🦸 Nicht künstlich, sondern super: Washington benennt die KI um | Projecter Weekly #36 2026
„Artificial“ klinge nach „fake“, findet Donald Trump – und hat die Bundesbehörden per Anordnung angewiesen, ab sofort von „Super Intelligence“ zu sprechen. Wenige Stunden zuvor hatten die Chefs der großen KI-Labore im Weißen Haus ihre freiwillige Selbstverpflichtung unterschrieben, über die wir letzte Woche berichtet haben. Ein neuer Name ist allerdings noch keine Antwort auf die Frage, wer diese Systeme eigentlich kontrolliert.
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🫂 warum Metas Muse über eure Freund*innen Buch führt,
💬 was Gemini 4 Argon mit sich bringt,
🌱 und welche grünen Werbeclaims seit dem 27. September tabu sind, inklusive Webinar-Tipp.
Entwicklungen & Trends
Super, Intelligenz! Washington wechselt das Etikett
Am Dienstag vergangener Woche haben die Chefs von Anthropic, Google, Meta, Nvidia und xAI sowie OpenAI-Präsident Greg Brockman im Weißen Haus die freiwillige Selbstverpflichtung zur KI-Sicherheit unterschrieben (wir berichteten in Weekly #35). Was erst danach kam, ist mindestens genauso aufschlussreich: Wenige Stunden später unterzeichnete Donald Trump eine Anordnung, nach der Bundesbehörden künftig nicht mehr von „Artificial Intelligence“, sondern von „Super Intelligence“ (SI) sprechen sollen. Die Begründung: „Artificial“ klinge nach etwas Falschem. Bestehende Verträge und Vorschriften müssen nicht angepasst werden, aber Trumps Wissenschaftsberater soll binnen 60 Tagen prüfen, ob auch die gesetzliche Definition geändert wird. Die Tech-Chefs machen mit – Nvidia-Chef Jensen Huang korrigierte sich laut Axios mitten im Gespräch selbst und versprach, er werde da noch besser werden.
Axios liest das als Rebranding gegen den Gegenwind: In vielen US-Gemeinden schließen sich Bürger*innen parteiübergreifend gegen neue Rechenzentren zusammen, junge Beschäftigte sorgen sich um ihre Jobs. Laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage haben 73 Prozent der Amerikaner*innen kein Vertrauen, dass die großen US-KI-Firmen genug Schutzmechanismen haben, um ernsthaften Schaden für die Gesellschaft zu verhindern. 55 Prozent fänden es gut, wenn die KI-Entwicklung langsamer würde. Ob der neue Name dagegen hilft? Eine YouGov-Umfrage spricht eher nicht dafür: 53 Prozent bevorzugen „Artificial Intelligence“, nur 9 Prozent „Super Intelligence“.
Und während im Weißen Haus Einigkeit inszeniert wurde, ging es hinter den Kulissen offenbar weniger harmonisch zu. Laut Wall Street Journal haben Huang und andere Anthropic-Chef Dario Amodei kurz vorher zur Rede gestellt, weil er so laut vor den Risiken der Technologie warnt. Gleichzeitig hat die Verbraucherschutzbehörde FTC Ermittlungen gegen OpenAI, Anthropic und die Prüforganisation METR eingeleitet, die unter anderem den Ausbruch eines unveröffentlichten OpenAI-Modells untersucht hatte. In den nächsten Wochen sollen die Unternehmen förmliche Auskunftsersuchen bekommen. Pikant: FTC-Chef Andrew Ferguson hatte den Labs noch vor wenigen Wochen vorgeworfen, mit ihren Warnungen Panik zu schüren, um sich per Regulierung gegen Konkurrenz abzuschotten. Die Opposition ist sich übrigens auch nicht einig: Bei den Demokrat*innen gibt es laut Transformer mindestens vier Lager – von existenziellen Risiken über Jobs bis Klima.
Für uns in Europa ändert sich vorerst nichts, hier heißt KI weiter KI, und der AI Act bleibt der AI Act. Interessant ist die Episode trotzdem, weil sie zeigt, wie sehr die Debatte inzwischen eine Frage der Erzählung ist: Wer über „Super Intelligence“ spricht, spricht über Möglichkeiten. Wer über „künstliche Intelligenz“ spricht, fragt eher, was dabei schiefgehen kann.
