200 Ökonom*innen, 16 Nobelpreise, eine Warnung | Projecter Weekly #27 2026

Zusammenfassen mit ChatGPT

Letzte Woche war Elon Musk auf dem Papier noch der erste Billionär der Welt – diese Woche zieht ein „Glitch Monday“ eine halbe Billion Dollar aus den Tech-Werten. Die große Frage dahinter: Wann zahlen sich die gigantischen KI-Investitionen endlich aus?

Diese Woche erfahrt ihr außerdem …

🛒 was die neue 3-Euro-Zollpauschale mit Temu-Preisen macht und warum der deutsche Onlinehandel gerade aufatmet,


💸 warum OpenAI seine Werbeziele laut Emarketer um 90 Prozent verfehlen dürfte,


🚸 und wieso die EU Instagram und Facebook jetzt offiziell süchtig machendes Design vorwirft.

☀️ In eigener Sache – unser Weekly Sommertakt: Bis zum 1. September erscheint der Weekly alle zwei Wochen. Diese Ausgabe deckt deshalb gleich zwei Nachrichtenwochen ab – entsprechend gut gefüllt ist sie. Und weil im Sommer vielleicht etwas mehr Lesezeit drin ist, gibt es unten einen extragroßen Lesetipp-Block als Urlaubslektüre.

Entwicklungen & Trends

„We Must Act Now“: 16 Nobelpreisträger*innen, eine Warnung

„We Must Act Now“ – unter dieser Überschrift haben am Montag über 200 Ökonom*innen und KI-Forscher*innen einen gemeinsamen Appell veröffentlicht, darunter 16 Nobelpreisträger*innen wie Daron Acemoglu und Michael Spence. Organisiert hat das Ganze Erik Brynjolfsson, Ökonom am Stanford Digital Economy Lab und einer der meistzitierten Forscher zu Digitalisierung und Arbeitsmärkten. Die Kernthese: KI könnte eine wirtschaftliche Transformation auslösen, die größer ausfällt als die Industrielle Revolution – aber statt über Generationen in wenigen Jahren abläuft. Deshalb müssten Regierungen jetzt Institutionen und Regeln bauen, damit die Gewinne nicht bei einer Handvoll Konzerne landen. Brynjolfsson wird bei Platformer mit der Sorge zitiert, wir seien auf den kommenden „Tsunami“ schlicht nicht vorbereitet.

Wie weit die Öffentlichkeit in dieser Frage schon ist, zeigt eine Verasight-Umfrage unter knapp 1.700 US-Erwachsenen: 89 Prozent wollen KI-Firmen verpflichten, ihre Safety-Testergebnisse offenzulegen, 81 Prozent würden dem Staat erlauben, riskante Modelle vor dem Release zu stoppen und 69 Prozent befürworten sogar, dass KI-Konzerne die Hälfte ihrer Unternehmensanteile in einen öffentlichen Fonds übertragen, der die Gewinne breit verteilt. Das klingt nach Utopie, ist aber näher an der Realität, als man denkt: OpenAI selbst hat vorgeschlagen, der US-Regierung einen Anteil von fünf Prozent zu übertragen – als mögliches Modell für die ganze Branche, Vorbild Alaskas Öl-Fonds.

Zollpauschale trifft Temu und der deutsche Onlinehandel wächst wiederk

Seit dem 1. Juli ist die 150-Euro-Zollfreigrenze für Pakete aus Nicht-EU-Ländern Geschichte. Übergangsweise – mindestens bis 2028 – gilt stattdessen eine Pauschalabgabe von 3 Euro, und zwar pro Warenart im Paket, nicht pro Sendung. Bei der 2-Euro-Handyhülle bedeutet das einen Preisaufschlag von 150 Prozent, beim 12-Euro-Shirt immerhin noch 25 Prozent. Gedacht ist das als Antwort auf die Flut unterdeklarierter Kleinstpakete von Temu, Shein und Co. und als Schritt zu faireren Bedingungen für europäische Händler*innen.

Wie es denen gerade geht, verrät die Halbjahresbilanz des Branchenverbands bevh: Der deutsche Onlinehandel ist im ersten Halbjahr um 4,3 Prozent auf 21,19 Milliarden Euro gewachsen, im zweiten Quartal sogar um 5,1 Prozent – die Kaufzurückhaltung der letzten Jahre löst sich. Am stärksten wachsen Medikamente (+13,9 %), Drogerie (+11,7 %) und DIY (+10,9 %), während Möbel weiter schwächeln. Auffällig: Marktplätze legen mit 6,4 Prozent spürbar stärker zu als klassische Onlineshops (+3,8 %). Und die asiatischen Plattformen? Halten 5,3 Prozent Marktanteil – der neuen Zollpauschale attestiert der bevh bislang „wenig Wirkung“. Für E-Commerce-Budgets heißt das: Die Erholung ist da, aber sie verteilt sich ungleich. Wer auf Marktplätzen stattfindet, wächst gerade schneller als im eigenen Shop.

