,97 Prozent aller wegen Diffamierung entfernten Google-Maps-Bewertungen in der gesamten EU stammen aus Deutschland. Was hier juristisch normal geworden ist, gibt es im EU-Vergleich also praktisch nirgendwo sonst. Mit dem Banner setzt Google diesem Vorgehen einen sehr sichtbaren Marker entgegen – und Nutzer*innen verstehen die Botschaft offenbar gut: Auf Reddit hat sich innerhalb weniger Tage ein „Löschkönige“-Trend etabliert, Nutzer*innen suchen aktiv die Profile mit den höchsten Lösch-Spannen ihrer Stadt. Eine erste juristische Einordnung wirft die Frage auf, ob das Banner als „Stigmatisierung“ angreifbar ist – wir vermuten: Nein, weil es ja nur Tatsachen wiedergibt. Für lokales SEO und Reputation Management heißt das auf jeden Fall: Wer in den letzten Jahren großzügig löschen ließ, bekommt das jetzt sehr sichtbar vor die Tür gehängt.
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OpenAI weitet das Anzeigengeschäfts für ChatGPT aus
Nachdem OpenAI nur mit der Option, Anzeigen über einen CPM abzurechnen, ins Werbegeschäft gestartet ist, beginnen nun erste Tests mit der Abrechnung per Klick. Diese Anzeigenvariante wird zum Start nur für eine ausgewählte Anzahl an Werbetreibenden freigeschaltet, die Zugriff auf den Ads Manager haben. Erste Tests melden Klickpreise zwischen 3 und 5 US-Dollar. Die Preise werden voraussichtlich weiter sinken, da bei den CPM-Anzeigen zum Start Preise von 60 US-Dollar für tausend Kontakte gezahlt werden mussten, mittlerweile sind Werbetreibende aber auch mit 25 US-Dollar dabei.
Zusätzlich wurde die Anzeigenausspielung auf nicht-eingeloggte Nutzer*innen ausgeweitet. OpenAI veröffentlich zwar keine Zahlen, wie hoch der Anteil dieser Nutzergruppe ist, aber wir gehen trotzdem von einer signifikanten Vergrößerung der Zielgruppe aus.
Social Media
Duo wird erwachsen
Laut Business Insider kündigte der Duolingo Chief Marketing Officer (CMO) Manu Orssad eine neue Marketing-Strategie an: Das Marketing rund um die Sprachlern-App soll künftig weniger chaotisch („unhinged“), stattdessen ruhiger und positiver („wholesome“) werden. Das Maskottchen, Eule „Duo“, ist in der Vergangenheit vor allem durch grenzüberschreitenden, herben Humor aufgefallen – was viel Reichweite und Aufmerksamkeit für die Marke erzeugt hat. Nun soll Duo etwas erwachsener werden. Wir sind gespannt, wie sich der Content in Zukunft gestaltet.


Fehlt es der Politik an Medienkompetenz?
Ein Hackerteam soll über den Messenger Signal versucht haben, an Daten deutscher Politiker*innen heranzukommen. Turns out: Es handelte sich hierbei nicht um einen gezielten Angriff, sondern um eine erfolgreiche Phishing-Kampagne – auf die die Politiker*innen hereingefallen sind. Die Bundesanwaltschaft hat nun Ermittlungen aufgenommen. Signal soll zukünftig durch einen anderen Messenger ersetzt werden.
Lesetipps & Empfehlungen
Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …
🎧 20 Jahre Spotify: Pünktlich zum runden Geburtstag hat Spotify zum ersten Mal offengelegt, wer in der Plattform-Geschichte tatsächlich am meisten gestreamt wurde. An der Spitze der Künstlerliste: Taylor Swift, gefolgt von Bad Bunny und Drake. Meistgestreamter Song: The Weeknds „Blinding Lights“. Meistgestreamtes Album: Bad Bunnys „Un Verano Sin Ti“ mit stolzen 22 Milliarden Streams. Und bemerkenswert deutsch: „Gemischtes Hack“ steht im globalen Podcast-Ranking auf Platz 2. Die komplette Liste gibt es direkt im Spotify Newsroom.
🧱 Iranische Propaganda im LEGO-Look – ein verstörend gutes Stück Internetkultur: Johannes Kuhn vom Internet Observatorium hat einen sehr lesenswerten Text über die pro-iranischen LEGO-Videos zum Iran-Israel-Krieg veröffentlicht. In den Animationen wird Trump als „oranges Schwein“ inszeniert, das Netanjahu als Hund am Halsband hält. Produziert wird das Ganze offenbar von einer staatlich lizenzierten iranischen Redaktion mit unter 25-jährigen Macher*innen – und ist popkulturell so dicht, dass sich die Grenze zwischen Satire und Propaganda kaum noch ziehen lässt. Kuhns spannende These: Genau diese Verschiebung war erst möglich, weil politische Information durch Comedy und satirische Inhalte mittlerweile zur medialen Normalität gehört. Bei den Quellen sollte man aber wirklich genau hinschauen. YouTube hat den Original-Kanal inzwischen gesperrt – der Text bleibt aber lesenswert.