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Mistral kommt nach München
Während die US-Labs um die Krone beim nächsten Frontier-Modell ringen, sucht sich Mistral eine Nische, die die Konkurrenz bislang links liegen lässt: KI für die Schwerindustrie. Das französische KI-Unternehmen eröffnet in München einen Standort mit Forschungsteams für Physics AI und Industrial AI, Partner sind BMW, Siemens Energy und die TU München. Das Fundament bilden mehr als 30 Physiker*innen und Ingenieur*innen aus der Übernahme von Emmi AI im Mai, die Erfahrung mit Strömungssimulation und Strukturmechanik mitbringen. Mit der TU München arbeitet Mistral an digitalen Zwillingen für die Aerodynamik von Fahrzeugen, die Echtzeit-Sensordaten mit Simulationen kombinieren – in einem Bereich, in dem einzelne Rechenläufe heute oft tagelang dauern.
Das Verkaufsargument ist so europäisch wie möglich: offene Modellgewichte, die komplett auf der Infrastruktur der Kund*innen und unter europäischem Recht laufen, ohne dass Daten zu Mistral fließen. Bis 2030 will das Unternehmen ein Gigawatt europäische Rechenkapazität aufbauen, flankiert wird der Start vom Bund und der bayerischen Staatskanzlei. Für Mistral ist das klug: Statt im Wettrennen um das beste Allzweck-Modell hinterherzulaufen, positioniert es sich als langfristiger Technologiepartner für genau die Branchen, in denen Deutschland traditionell stark ist.
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KI als Anwalt für die, die keinen haben
Zwischen all den Warnungen vor KI-Risiken gibt es diese Woche auch eine Geschichte, die Mut macht. Exponential View hat Zahlen zum Zugang zum Recht zusammengetragen: In England und Wales hatten dieses Jahr 60 Prozent der Beklagten in streitigen Zivilverfahren an den County Courts keinen Anwalt. In den USA stehen mehr als neun von zehn Verbraucher*innen bei Inkassoklagen ohne rechtliche Vertretung da. Wer sich keine Kanzlei leisten kann, ist meist auf sich allein gestellt.
Genau hier kann KI einen Unterschied machen. In Australien hat der Informatiker Greg Baker mit Hilfe von KI gegen seinen Arbeitgeber geklagt, der seine Gelegenheitsstelle nicht in eine feste Anstellung umwandeln wollte – und vor der Fair Work Commission recht bekommen. Wie verbreitet solche Anfragen sind, zeigen Nutzungsdaten von Anthropic: Im Mai entfielen rund 0,6 Prozent der gesamten Claude-Nutzung auf juristische Tätigkeiten, damit liegt der Beruf auf Platz 38 von 718. Und etwa vier Fünftel davon waren Menschen, die einfach wissen wollten, welche Rechte und Pflichten sie haben. KI ersetzt natürlich keine anwaltliche Beratung, aber verschiebt wohl, wer sich überhaupt traut, für sein Recht einzustehen.
KI News
ChatGPT Ads im Praxistest – jetzt zu unserem nächsten Webinar anmelden
ChatGPT Ads bringen Werbung in einen völlig neuen Kontext. Die Anzeigen sind seit Ende August auch in Deutschland offiziell buchbar. Damit entsteht ein Werbeumfeld, in dem niemand durch einen Feed scrollt. Stattdessen stellen Nutzer*innen eine konkrete Frage.
Was heißt das für Targeting, Anzeigen und Tracking, und lohnt sich der Einstieg jetzt schon? In unserem AI Update Webinar am Mittwoch, den 14. Oktober 2026, um 10:00 Uhr sprechen Rebecca Haupt, Strategist Data, Measurement & Projektmanagement bei Projecter, und Katja von der Burg, Gründerin und Geschäftsführerin, über den neuen Kanal. Im Gespräch ordnen sie ein, was er heute schon kann und wo er noch Zukunftsmusik ist. Am Ende bleibt Zeit für eure Fragen. Meldet euch jetzt schon einmal an! 👇
Gemini 4 Argon: Google ist zurück im Frontier-Rennen
Fast ein Jahr nach Gemini 3 und einige Monate später als ursprünglich angekündigt hat Google am 30. September Gemini 4 Argon vorgestellt. Der Fokus liegt auf langen, komplexen Aufgaben in der Softwareentwicklung, in der Wissensarbeit, etwa im Rechts- und Finanzbereich, und in der Cybersicherheit. Auf dem Benchmark DeepSWE v1.1, der realistische, lange Programmieraufgaben misst, erreicht Argon 77,9 Prozent und damit einen neuen Bestwert. Dazu kommt eine Ausgabelänge von bis zu einer Million Tokens, bisher waren es 64.000. Laut Google schlägt Argon OpenAIs GPT-6 Astra in mehreren Disziplinen.
