Der Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica

geschrieben am in der Kategorie Social Media Marketing von

Wie bereits in unserer Social Media Auslese vom März zu lesen war, ist unlängst bekannt geworden, dass die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica (CA) über eine von Dr. Aleksandr Kogan geschriebene App („This Is Your Digital Life“) an die Profildaten von etwa 270.000 Personen gelangt ist.

Darüber hinaus ermöglichte die App auch den Zugriff auf diverse Informationen der Kontakte besagter 270.000 Nutzer. Um die Daten weiter aufzustocken, nutzte CA laut thenextweb.com auch Mitarbeiter der Firma Amazon Mechanical Turk, einer Plattform, die es ihren Nutzern möglich macht, gegen geringes Entgelt kleine Aufgaben online zu verrichten. In diesem Fall ging es um die Teilnahme an einer Umfrage gegen $1 bis $2. Nach aktuellen Angaben ermöglichte dieser Schritt CA den Zugriff auf Daten von insgesamt etwa 87 Millionen Nutzern.

Hier handelt es sich zugegebenermaßen um eine sehr große Menge an sensiblen Daten, die im Fall von Cambridge Analytica genutzt wurden, um politisches Profiling nach dem OCEAN-Modell zu betreiben [Vgl. Hutter].

Das OCEAN-Modell?

Das im deutschen Sprachraum auch als Fünf-Faktoren-Modell bekannte Modell kommt aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie. Es dient dazu, die menschliche Persönlichkeit anhand von fünf Hauptdimensionen zu beschreiben.

Die Analyse erfolgt dabei unter Zuhilfenahme folgender Parameter:

  • Openness (Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Erfahrungen)
  • Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
  • Extraversion (Geselligkeit)
  • Agreeableness (Verträglichkeit, darunter fällt auch Kooperationsbereitschaft, Empathie und Rücksichtnahme)
  • Neuroticism (emotionale Labilität, Verletzlichkeit)

Die Zuordnung in die jeweiligen Kategorien erfolgte im diskutierten Fall vermutlich zum einen über die Beantwortung des Fragebogens in der heruntergeladenen App (zumindest für die Nutzer dieser App), zum anderen auf dem Nutzerverhalten selbst, welches nach Freigabe der Daten ebenfalls zugänglich war. Dabei handelt es sich etwa um die vergebenen Likes eines Users. Über stochastische Hochrechnungen werden die Daten jetzt im Modell zugeordnet, um Profile zu bilden, nach denen ein (politisches) Targeting möglich ist.

Eine tiefergehende Beschreibung der Nutzung des Modells durch CA findet sich hier. Dort findet sich auch ein Link auf die Arbeiten von Michael Kosinski (1 & 2). Kosinski befasst sich in seinen Arbeiten intensiv mit computerbasierter Persönlichkeitsanalyse.

Wo liegt das Problem?

Von der Tatsache einmal abgesehen, dass vermutlich sehr viele Nutzer ein Problem damit haben dürften, dass ihre Facebook Daten zur Erstellung von psychologischen Profilen verwendet wurden, hakt der gesamte Vorgang an mehr oder weniger zwei Stellen:

Verstoß gegen die Richtlinien & Missbrauch von Daten

Auf der einen Seite steht der Verstoß gegen die Richtlinien von Facebook, denen Nutzer der Facebook API zustimmen, sobald sie diese nutzen, und welche stark einschränkt, welche Daten zugänglich sind und wie diese verwendet werden dürfen.

(In der Auslese wurde auf das Tool Netvizz hingewiesen und verdeutlicht, inwieweit Nutzer bei Einhaltung der vorgegebenen Richtlinien im Datamining und der Verwendung von Daten eingeschränkt sind.)

Dieser Verstoß wurde in erster Linie von Dr. Alexandr Kogan und dessen Team begangen, als die erhobenen Daten zur weiteren Verwendung und höchstwahrscheinlich gegen Bezahlung, an Cambridge Analytica weitergegeben wurde. CA wiederum ist es, die den eigentlichen Missbrauch der Daten beging, als diese genutzt wurden, um den Algorithmus zur Erstellung der Profile zu füttern.

Vernachlässigung der Verantwortung durch Facebook, aber auch durch die Nutzer

Auf der anderen Seite liegt das Problem bei Facebook und der Verantwortung, die dem Unternehmen in Puncto Datenschutz zukommt. Damit ist gemeint, dass es nicht ausreichend ist, nach internem Bekanntwerden des Verstoßes gegen die Richtlinien, eine Rüge auszusprechen und darum zu bitten, dass alle Daten gelöscht werden mögen.

