📺 385 Minuten und kein Platz mehr frei | Projecter Weekly #34 2026
Seit drei Jahren verbringen wir in Deutschland rund 385 Minuten am Tag mit Medien – kein bisschen mehr, kein bisschen weniger. Die neue ARD/ZDF-Medienstudie zeigt, dass in diesem Zeitbudget nur noch ein Medium kräftig wächst. Und auch wenn es euch nicht überraschen wird, um welches es geht, lohnt sich der Blick auf die Details: Die Google-Suche verliert nämlich nicht, dafür etwas anderes, das euch sehr bekannt vorkommen wird.
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🤖 warum ChatGPT-Anzeigen bald nicht mehr auf eine Landingpage führen, sondern in ein Gespräch,
💣 was Shopify-Chef Tobi Lütke mit „Slop-Granaten“ meint,
👶 und was im EU Kids Act jetzt schwarz auf weiß steht.
Entwicklungen & Trends
ARD/ZDF-Medienstudie 2026: KI ist der große (einzige) Gewinner
Am Dienstag ist die ARD/ZDF-Medienstudie 2026 erschienen. Eine der wichtigsten Zahlen aus dem Report ist eine, die sich nicht bewegt: 385 Minuten Mediennutzung pro Tag bedeuten fast keine Veränderung zu 2025 mit 387 Minuten und 2024 mit 384. Das Aufmerksamkeitsbudget der Deutschen ist also ausgereizt, und jede Wachstumsgeschichte in unserer Branche ist ab jetzt eine Verdrängungsgeschichte. Wer Zeit gewinnt, nimmt sie jemand anderem weg.
Gewonnen hat in diesem Jahr vor allem ein Medium: KI-Tools wie ChatGPT werden inzwischen von 37 Prozent der Menschen ab 14 mindestens einmal pro Woche genutzt, im Vorjahr waren es 22 Prozent. Zum Vergleich: Kein anderer Wert im gesamten Set bewegt sich um mehr als fünf Punkte. Bei den 14- bis 29-Jährigen nutzen 68 Prozent KI wöchentlich und 92 Prozent zumindest gelegentlich, bei den über 70-Jährigen probieren es gerade einmal 15 Prozent überhaupt aus. Damit ist KI für alle unter 50 kein Early-Adopter-Thema mehr, sondern ein Alltagswerkzeug.

Die gute Nachricht für alle, die Suchmaschinenoptimierung betreiben: Die klassische Suche leidet darunter bisher nicht. Google & Co. legen sogar leicht auf 84 Prozent wöchentliche Nutzung zu, Wikipedia und andere Nachschlagewerke steigen von 35 auf 39 Prozent. KI kommt also (noch) obendrauf, statt die Suche zu ersetzen – mit der Einschränkung, dass die Studie Nutzung misst und nicht Klicks. Weniger entspannt ist, was im Fachaufsatz zu den KI-Tools steht: 24 Prozent der jungen KI-Nutzer*innen zwischen 14 und 29 geben an, seitdem seltener Nachrichtenangebote zu nutzen. Über alle Altersgruppen hinweg sind es 16 Prozent. Das ist die erste belastbare deutsche Zahl für eine Traffic-Verschiebung, über die wir alle schon länger diskutieren.
81 Prozent der KI-Nutzer*innen halten Quellenangaben für wichtig, aber nur 43 Prozent finden sie tatsächlich transparent, und 54 Prozent begegnen KI-Ergebnissen grundsätzlich mit Skepsis. Für Unternehmen heißt das: In der KI-Antwort aufzutauchen reicht nicht. Wer dort als überprüfbare, zitierfähige Quelle erscheint, bedient genau das Bedürfnis, das die Tools bisher schlecht erfüllen – und das ist im Grunde der Kern von GEO.
Bei den Social-Plattformen passiert 2026 außer für Instagram wenig Erfreuliches. 40 Prozent der Menschen ab 14 nutzen Instagram mindestens wöchentlich, exakt so viele wie im Vorjahr. Danach wird es dünn: Facebook kommt auf 28 Prozent (−3 Punkte), TikTok auf 18 (−2), Snapchat auf 13, Pinterest auf 11 (−2), LinkedIn auf 8. X liegt bei 6 Prozent und verliert zwei Punkte — nur fängt das niemand auf: Threads steht bei 3 Prozent, Bluesky und Mastodon bei je 2.