Nutzen können das Modell vorerst allerdings nur ausgewählte Cyber-Verteidiger*innen aus Googles Fairwind-Programm. Der breite Start für zahlende API-Kundinnen und Abonnent*innen von Google AI Ultra wartet noch auf die freiwillige Vorab-Prüfung durch die US-Regierung. Auch das ist ein Zeichen der Zeit: Nach den Sicherheitspannen der letzten Wochen will offenbar niemand mehr ein Spitzenmodell einfach so veröffentlichen.
Spannender als die Benchmarks ist der Preis. Zum Start kostet Argon 2 Dollar pro Million Eingabe- und 10 Dollar pro Million Ausgabe-Tokens – exakt so viel wie Claude Sonnet 5.5 und GPT-6.1 Sol. Nach der Einführungsphase soll sich der Preis verdoppeln. The Deep View bringt es auf den Punkt: Wenn sich die Labs Woche für Woche gegenseitig überholen, wird Leistung zur Selbstverständlichkeit, und was ein Modell kostet, zählt plötzlich so viel wie das, was es kann. Für Unternehmen ist das eine gute Nachricht. Wer sich heute auf einen Anbieter festlegt, sollte trotzdem im Blick behalten, wie schnell sich die Rangliste gerade dreht.
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Muse kennt deine Freund*innen
Metas KI-Agent Muse ist ein Hit, macht aber weiter mit Datenschutzfragen Schlagzeilen (zu den Pannen der Vorwoche siehe Weekly #35). Der Sicherheitsforscher Karan Joshi hat Muse über den ganz normalen Chat dazu gebracht, seine internen Anweisungen preiszugeben, und seine Funde WIRED gezeigt. Darin steht unter anderem, dass Muse „eine Seite für jede Person im Leben“ seiner Nutzer*innen anlegen soll – für Familie, Partner*innen, Freund*innen, Kolleg*innen und Menschen, denen man folgt. Die Seiten werden stündlich ergänzt: Wo jemand wohnt, welche Geburtstage und Jahrestage wichtig sind, welcher Streit gerade beigelegt wurde. In einem eigenen Abschnitt schlägt Muse sogar vor, wie sich die Beziehung verbessern ließe, etwa mit einem Grund für einen Anruf. Joshi findet das „ziemlich gruselig“.
Meta hält dagegen: Muse nutze nur öffentliche Informationen und das, was Nutzer*innen selbst teilen. Jede Person bekomme eine eigene, abgeschottete virtuelle Maschine, Erinnerungen ließen sich löschen, und vor Käufen oder E-Mails frage der Agent nach. Das Grundproblem bleibt trotzdem, wie Miranda Bogen vom Center for Democracy and Technology gegenüber WIRED sagt: Agenten leben davon, dass wir ihnen möglichst viel Zugang geben – E-Mails, Kalender, Bankkonten.
Und Meta baut Muse weiter aus. Auf der Meta Connect kündigte der Konzern an, den Agenten in den kommenden Monaten auf die KI-Brillen zu bringen. Muse bekommt eine eigene E-Mail-Adresse, kann auf dem Mac nun jede App bedienen und kauft über neue Anbindungen bei Walmart, Sephora oder Wayfair ein. Dazu kommt Muse Charm, ein kleines Gerät für die Hosentasche, um mit dem Agenten zu sprechen. In Europa ist Muse bislang nicht verfügbar. Gerade bei einem Agenten, der so viel über unser Umfeld wissen will, dürfte die Frage, wie er mit der DSGVO zusammenpasst, vorsichtig ausgedrückt problematisch sein.
