Die „gute“ KI? Warum Anthropic gerade Sieger und Verlierer gleichzeitig ist | Projecter Weekly #9 2026
Anthropic vs. ChatGPT, Warner Bros. vs. Netflix – der Wettbewerb zwischen Tech- und Medienunternehmen spitzt sich 2026 ordentlich zu und die politische Dimension ist dabei nicht mehr wegzudenken.
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🍌 welche Updates Nano Banana bekommen hat,
📉 von neuen Sistrix-Daten zu Klickraten durch AI Overviews,
🤳 wo ihr bald Werbung auf WhatsApp seht (und wo nicht).
Entwicklungen & Trends
Warner Bros. akzeptiert das Paramount-Angebot, Netflix kassiert
Der Poker um Warner Bros. ist tatsächlich beendet und das Ergebnis dürfte die globale Streaming- und Medienlandschaft ordentlich durchrütteln. Netflix hat im Bieterwettkampf überraschend (?) das Handtuch geworfen. Den Zuschlag bekommt stattdessen Paramount unter Führung der Ellison-Familie. Was auf den ersten Blick wie eine Niederlage für Netflix aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als strategisches, wenn auch wahrscheinlich nicht geplantes Meisterstück.
Die wichtigsten Hintergründe und Auswirkungen des Deals:
- Netflix‘ profitabler Exit: Statt dem „Winner’s Curse“ zum Opfer zu fallen – also eine Auktion durch impulsives Überbieten zu einem ruinösen Preis zu gewinnen – hat Netflix Disziplin bewiesen. Der Clou: Da Warner Bros. den Prozess mit Netflix abbrach, nachdem Paramount sein Angebot noch einmal nachgebessert hatte, kassiert Netflix nun eine vertraglich vereinbarte Abbruchgebühr in Höhe von 2,8 Milliarden Dollar Cash. Das sorgte dafür, dass am Freitag der Aktienkurs um 14 % stieg und für eine Wertsteigerung von rund 50 Milliarden Dollar sorgte.
- Ein neues Content-Monster entsteht: Durch die Übernahme vereint Paramount künftig Marken wie Paramount+, HBO Max, CNN und CBS unter einem Dach. Damit entsteht ein gigantischer Medienkonzern, der News, lineares TV und Premium-Streaming bündelt und nicht nur für Netflix, sondern auch für Disney und Amazon einen absoluten Schwergewichts-Gegner darstellt. Da Larry Ellison Trump nahesteht, ist die Sorge groß, dass u. a. CNN in eine andere politische Ecke rücken könnte.
- Das riskante All-In der Ellisons: Warum zieht Paramount einen Deal durch, der wirtschaftlich fast schon unvernünftig teuer wirkt? Die Antwort liegt bei Larry Ellison. Der Tech-Milliardär hat privat satte 50 Milliarden Dollar für den Deal zugesichert. Pikanter Fun Fact: Im vergangenen Oktober entsprach diese Summe noch 15 % seines Privatvermögens. Durch den jüngsten Absturz der Oracle-Aktie macht dieser massive Wetteinsatz nun schon rund ein Viertel seines Reichtums aus. Ähnlich wie bei Elon Musks sehr teurem Kauf von Twitter dürften auch hier strategische Überlegungen dominieren. Beruhigend… nicht.

KI News
Pentagon vs. Anthropic: Wie eine KI zum angeblichen Sicherheitsrisiko wurde
Der KI-Markt erlebt gerade ein politisches Beben von historischem Ausmaß – als wären die Nachrichten nicht schon nervenaufreibend genug. Ein letzte Woche geplatzter 200-Millionen-Dollar-Deal zwischen Anthropic und dem US-Verteidigungsministerium (siehe unseren Bericht in Ausgabe 7) begann als existenzielle Bedrohung für das KI-Unternehmen, drehte sich aber in Rekordzeit zu einer beispiellosen Marketingkampagne.
Was bisher geschah:
- 26. Februar 2026: Verhandlungen zwischen Anthropic (den Macher*innen der KI „Claude“) und dem Pentagon scheiterten krachend, wie die New York Times am 26. Februar enthüllte. CEO Dario Amodei weigerte sich, die KI für inländische Massenüberwachung oder vollautonome Waffensysteme ohne menschliche Kontrolle freizugeben. Anthropic beharrte öffentlich auf seinen ethischen Leitplanken.
- Der kleine Haken: Ganz so pazifistisch ist Anthropic nicht. Anfang des Jahres bewarb man sich noch um einen 100-Millionen-Dollar-Auftrag des Pentagon für die Steuerung von Drohnenschwärmen – mit dem Argument, dass ein Mensch in der „Kontrollschleife“ bleibe (den Zuschlag bekamen letztlich SpaceX, xAI und OpenAI-Partner).
- Die Eskalation: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth reagierte auf die Weigerung mit der ultimativen Eskalation. Er deklarierte Anthropic zum „Supply Chain Risk“ (Lieferkettenrisiko). Ein Label, das laut The Atlantic 60 Milliarden Dollar von über 200 Investoren gefährdet und selbst Nvidia zwingen könnte, Chip-Lieferungen an das Startup einzustellen.
- OpenAIs PR-Desaster: Wo Anthropic bremst, gab OpenAI Vollgas. Nur Stunden nach dem Aus für die Konkurrenz verkündete Sam Altman einen Militär-Deal. Das Timing war so katastrophal, dass Altman selbst einräumen musste, der Move wirke „opportunistisch und schlampig“.
- Die absurde Realität (Anfang März 2026): Wie der Doppelgänger-Tech-Talk (KW 10) aufgreift, nutzte das US-Militär Anthropics KI ironischerweise am vergangenen Wochenende noch für Geheimdienst-Analysen bei Luftangriffen im Iran. Nun bleiben den Behörden sechs Monate für einen hochkomplexen Umstieg auf Konkurrenzprodukte.
Unser nächstes Webinar: Jetzt noch anmelden und vom einfachen Prompten auf smarte Workflows umsteigen.