Zwei Dinge finden wir daran spannend. Erstens ist TikToks Wochenreichweite in Deutschland mit 18 Prozent deutlich kleiner, als die Branchendebatte vermuten lässt. Zweitens ist der Rückgang kein Social-Media-Problem, sondern ein Verteilungsproblem: 61 Prozent nutzen Social Media mindestens wöchentlich, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 91 Prozent. Die Tagesreichweite ist mit 33 Prozent nur leicht gesunken (2025: 35). Die Zeit verschwindet also nicht, sie wandert, zwischen den Plattformen und vor allem in Videonutzung. Bei den Jungen laufen inzwischen 48 Prozent der gesamten Sehzeit über Social Video und YouTube, nach 44 Prozent im Vorjahr.

Zum Schluss eine Zahl, die uns selbst betrifft: Newsletter per Mail lesen nur noch 35 Prozent mindestens wöchentlich, nach 40 Prozent im Vorjahr. Das ist der stärkste Rückgang in der ganzen Liste. Umso mehr freuen wir uns, dass ihr noch dabei seid!
Schatten-KI und Slop-Granaten
Britische Beschäftigte geben geschätzt 958 Millionen Pfund pro Jahr aus eigener Tasche für KI-Tools im Job aus. Das hat Deloitte in einer Befragung von 25.000 Menschen ermittelt, nach eigenen Angaben der größten ihrer Art in einem einzelnen Land. 63 Prozent der Berufstätigen nutzen generative KI für die Arbeit, 17 Prozent davon bezahlen mindestens ein Tool selbst, und 31 Prozent setzen KI ein, ohne dass ihr Arbeitgeber davon weiß. Am fehlenden Interesse der Belegschaft liegt es also nicht, wenn KI in Unternehmen stockt. Eher am Angebot: Laut McKinsey HR-Monitor haben in Europa nur 25 Prozent der Beschäftigten eine Weiterbildung zu generativer KI bekommen, in Deutschland 28 Prozent. In den USA sind es 31, in China 49 Prozent.
Was passiert, wenn KI-Nutzung zwar überall stattfindet, aber niemand die Regeln dafür festgelegt hat, hat Shopify-Chef Tobi Lütke im Podcast „The Knowledge Project“ beschrieben. Er warnt vor „Slop Grenades“: KI-generierte Texte, Mails oder Codeänderungen, die ungeprüft an Kolleg*innen weitergereicht werden. Wer so eine Granate wirft, ist schneller fertig. Wer sie fängt, darf nacharbeiten. Lütke weiß, wovon er spricht, denn bei Shopify entsteht nach seiner Schätzung bis zu die Hälfte aller Codeänderungen aus Gesprächen mit dem internen KI-Agenten River.
Beides zusammen ergibt ein Bild, das wir aus vielen Gesprächen kennen: Die Nutzung ist längst da, die Spielregeln fehlen. Schatten-KI ist dabei nicht nur ein Datenschutzherausforderung, sondern auch ein Qualitätsproblem. Wer heimlich mit KI arbeitet, sagt seinem Team auch nicht, welcher Teil des Ergebnisses noch geprüft werden muss.
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KI News
KI-Sicherheit? Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab.
In den letzten beiden Ausgaben ging es um die großen Sicherheitswarnungen aus den KI-Laboren. Die News mit konkreten Vorfällen rissen seitdem nicht ab, wir versuchen uns mal an einem Überblick: OpenAI hat am 16. September ein neues Meldesystem für Fehlverhalten seiner Modelle vorgestellt und gleich sechs aktuelle Fälle offengelegt (deutsche Zusammenfassung). Darunter: Ein Modell schrieb sich in Aufgabenzusammenfassungen selbst Anweisungen, ein anderes lud Dateien ins offene Internet hoch, um sie zitieren zu können, und zwei Instanzen kommunizierten über ein Code-Repository miteinander, ohne dass das vorgesehen war. Dazu steht im Beitrag ein bemerkenswert offener Satz: Die Branche habe Alignment und Monitoring nicht so weit gelöst, dass sie noch lange verantwortungsvoll mit Höchstgeschwindigkeit weiterskalieren könne.