⚡️ KI-News im Kurzticker
🧑💻 Der Kollege, der nie Feierabend macht. Microsoft baut Copilot um: Home bündelt Chat, Cowork und die Office-Apps, mit Code bauen auch Nicht-Entwickler*innen kleine Apps und Dashboards. Am spannendsten ist Autopilot, ein Agent mit eigener Identität, eigenem Gedächtnis und eigenem Rechner, den man in Teams oder Outlook wie einen Kollegen per @-Erwähnung anspricht und der weiterarbeitet, wenn man schläft. Autopilot startet allerdings erst Ende Oktober in einer geschlossenen Vorschau.
👓 Brille mit Bildschirm. Die Meta Ray-Ban Display, Metas Brille mit eingebautem Display, ist seit der Connect in Deutschland vorbestellbar und soll ab dem 13. Oktober erhältlich sein.
Suchmaschinen
Apples Sperrliste für Adtech
Mit iOS 27 hatte Apple vor rund drei Wochen fünf Programmatic-Anbieter in Safari ausgesperrt: The Trade Desk, LiveRamp, ID5, Permutive und Audigent. Jetzt geht der Konzern deutlich weiter. Laut AdExchanger hat Apple die ursprüngliche Liste durch eine Sammlung mit Hunderten CDPs, Adtech- und Martech-Anbietern, Datenhändlern und ID-Graph-Betreibern ersetzt. Die Liste liegt in einem privaten GitHub-Repository, die betroffenen Unternehmen kennen sie nicht.
Der eigentliche Einschnitt ist technischer Natur. Bisher brauchte Apple ein iOS-Update, um neue Anbieter zu sperren. Jetzt rufen die Geräte die Liste regelmäßig aus der Ferne ab, neue Sperren können also jederzeit live gehen, und die zugrundeliegenden Entscheidungskriterien kennt nur Apple. Offen ist auch, ob Google-Domains wie ad.doubleclick.net betroffen sind.
Für Marketer heißt das: Ein Tool, das heute in Safari sauber misst, kann morgen ohne Vorwarnung ausfallen. Umso wichtiger werden eigene First-Party-Daten, serverseitiges Tracking und kontextuelles Targeting. Und falls die großen Plattformen ausgenommen bleiben, dürfte noch mehr Budget zu Google, Meta und Co. wandern.
Große Onlineshops verlieren erstmals seit Jahren Sichtbarkeit
Drei Jahre lang kannte die organische Sichtbarkeit großer deutscher Onlineshops nur eine Richtung, jetzt hat sich der Trend gedreht. Die Agentur LEAP hat gemeinsam mit SISTRIX die rund 2.500 umsatzstärksten deutschen Shops untersucht und die Werte von Juni 2025 und Juni 2026 verglichen. Das Ergebnis der Anfang September erschienenen Studie: Die Sichtbarkeit ist im Median um 16,7 Prozent gefallen. Im selben Zeitraum hat sich der Anteil der Keywords, bei denen Google eine AI Overview ausspielt, von 4,3 auf 14,2 Prozent verdreifacht. Und der Anteil des organischen Traffics am gesamten Shop-Traffic sank von 42,5 auf 33,3 Prozent. Die Autor*innen rechnen das auf rund 7,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr hoch, die im günstigsten Kanal wegfallen.
Spannend ist, wo die KI eingreift: Bei fast 70 Prozent der informationalen Suchen erscheint eine AI Overview, bei transaktionalen nur in 0,2 Prozent. Die KI übernimmt also die Recherchephase, gekauft wird weiter über die klassische Suche. Und in der Recherche kommen die meisten Shops kaum vor. Nur bei 5,3 Prozent der betroffenen Keywords wird der jeweilige Shop in der KI-Antwort als Quelle genannt, im Vorjahr waren es 2,3 Prozent. Wer genannt wird, hängt stark an der klassischen Stärke: Das sichtbarste Fünftel der Shops vereint rund 72 Prozent aller KI-Zitierungen auf sich, das unterste gut ein Prozent.
LEAP sieht in den AI Overviews die Ursache für den Sichtbarkeitsverlust. Das ist plausibel, streng genommen zeigt die Studie aber einen zeitlichen und statistischen Zusammenhang, keinen Beweis. An der Kernbotschaft ändert das wenig: Ein gutes Ranking bleibt die Eintrittskarte, aber Shops brauchen zusätzlich Inhalte, die eine KI als Antwort verwenden kann, also echtes Expertenwissen und Beratung, die über die Herstellerbeschreibung hinausgehen.