David gegen Goliath: Der Siegeszug der „guten Seite“
Der Schuss von US-Verteidigungsminister Hegseths ging gewaltig nach hinten los. Während OpenAI als „Fähnchen im Wind“ dasteht und sich über 1,2 Millionen Menschen der Protest- und Kündigungswelle #QuitChatGPT anschließen (Hauptkritikpunkte: Millionen-Spenden der OpenAI-Führung an Trumps Wahlkampf-Fonds und der technische Support der US-Einwanderungsbehörde ICE), feiert Anthropic einen PR-Erfolg:
- App-Store-Dominanz: Kurz nach dem Eklat schoss Claude auf Platz eins der App-Stores in den USA und Kanada.
- Prominente & interne Solidarität: Sängerin Katy Perry verkündete öffentlich den Abschluss eines Claude-Jahresabos. Gleichzeitig unterzeichneten Hunderte Mitarbeiter*innen von Google und OpenAI Protestbriefe gegen das Vorgehen ihrer eigenen Arbeitgeber.
- Das perfekte Feature-Timing: Mit der Präzision eines gut geölten Marketing-Teams rollte Anthropic genau auf dem Höhepunkt der Empörungswelle eine neue Funktion zum einfachen Import von Chat-Verläufen aus Konkurrenzprodukten aus – um das „Gedächtnis“ bisher genutzter LLMs mitzunehmen. Die User folgen dem Ruf auf „die gute Seite“ in Scharen.
Für das B2B-Geschäft von Anthropic ist die Einstufung als Sicherheitsrisiko hochtoxisch – kein US-Staatsauftragnehmer darf mehr mit Anthropic arbeiten. Gleichzeitig warnt Dean Ball, ehemaliger Trump-Berater für KI, angesichts dieses massiven staatlichen Eingriffs in die Privatwirtschaft vor „Corporate Murder“ und rät aktuell generell von KI-Investitionen in den USA ab. KI ist längst nicht mehr nur ein Produktivitätsbooster für die Wirtschaft, sondern kritische Infrastruktur für Regierungen und Militärs. Anthropic mag die PR-Schlacht dieser Woche phänomenal gewonnen haben, aber der Krieg darüber, was KI können darf und wer das am Ende bestimmt, hat gerade erst ein völlig neues Level erreicht. Keiner der US-amerikanischen Anbieter ist dabei ein blütenreiner Underdog und die politischen Positionen sind bestenfalls ambivalent.


Statements von Anthropic auf Instagram
Weitere AI Updates
ChatGPT Health schätzt 52 % der Fälle falsch ein: Eine in Nature veröffentlichte Studie zur Qualität von ChatGPT Health (gestartet im Januar) fand heraus, dass die KI in 52 % der Fälle, die laut menschlichen Ärzt*innen einen sofortigen Besuch im Krankenhaus erforderte, „Abwarten“ empfahl. Das Fazit der Studie: „unglaublich gefährlich“. Für harmlosere Fragen fiel das Resultat deutlich besser aus, aber über Notfälle sollte wohl doch besser ein Mensch entscheiden.
Nano Banana 2 kann mehrere Bilder kombinieren: Google hat mit Nano Banana 2 (offiziell Gemini 3 Flash Image) ein Update ausgerollt, das als größten funktionalen Sprung die neue „Multi-Image-to-Image“-Fähigkeit aufweist, mit der sich nun mehrere Bilder für komplexe Kompositionen und präzise Style-Transfers direkt miteinander kombinieren lassen. Wer die maximale Qualität der Pro-Version benötigt, wählt diese nicht mehr vorab aus, sondern generiert sein Bild zunächst im neuen, schnellen Standardmodell und wertet es danach gezielt per „Redo with Pro“-Klick auf.
Suchmaschinen
Neue Daten zu Googles AI Overviews: So entwickeln sich die Klickraten
Dass die Einbindung von KI-Antworten (AI Overviews) in die Google-Suche die organischen Klickraten beeinflusst, ist mittlerweile bekannt. Aktuelle Daten von Sistrix liefern nun konkrete Zahlen für den deutschen Markt, die das nochmal untermauern:
- Position 1: Erreicht im Schnitt noch eine CTR von 11,01 % (vorher 27 %).
- Position 2 & 3: Liegen bei 8,44 % bzw. 4,55 %.
- Ab Position 7: Die Klickrate fällt hier bereits unter die 1 %-Marke.
Die Analyse bestätigt mit konkreten Daten, dass Googles AI Overviews die organische Klickrate vor allem bei informativen Suchanfragen unter Druck setzen. So sollen die AI Overviews laut Sistrix satte 265 Millionen organische Klicks pro Monat in Deutschland kosten. Ob AI Overviews ausgespielt werden und wie stark sie die Klickrate reduzieren, müssen SEO-Verantwortliche also künftig in jeder Keyword-Analyse berücksichtigen.
Sehen wir uns in einer Woche auf der SMX? 🚀
Mit unserem Code „projectermuc26“ erhaltet ihr 15 % Rabatt auf euer Ticket für die SMX vom 10. bis 11. März 2026, eine der wichtigsten jährlichen Konferenzen rund um das Thema Suchmaschinenmarketing. Jetzt noch schnell sichern und dabei sein – wir freuen uns, euch in München zu sehen!