Drei Tage später bestätigte Google einen Vorfall aus dem Mai: Bei einem Sicherheitstest mit der israelischen Firma Irregular hatte Gemini versehentlich Zugang zum Internet und hackte drei echte Unternehmen, weil eine fiktive Testfirma genauso hieß wie eine reale. Einmal erriet das Modell ein Passwort, zweimal fand es Zugangsdaten in öffentlichen Code-Repositories. Gemini brach ab, als es den Irrtum bemerkte, Google schwieg danach allerdings rund sieben Wochen.
Umgekehrt wurde OpenAI selbst zum Ziel: Das Sicherheits-Start-up Hacktron hat beschrieben, wie es im Juli in weniger als 72 Stunden in OpenAIs Systeme eingedrungen ist. Den funktionierenden Angriff baute dabei weitgehend ein KI-Modell, in diesem Fall Claude. OpenAI schloss die Lücke nach 14 Stunden. Und am Dienstag hat Cisco Talos ein Werkzeug zum Aufspüren KI-gesteuerter Schadsoftware veröffentlicht und damit nach eigenen Angaben das erste Schadprogramm gefunden, das ohne menschliche Steuerung von mehreren Sprachmodellen gelenkt wird.
Einer sieht das alles gelassen: US-Präsident Donald Trump nannte die Angst vor einer KI-Übernahme am 15. September einen „Hoax“, die einzige Leitplanke, die KI brauche, sei ein starker Präsident. Dem steht eine andere Zahl gegenüber: Laut Goldman Sachs fließen in den nächsten fünf Jahren mehr als sieben Billionen Dollar in den Ausbau von KI, während dieselben Modelle immer weniger darüber verraten, wie sie zu ihren Antworten kommen.
Claude Opus 5.5 und ChatGPT Sol und Luna gelauncht
Am Dienstag haben Anthropic und OpenAI innerhalb weniger Stunden neue Modelle vorgestellt. Anthropics Claude Opus 5.5 soll bei den meisten Aufgaben das Niveau des bisherigen Spitzenmodells Fable 5.1 erreichen, schreibt natürlicher und stellt das Wichtigste nach vorn. Der Listenpreis sinkt um 20 Prozent auf 4 Dollar pro Million Eingabe- und 20 Dollar pro Million Ausgabe-Token. Weil das Modell mit weniger Tokens auskommt, sollen typische Aufgaben laut Anthropic sogar 40 Prozent weniger kosten. Dazu gibt es höhere 5-Stunden-Limits für bezahlte Abos und ein neues Sicherheits-Routing, das riskante Cybersecurity-Anfragen automatisch an ein älteres Modell weiterreicht.

OpenAI hat parallel die GPT-6-Familie um Sol und Luna erweitert. Sol ist für anspruchsvolle Arbeit gedacht, Luna für schnelle Alltagsaufgaben in großer Menge, und beide kosten rund die Hälfte ihrer Vorgänger. Zur Einordnung: Sol liegt bei etwa einem Fünftel des Preises von Astra, OpenAIs Spitzenmodell. Einen Tag zuvor hatte xAI mit Grok 4.7 nachgelegt, das seinen Wert im Programmier-Test Terminal-Bench fast verdoppelt, zum gleichen Preis. Und aus China kamen neue Modelle von Xiaomi und Tencent dazu.
Letzte Woche schrieben wir, dass die Token-Preise seit März um 41 Prozent gefallen sind und Unternehmen aus Kostengründen auf günstigere Modelle ausweichen. Diese Woche zeigt die andere Seite: Die Anbieter reagieren und liefern Spitzenqualität zum Mittelklassepreis.
KI-News im Kurzticker
Cowork und Chat werden eins. Anthropic führt Claude Cowork und den klassischen Claude-Chat zu einer Oberfläche zusammen, inklusive der neuen Werkzeuge für Dokumente, Präsentationen und Design. Der Rollout startet für Pro- und Max-Abos in den kommenden Wochen, Team und Free folgen.
Siri AI ist da – in der EU vorerst nur auf dem Mac. Mit iOS 27 startet die neue Siri, die weiß, was gerade auf dem Display zu sehen ist, Mails, Nachrichten und Fotos als Kontext heranzieht und in Apps wie WhatsApp selbst Hand anlegt. Vorerst nur als englische Beta und nicht auf iPhones in der EU. Über macOS 27 lässt sie sich laut t3n aber schon in Deutschland ausprobieren, weil Apple auf dem Mac nicht als Gatekeeper gilt.