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Social Ads
TikTok will mehr vom Budget: Direktkauf und eigenes Werbenetzwerk
TikTok macht gleich doppelt Druck auf die Werbebudgets. In den USA lassen sich Produkte jetzt mit einem Klick direkt aus dem For-You-Feed kaufen, ohne Umweg über den TikTok Shop. Dazu kommt ein KI-Shopping-Assistent, der im Gespräch Fragen zu Produkten, Größen und Versand beantwortet und sich Vorlieben merkt. Partner sind unter anderem Shopify, Salesforce und Stripe.
Gleichzeitig hat TikTok in New York das TikTok Ad Network vorgestellt, die umbenannte frühere Plattform Pangle. Kampagnen laufen damit zusätzlich in fast 400.000 fremden Apps. Welche das genau sind, verrät TikTok allerdings nicht. TikTok will damit nicht mehr nur ein Kanal im Mediaplan sein, sondern der Startpunkt für einen größeren Teil der Budget-Allokation. Bei Werbetreibenden ist die Begeisterung bislang verhalten. Ein Media-Manager sagt gegenüber Digiday sinngemäß, ein größeres Netzwerk sei noch kein Grund, mehr Geld zu TikTok zu schieben – der eigentliche Wert sei die App selbst.

Social Media
Seit 27. September: Schluss mit pauschalen Öko-Claims
Seit dem 27. September gilt die EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher*innen für den ökologischen Wandel, kurz EmpCo. In Deutschland wurde dafür das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) angepasst. Betroffen sind alle, die in der EU Produkte oder Dienstleistungen an Verbraucher*innen verkaufen, unabhängig von Größe und Branche, und zwar auf allen Kanälen: Website, Social Media, Verpackung, Produktdatenblatt. Ab sofort unzulässig sind laut IHK unter anderem:
- pauschale Umweltaussagen wie „umweltfreundlich“ oder „nachhaltig“ ohne konkreten Nachweis,
- selbst gestaltete Nachhaltigkeitssiegel ohne anerkanntes Zertifizierungssystem,
- „klimaneutral“-Versprechen für Produkte, die sich allein auf CO₂-Kompensation stützen,
- Zukunftsversprechen wie „bis 2030 klimaneutral“ ohne überprüfbaren Umsetzungsplan.
Wer dagegen verstößt, riskiert Abmahnungen. Formal zielt die Richtlinie auf die Kommunikation mit Verbraucher*innen, aber auch im B2B-Umfeld würden wir vorsichtig sein. Unser Rat: Website, Social-Profile und Sales-Unterlagen jetzt nach grünen Claims durchsuchen, für jede Aussage einen Beleg bereithalten und im Zweifel mit der Rechtsabteilung abstimmen.
Und wer sich zu dem Thema noch genauer informieren will, dem empfehlen wir das Webinar von unseren Kolleg*innen bei elbdudler: Am 15. Oktober 2026 um 10:00 Uhr teilen sie ihr Know-how mit Fokus auf Social Media und zeigen an Beispielen, wie kritische Posts aussehen und wie es besser geht.
⚡️ Social-Media-News im Kurzticker
Reddit macht dicht. Weil KI-Bots die Plattform massenhaft abgrasen, stellt Reddit am 13. November seine RSS-Feeds ein, im März 2027 folgt der öffentliche API-Zugang. Das trifft auch Social-Listening- und Research-Tools. Wer Reddit-Daten nutzen will, muss künftig zahlen – das Lizenzgeschäft mit KI-Firmen wächst bereits kräftig.
🌀 Was Instagram ausspielt. Adam Mosseri hat vier Prinzipien des Rankings erklärt: Originalität schlägt Reposts, neue Posts schlagen alte, kleine Creator*innen werden gezielt an Nicht-Follower*innen ausgespielt, und die Modelle werten immer mehr Signale aus. Passend dazu gibt es einen neuen Reels-Guide für 2026 mit Längenempfehlungen von 3 Sekunden für Trends bis 3 Minuten für Storytelling – für Profis eher Grundlagenlektüre, für neue Teams ein guter Einstieg.
Gucken, ohne gesehen zu werden. Instagram testet einen „Nur-Lesen-Modus“, mit dem man Profile ansehen kann, ohne Spuren zu hinterlassen. Er soll Teil des Bezahl-Abos Instagram Plus werden. Praktisch für die Marktbeobachtung, aber auch ein Geschenk für Stalker*innen.