Social Ads
WhatsApp führt weltweit Werbung ein
Der Messenger rollt international Anzeigen in der App aus, darunter auch in Europa und Deutschland. Diese sehr ihr künftig im Bereich „Aktuelles“, also zwischen Statusmeldungen und in Kanälen. Unternehmen können dort bspw. Status Ads schalten oder ihre WhatsApp-Kanäle bewerben, um mehr Abonnent*innen zu gewinnen und User direkt in einen Chat zu überführen. Private Chats bleiben laut WhatsApp weiterhin werbefrei und durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt. Erste Tests liefen bereits 2025 außerhalb der EU, die Einführung bei uns verzögerte sich wegen Datenschutzanforderungen.
KI-Power für den Ads Manager
Im Werbeanzeigenmanager rollt Meta aktuell die Funktionen von Manus AI aus, um Werbetreibenden spezialisierte KI-Agenten an die Seite zu stellen. Diese Assistenten, die direkt über das „Tools“-Menü erreichbar sind, können komplexe Aufgaben wie die automatisierte Erstellung von Reports oder tiefe Zielgruppen-Analysen übernehmen. Damit will Meta den ROI seiner Werbepartner steigern und die oft mühsame Datenarbeit deutlich effizienter gestalten – und offensichtlich die frisch erworbene KI Manus im eigenen System nutzbar machen.
Social Media
Mehr Durchblick für Creator
Weitere praktische Neuerungen bei Meta, die für euch interessant sein könnten: Auf Instagram wird es spürbar einfacher, den eigenen Account professionell zu führen. Vor allem Creator und Business-Accounts, die noch am Anfang ihrer Social Media-Reise stehen, profitieren von einem neuen, zentralen Hub für Creator-Tools.

Statt sich durch verschachtelte Menüs zu klicken, finden Nutzer*innen nun alle Funktionen an einem Ort. Besonders wertvoll und lange überfällig ist dabei die neue Transparenz bei den Zugriffsberechtigungen: Instagram zeigt ab sofort klipp und klar an, welche Tools bereits freigeschaltet sind und welche Meilensteine noch erreicht werden müssen, um weitere Features zu aktivieren.
Insgesamt zeigt sich: Meta schraubt 2026 massiv an der intuitive Übersichtlichkeit in der App und will natürlich auch beim Rennen um die hilfreichsten KI-Assistenzen vorne mitlaufen.
Lesetipps & Empfehlungen
Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …
Seit Wochen tobt die Diskussion über Verbote von Social Media für Jugendliche und Kinder. Für eine frische Perspektive haben wir diese Woche gleich mehrere Lesetips am Start, die sich mit Hintergründen und Fakten beschäftigen und auch durchaus eine Lanze für Social Media brechen:
- 400 Forscher*innen aus aller Welt fordern einen Stop der Verbote, bis die Studienlage besser ist.
- Dieser Deep Dive von Krautreporter erklärt die Hintergründe der dünnen Faktenlage: Alle sagen, Social Media schade Jugendlichen. So eindeutig ist es nicht.
- Dirk von Gehlen zählt gute Gründe für Social Media auf.
Anderes Thema, aber genauso interessant: Im sehr spannenden Meinungsstück „Why Streaming is Minutes away from being obsolete“ erklärt der Autor Joel Gouveia detailliert die Herausforderungen der modernen Streaming-Ökonomie, warum gerade Spotify ein riesiges Problem mit seinem Geschäftsmodell hat und dass Streaming as we know it in den nächsten Jahren auch komplett zusammenbrechen könnte. Komplett out-of-the-box, aber sehr fundiert argumentiert – für Musikliebhaber*innen ein Pflichtartikel!