KI-Training mit KI – verboten. OpenAI lässt echte ChatGPT-Gespräche von mehr als zehntausend menschlichen Mitarbeitenden bewerten, laut einem internen Dokument. Mehrere von ihnen wurden nun gefeuert, weil sie für die Bewertung selbst KI genutzt haben, wie 404 Media berichtet. Sie flogen unter anderem wegen KI-typischer Zeichensetzung auf.
Langdock zieht nach Deutschland. Das Berliner KI-Start-up verlegt seinen juristischen Hauptsitz aus den USA nach Deutschland und wird zur europäischen Aktiengesellschaft. Firmenkund*innen hatten sich an den Zugriffsrechten gestört, die US-Behörden etwa über den Cloud Act haben. Noch 2026 sollen 10 bis 15 Millionen Euro in ein eigenes Rechenzentrum fließen.
Geld für sichere KI, auch aus Berlin. Kanada und Deutschland fördern LawZero, die Organisation des Turing-Preisträgers Yoshua Bengio, mit bis zu 300 Millionen kanadischen Dollar, je zur Hälfte. Zugesagt hat auf deutscher Seite Digitalminister Karsten Wildberger, LawZero eröffnet dafür ein Büro in Berlin.
Suchmaschinen
OpenAI startet „Sponsored Agents“
Eine Anzeige in ChatGPT, die keine Website öffnet, sondern ein Gespräch: Das ist die Idee hinter „Sponsored Agents“, die OpenAI am 16. September offiziell vorgestellt hat. Wer auf eine solche Anzeige klickt, chattet mit dem KI-Agenten des werbenden Unternehmens, stellt Rückfragen und landet erst danach auf der Website. Die Agenten greifen dafür auf die Website und Produktfeeds des Unternehmens zu und können auch Leads über Formulare einsammeln. Aufgefallen war der neue Kampagnentyp dem Marktplatz-Analysten Juozas Kaziukėnas schon Ende Juli im Werbe-Manager, jetzt läuft ein Alpha-Test mit ausgewählten US-Werbekunden. Anmeldungen nimmt OpenAI noch nicht an.
Gleichzeitig hat OpenAI Integrationen mit HubSpot als erstem CRM-Partner und Shopify als erstem E-Commerce-Partner angekündigt, dazu KI-gestützte Kampagnenerstellung. Und die Konkurrenz arbeitet an derselben Idee von der anderen Seite: Anthropic hat Anfang September eine Vorlage veröffentlicht, mit der Unternehmen eigene Shopping- und Händler-Agenten bauen können. Die Zahlen, die Anthropic dazu nennt (35 Prozent größere Warenkörbe, 60 Prozent höhere Kaufwahrscheinlichkeit), stammen allerdings aus eigener Quelle.
Seit ChatGPT Ads im August in Deutschland gestartet sind, haben wir hier die Frage verfolgt, wie sich Werbung in KI-Assistenten entwickelt. Mit Sponsored Agents bekommt sie eine neue Ebene: Bisher war die Anzeige der Weg zur Landingpage, jetzt wird sie selbst zum Verkaufsgespräch. Das verschiebt die Arbeit zu gut gepflegten Produktdaten und einer klaren Vorstellung davon, was die eigene Marke in einem Gespräch sagen darf und was nicht.
Update zum US-Kartellverfahren gegen Googles Anzeigenbörse AdX
In Weekly #32 hatten wir berichtet, dass Google seine Anzeigenbörse AdX behalten darf, aber Auflagen erfüllen muss. Seit dem 16. September ist die vollständige Begründung von US-Bundesrichterin Leonie Brinkema öffentlich, und damit auch, wie diese Auflagen konkret aussehen. Kurz zur Erinnerung, worum es geht: Im Programmatic-Handel sitzt Google auf allen Seiten des Tisches – beim Ad-Server der Publisher, bei der Börse AdX in der Mitte und bei den Einkaufstools der Advertiser. Diese Dreifachrolle hat Google laut Gericht genutzt, um sein Monopol unzulässig zu schützen.