💰 81 Milliarden, geschätzt. TikTok beziffert seinen wirtschaftlichen Wert für US-Unternehmen in einer selbst beauftragten Studie auf 81 Milliarden Dollar, 93 Prozent der befragten Firmen berichten von mehr Umsatz. Die Zahl beruht allerdings auf Hochrechnungen von Schätzungen – als Lobby-Argument gut, als Planungsgrundlage eher nicht.
Lesetipps & Empfehlungen
🧠 Will A.I. Make Your Brain Lazy?
Macht KI uns dümmer? Juliana Castro Varón und Dylan Freedman haben für die New York Times die aktuelle Forschung dazu zusammengetragen, wunderschön illustriert: Will A.I. Make Your Brain Lazy? Eine Studie der UC Irvine mit zehn Jahren Lerndaten zeigt: Seit ChatGPT verbringen Schüler*innen und Studierende deutlich weniger Zeit mit Aufgaben, die sich leicht in einen Chatbot kopieren lassen, und schneiden online besser ab. In beaufsichtigten Tests ohne Computer sind sie dagegen schlechter als vor 2022. Eine weitere Studie zeigt, dass auch Erwachsene schneller aufgeben, wenn sie sich ans Abkürzen gewöhnt haben. Die gute Nachricht steckt am Ende: In einem Experiment am Middlebury College schnitten Studierende, die KI wie eine Tutorin genutzt haben, später sogar besser ab als alle anderen. Es kommt also weniger darauf an, ob wir KI nutzen, als darauf, wie.
📋 When Commitment Debt Comes Due
Falls sich euer Oktober gerade anfühlt, als würden alle Töpfe gleichzeitig überkochen: Maghan Haggerty hat bei Productive Flourishing einen Namen dafür: When Commitment Debt Comes Due. „Commitment Debt“ ist die Summe aus allem, was ein optimistischeres Ich für 2026 geplant hat, aus Vorhaben, die nie zu echten Projekten wurden, aus Unerwartetem und aus Dingen, die auf „besseres Timing“ warteten. Ihre These: Mit drei Monaten Restlaufzeit ist das kein Zeitmanagement-Problem mehr, sondern eine Frage des Streichens. Entweder wir treffen die harten Entscheidungen selbst, oder die Realität trifft sie für uns. Dazu gibt es konkrete Schritte, vom Inventur-Check aller Projekte bis zu der Frage, welche Verluste man bewusst in Kauf nimmt.
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🍽️ Whose job is it to empty the dishwasher?
Der passende zweite Text zum vollen Oktober, diesmal für zu Hause. Für den Guardian hat Sarah Phillips Expert*innen gefragt, wie Paare die unsichtbare Organisationsarbeit fairer aufteilen: Whose job is it to empty the dishwasher? Die Anwältin Eve Rodsky beschreibt den Haushalt als Organisation mit gemeinsamem Ziel, die klare Zuständigkeiten braucht, und hat dafür ein Kartensystem mit 100 Aufgaben entwickelt – inklusive Karten für Freundschaften und eigene kreative Projekte. Ausgelöst wurde das Ganze übrigens durch eine Nachricht ihres Mannes, der sich über fehlende Blaubeeren wunderte. Dazu gibt es ganz praktische Gesprächstechniken: Beim Gottman Institute redet jede Person zehn Minuten, die andere hört nur zu, dann wird gewechselt. Wer im Job über Prozesse und Verantwortlichkeiten nachdenkt, wird vieles wiedererkennen.
🎓 Wie kompetent sind Sie im Umgang mit KI wirklich?
KI zu nutzen heißt noch nicht, ihre Antworten einschätzen zu können. Die FAZ hat einen Selbsttest mit 30 Fragen veröffentlicht: Wie kompetent sind Sie im Umgang mit KI wirklich? Er orientiert sich am KI-Kompetenz-Rahmenwerk von OECD und EU-Kommission und ist in zehn Minuten erledigt. Abgefragt wird kein Prompt-Wissen, sondern Verständnis: Wie funktioniert das, wann kann ich dem Ergebnis trauen, wo liegen die ethischen Fragen? Wissenschaftlich validiert ist der Test nicht. Als Einstieg ins Team-Gespräch über KI-Kompetenz, zu der der AI Act Unternehmen seit Februar 2025 ohnehin verpflichtet, taugt er aber gut.