Der deutsche Onlinehandel wächst wieder. Quelle: bevh

Kurzmeldungen

Der KI-Boom bleibt messbar. Nachdem wir in der letzten Ausgabe über explodierende Speicherpreise geschrieben haben, liefern die Hersteller nun die passenden Bilanzen: Samsung meldet mit umgerechnet rund 51 Milliarden Euro Betriebsgewinn das beste Quartal der Firmengeschichte – das dritte Rekordquartal in Folge, getrieben von KI-Speicherchips. Und Chipfertiger TSMC, der für Nvidia, Amazon, Google und Microsoft produziert, wuchs im Juni um 68 Prozent. Wer auf das Platzen der KI-Blase wartet, wartet zumindest bei der Infrastruktur weiter vergeblich. 


Berlin bündelt seine KI-Politik. Die Bundesregierung plant laut Politico eine KI-Taskforce auf Staatssekretärs-Ebene, federführend koordiniert vom Digitalministerium unter Karsten Wildberger. Ziel: Die über die Ressorts verstreuten KI-Initiativen sollen bis Herbst gebündelt werden, Stichwort „KI-Nation Deutschland“. Konkrete Maßnahmen und Budgets stehen noch aus – wir bleiben dran.

KI News

GPT-5.6 ist da und ChatGPT Work stolpert aus dem Startblock

Was für zwei Wochen bei OpenAI. Am 9. Juli kam die GPT-5.6-Familie in drei Varianten auf den Markt: Sol als Flaggschiff, Terra als ausgewogenes Alltagsmodell und Luna für schnelle, günstige Massenaufgaben. Das Spitzenmodell Sol gibt es ab dem Plus-Abo aufwärts, Free-Nutzer*innen bekommen Terra. Für die Büroarbeit ist der Sprung spürbar: GPT-5.6 hält Vorlagen und Folienmaster zuverlässiger ein als der Vorgänger und erzielt im neuen Praxis-Benchmark AA-Briefcase den bislang höchsten gemessenen Wert für Präsentationen, analysiert die FAZ. In der analytischen Bewertung bleibt allerdings Anthropics Fable 5 vorn.

Parallel startete ChatGPT Work, OpenAIs Antwort auf Claude Cowork: eine Agenten-Suite, die Tools wie Slack, Notion, Microsoft 365 und Google Drive verbindet und aus den Daten eigenständig Berichte, Tabellen und Präsentationen baut. Der Start geriet allerdings holprig – verwirrende Kosten-Einstellungen, eine radikal umgebaute Desktop-App, kaputte Workflows. OpenAI räumte den Fehlstart offen ein („We didn’t get everything quite right“, so Entwicklungschef Thibault Sottiaux) und liefert nun im Eiltempo nach. Dazu passt, dass der KI-Browser Atlas nach nur neun Monaten wieder eingestellt wird. Zum 9. August ist Schluss, künftig konzentriert sich OpenAI auf die Chrome-Erweiterung. Und als wäre das nicht genug Umbau, verabschiedet sich mit Fidji Simo auch noch die Nummer zwei des Unternehmens: Die Chefin des Anwendungsgeschäfts wechselt nach einer länger dauernden medizinischen Auszeit in eine Teilzeit-Beraterrolle, die Führungsstruktur wird erneut sortiert.

Der Tech-Analyst Benedict Evans bringt das Muster hinter alldem auf den Punkt: Die großen Labs überholen sich alle paar Monate gegenseitig, aber niemand hält einen dauerhaften Vorsprung. Genau deshalb wandert der Wettbewerb gerade von den Modellen zu den Produkten drumherum. Und da ist, siehe ChatGPT Work, noch erstaunlich viel Luft nach oben.

Die neue Desktop App ChatGPT Work. Quelle: OpenAI

Anthropic kontert mit Produktbreite statt Paukenschlag

Anthropic hat die gleichen zwei Wochen anders genutzt, nämlich mit einer ganzen Serie kleinerer Releases. Den Anfang machte Claude Sonnet 5das bislang agentischste Modell der mittleren Baureihe: Es plant, browst und bedient Terminals weitgehend eigenständig und rückt bei Reasoning und Coding nah an das Topmodell Opus 4.8 heran. Interessant für alle, die nach API-Preisen kalkulieren: Bis Ende August gilt ein Einführungspreis von 2 bzw. 10 Dollar pro Million Token, danach kostet Sonnet 5 exakt so viel wie sein Vorgänger. Seit Anfang Juli ist es das Standardmodell für Free- und Pro-Accounts.