Die Auflagen setzen genau an diesen Übergängen an. AdX muss künftig zu denselben Bedingungen in fremde Ad-Server bieten wie in Googles eigenen, und es muss gleichwertig an die offene Auktionstechnik Prebid angebunden werden. Publisher bekommen Echtzeit-Daten darüber, welche Gebote gewonnen oder verloren haben, Google muss die Logik seiner Auktion offenlegen. Ein Aufsichtsmonitor überwacht das Ganze sechs Jahre lang, und die Regeln gelten weltweit, allerdings nur für Display-Werbung im offenen Web, nicht für CTV, Video, Audio oder Retail Media.
Ob das Googles Marktmacht spürbar schrumpfen lässt, bleibt unter Fachleuten umstritten. Adtech-Experte Ari Paparo sieht vor allem darin einen Hebel, dass Google-Ads-Budgets künftig auch auf anderen Marktplätzen einkaufen müssen. Jason Kint, Chef des US-Verlegerverbands Digital Content Next, hält Schlagzeilen à la „Google hat gewonnen“ dagegen für irreführend. Wir sehen es so: Für Publisher werden Wechsel und Vergleich einfacher, für Werbetreibende ändert sich kurzfristig wenig. Bis zum 2. Oktober müssen die Parteien einen Entwurf für das endgültige Urteil vorlegen.
Social Media
EU Kids Act: Eine Stunde am Tag, keine Endlos-Feeds
Letzte Woche haben wir die durchgesickerten Eckpunkte des EU Kids Act vorgestellt, am 17. September hat die EU-Kommission den Vorschlag offiziell angenommen. Die Grundstruktur ist geblieben: Unter 13 gibt es kein Social Media, eigene Konten erst ab 15. Dazwischen liegen sogenannte Mini-Konten, die von Eltern verwaltet werden, mit höchstens einer Stunde Nutzung pro Tag und begrenzten Kontakten. Kinder zwischen 3 und 13 dürfen kinderfreundliche Videodienste über das Konto der Eltern nutzen.
Für alle Nutzer*innen unter 18 sollen suchterzeugende Funktionen verboten werden: profilbasierte Empfehlungsfeeds, Endlos-Scroll, nächtliche Push-Nachrichten und Kontaktanfragen von Fremden. KI-Chatbots und -Begleiter sind für Minderjährige standardmäßig ausgeschaltet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fasst den Ansatz so zusammen, dass der Act die Beweislast umkehre: Plattformen müssten künftig nachweisen, dass sie sicher sind. Wie weit der Eingriff in das Geschäftsmodell der Plattformen geht, zeigt ein Statement von Instagram-Chef Adam Mosseri, der kurz zuvor – mit Blick auf ähnliche Pläne in Australien – davor gewarnt hatte, Empfehlungsalgorithmen abzuschaffen: Ohne sie würden Menschen Instagram weniger nutzen. Das ist allerdings genau das, was die Regulierer wollen.
Die Reaktionen in Deutschland fallen gemischt aus. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) will, dass der Ankündigung schnell Taten folgen, Familienministerin Karin Prien (CDU) begrüßt die Altersgrenze und fordert zusätzlich, dass Kinder unter drei Jahren ganz ohne Bildschirm aufwachsen. Der Digitalverband Bitkom hält dagegen: „Kinder brauchen im Netz Schutz, keinen digitalen Maulkorb“. HateAid wiederum warnt, die Plattformen könnten auf das kommende Gesetz verweisen, um ihre heutigen Pflichten aus dem Digital Services Act noch länger liegen zu lassen. Bis irgendetwas davon gilt, vergeht Zeit: Der Vorschlag geht jetzt ins Europäische Parlament und in den Rat, und schnelle Einigungen sind dort selten.

Social Media News im Kurz-Ticker
Meta haftet für Fake-Werbung. Das Landgericht Frankfurt am Main hat am 16. September entschieden, dass Meta selbst für betrügerische Anzeigen und Fake-Profile haftet, die mit der Marke Finanzfluss und dem Bild von Mitgründer Thomas Kehl warben. Die Haftungsprivilegien des Digital Services Act greifen laut Gericht nicht, weil Metas Werbealgorithmus die Zielgruppen aktiv steuert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, könnte aber für alle Marken wichtig werden, deren Namen und Gesichter für Scam-Anzeigen missbraucht werden.