Es ist unbedingt nötig, dass in einem solchen Fall eine Kontrolle stattfindet, um sicherzustellen, dass die Nutzerdaten geschützt sind.

Thomas Hutter spricht in seiner Aufarbeitung auch noch von einem weiteren Thema für welches Facebook eine Verantwortung zukommt. Die „Ausbildung“ der Nutzer in Sachen Datenschutz auf der Plattform.

Hier wird etwas angesprochen, was so ziemlich jeder Nutzer schon selbst bemerkt haben dürfte. Die Hinweise von Facebook auf Datenschutzeinstellungen und die Möglichkeiten die eigenen Daten vor dem Zugriff Dritter zu schützen. Sicherlich wird hier niemand gezwungen, sich damit auseinander zu setzen, jedoch ist das meiner Ansicht nach auch nicht unbedingt notwendig.

Die Hinweise sind deutlich und es ist jedem Nutzer möglich, sich ohne größeren Aufwand über die gegebenen Möglichkeiten zu informieren. Auch wenn die einzelnen Einstellungen z.T. verschachtelt eingeordnet seien mögen (das wäre ein Punkt, der klares Optimierungspotential aufweist), liegt es hier auch am Nutzer selbst, die notwendigen Schritte zu tun und eigenverantwortlich mit seinen Daten umzugehen. Wie sich diese Möglichkeiten nun nach dem Skandal eventuell verändern, bleibt abzuwarten. Letztlich besteht aber natürlich auch die Möglichkeit, sich vom Netzwerk abzumelden, um nicht zu riskieren, dass ähnliches noch einmal passiert.

Zusammengefasst lässt sich Facebook hier also kein direkter Missbrauch von Nutzerdaten vorwerfen. Dieser wurde durch Dr. Kogan und Cambridge Analytica begangen. Das Problem auf Seiten des Netzwerks liegt vielmehr darin, nicht entsprechend seiner Verantwortung gehandelt zu haben. Nicht zu Unrecht wird z.B. in Der Zeit darauf verwiesen, dass es sich bei einem solchen Unternehmen um eine „quasi-politische Institution“ handelt.

Diese Stellung und die enorme Menge an Daten bringt auch ebenso viel Verantwortung gegenüber Nutzern und auch allen anderen, von den Nutzern beeinflussten Menschen mit sich. Immerhin sprechen wir hier von mehreren Milliarden Menschen plus Menschen in deren persönlichem Einflussbereich. Hier schlummert ein sehr großes positives Potenzial, Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen. Skandale wie dieser und die generelle Debatte um den Missbrauch sozialer Netzwerke durch die Verbreitung von Fakenews und Propaganda etc. zeigen aber mehr als deutlich, wie das Potenzial eines solchen Werkzeugs auch ins Negative verdreht werden kann. Denn nichts anderes ist Facebook – ein Werkzeug.

Und hier müssen auch die Nutzer in die Verantwortung genommen werden. Letztlich ist es nicht nur Facebook als Unternehmen, welches das Werkzeug zum Erreichen ökonomischer Ziele missbraucht. Es sind Nutzer, welche hier gegen die Richtlinien handeln, die, entgegen demokratischer oder moralischer Normen, auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Der Skandal macht hier über seinen eigenen Kern noch auf eine ganz andere Problematik aufmerksam, die über das Sammeln und Nutzen von Daten allein weit hinausgeht. Diese Problematik sollte also nicht nur auf Konzerne oder Politiker geschoben werden, denn letztlich sollte jeder versuchen, ein verantwortungsvolles Handeln an den Tag zu legen.

Leseempfehlungen zur Vertiefung:

  • Für viele weitere Aspekte findet sich eine sehr gut pointierte Zusammenfassung im Watchblog Briefing #443 und #444 von Martin Giesler
  • A.Q. zum Datenskandal von den Faktenfindern der Tagesschau
  • Laut Zeit Online will Facebook alle betroffenen Nutzer (auch die ca. 310.000 deutschen Nutzer) am Montag informieren
  • Zusammenfassung der Süddeutschen mit kurzem Video zur Sache
Björn unterstützt das Projecter-Team seit Juni 2017 als Trainee in den Bereichen Social Media Marketing und Suchmaschinenmarketing.

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