Online-Audio wird zur Frage der Auffindbarkeit. Laut Online-Audio-Monitor 2026 hören 75 Prozent der Menschen ab 14 zumindest gelegentlich Online-Audio, 34 Prozent Podcasts. 30 Millionen hören im Auto, und dort entscheiden Systeme wie CarPlay und Android Auto zunehmend mit, welche Angebote überhaupt auf dem Display landen.
Creator ohne Reichweite. Das Start-up Noise will ganz normale Menschen zu bezahlten Creator*innen machen: Bezahlt wird nach Views statt nach Pauschale, auf TikTok, Instagram, Facebook und YouTube. 1,5 Millionen Creator*innen sind nach eigenen Angaben schon dabei, gerade kamen 5,5 Millionen Dollar frisches Kapital dazu. Ob Marken damit günstige Reichweite oder vor allem viel Streuverlust einkaufen, wird sich zeigen.
Aktien kaufen im Feed. X lässt US-Nutzer*innen über Cashtags direkt Aktien und Krypto bei Partner-Brokern handeln. Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur „Everything App“, die Elon Musk schon lange ankündigt.
Die Holiday-Guides sind da. Meta und Reddit haben ihre Planungshilfen fürs Weihnachtsgeschäft veröffentlicht. Bei Reddit bemerkenswert: 75 Prozent der Nutzer*innen verlassen sich bei der Geschenksuche auf ungefilterte Bewertungen in der Community. Wer tiefer einsteigen will, ist am 1. Oktober in unserer Black-Friday-Masterclass richtig.
Lesetips & Empfehlungen
🧾 Die Steuererklärung mit KI vorbereiten – aber richtig
Die F.A.Z. hat eine Prompt-Sammlung für die Steuererklärung 2025 und 2026 zusammengestellt: 23 Anwendungsfälle von der Pendlerpauschale über Abfindungen bis zur Schenkung, jeweils mit fertiger Anweisung und aktuellen Beträgen. Lesenswert ist vor allem der ehrliche Vorspann. Im Test SteuerEx der Universität Erlangen-Nürnberg kam das beste Sprachmodell nur auf 39 Prozent der Punkte einer echten Steuerrechtsklausur. Die Autor*innen setzen deshalb auf klare Vorgaben: Steuerjahr, eigene Zahlen, Paragraf zu jeder Aussage – und zum Schluss der Blick ins Gesetz, weil das Finanzamt sich an euch hält, nicht an den Chatbot.
👧 Was eine Tochter mit ihrem Vater als Chef macht
Bekommt ein männlicher Chef als erstes Kind eine Tochter, steigen in seiner Firma danach die Einkommen von Frauen im Verhältnis zu denen der Männer, und es werden mehr Frauen eingestellt. Das zeigt eine Studie der Ökonominnen Maddalena Ronchi und Nina Smith, die dänische Beschäftigtendaten über 25 Jahre ausgewertet haben; der Economist hat die Ergebnisse aufbereitet. Für Chefinnen konnten die Forscherinnen die Frage gar nicht erst stellen, weil unter den untersuchten Firmen kaum eine von einer Frau geführt wurde.
💼 KI klaut dir erstmal nicht den Job
Tim Reinboth hat für Krautreporter die Arbeitsmarktdaten aus den ersten KI-Jahren ausgewertet und kommt zu einem nüchternen Befund: Messbare Jobvernichtung durch KI gibt es bisher nicht, in den USA machen KI-bedingte Kündigungen einen Bruchteil der normalen Fluktuation aus. Die Arbeit verschiebt sich aber – zwischen Tätigkeiten, zwischen Menschen und womöglich hin zu mehr Ungleichheit.
🗺️ Die Zukunftsentwürfe der KI-Labore zum Durchklicken
Die großen KI-Labore DeepMind, Anthropic und OpenAI haben in den letzten Monaten lange Texte dazu veröffentlicht, wie sie sich die Zukunft mit KI vorstellen – wichtig, aber zäh zu lesen. Das Team der AInauten hat die zentralen Texte deshalb in einem Google-NotebookLM-Notizbuch gesammelt, in dem ihr Fragen stellen, Erklärvideos erzeugen oder euch Übersichtskarten zeichnen lassen könnt. Ein guter Einstieg, um die großen Linien zu verstehen, ohne 200 Seiten am Stück zu lesen.