Dazu kommt: Claude Cowork, Anthropics Agenten-Umgebung, läuft jetzt als Beta auch im Web und auf dem Smartphone – Aufgabe am Desktop starten, unterwegs verfolgen, inklusive geplanter Tasks, die auch bei zugeklapptem Laptop weiterlaufen. Der Rollout beginnt bei Max-Abos. Außerdem bekommt das Spitzenmodell Fable 5 schon die zweite Verlängerung und bleibt nun doch bis zum 19. Juli kostenlos in den Bezahl-Plänen verfügbar.

Das ungewöhnlichste Release der Woche ist Reflect: ein Dashboard, das die eigene Claude-Nutzung über Monate auswertet und mit Reflexionsfragen kombiniert, bis hin zu konfigurierbaren Ruhestunden. Klingt nach digitaler Achtsamkeit, TechCrunch sieht darin allerdings vor allem ein subtiles Bindungsinstrument: Wer schwarz auf weiß sieht, wie viel Claude im eigenen Alltag steckt, kündigt sein Abo eher nicht. Beides kann stimmen – wir finden den Ansatz trotzdem bemerkenswert, weil er das Thema KI-Nutzung und Wohlbefinden überhaupt erst auf die Produktebene holt.

Claude Reflect analysiert die eigene Claude-Nutzung.

OpenAI schrammt zu 90 % an Anzeigenzielen vorbei

Diese Zahlen sollte man nebeneinanderlegen: OpenAI peilt für 2026 2,5 Milliarden Dollar Werbeumsatz an, bis 2030 sollen es 100 Milliarden werden. Das Marktforschungsunternehmen Emarketer taxiert den gesamten US-Werbemarkt in Chatbots – also ChatGPT, Microsoft Copilot, Google AI Mode und Amazons Shopping-Assistent zusammen – für dieses Jahr auf unter eine Milliarde und für 2030 auf gerade einmal 5,41 Milliarden Dollar. Selbst wenn OpenAI diesen Markt komplett allein abräumen würde, läge das Unternehmen damit rund 90 Prozent unter dem eigenen Plan.

Dabei wächst KI-Werbung insgesamt durchaus ordentlich: von gut 32 auf 68 Milliarden Dollar bis 2030, allerdings bezogen auf den US-Markt. Die Pointe steckt im Detail – über 80 Prozent dieses Geldes fließt in Werbung neben KI-Inhalten, etwa rund um Googles AI Overviews, und eben nicht in Anzeigen im Chatbot. Seit dem Werbestart am 9. Februar sind ChatGPTs CPMs bereits von 60 auf 25 Dollar gefallen, Emarketer erwartet langfristig rund 15 Dollar. Für die Budgetplanung heißt das: Die Suche verliert ihre Werbegelder vorerst nicht an die Chatbots.

41 Seiten Wut: Apple verklagt OpenAI

Der Talentabfluss von Apple zu OpenAI beschäftigt jetzt die Justiz: Am 10. Juli hat Apple Klage gegen OpenAI und dessen Hardware-Tochter io Products eingereicht. Der Vorwurf: systematische Aneignung von Geschäftsgeheimnissen für das KI-Gerät, das OpenAI mit Ex-Apple-Designchef Jony Ive entwickelt, von Engineering-Präsentationen über Zulieferer-Daten bis zu einer proprietären Metallveredelungstechnik. Im Zentrum steht Tang Tan, früher Apples Vice President für iPhone- und Watch-Design und heute OpenAIs Hardware-Chef: Er soll Bewerber*innen ermutigt haben, interne Unterlagen mitzubringen, und beim Umgehen von Apples Sicherheitsprozessen geholfen haben. Beklagter ist er allerdings nicht, die Klage richtet sich gegen die Unternehmen. Zur Einordnung: Inzwischen arbeiten über 400 ehemalige Apple-Beschäftigte bei OpenAI. Fast zeitgleich, wenn auch ohne erkennbaren Zusammenhang, verlässt Safety-Systems-Chef Johannes Heidecke OpenAI und die Sicherheitsteams werden in die Forschung eingegliedert.

Parallel zeigt Apple, warum man den Konzern im KI-Game nicht abschreiben sollte: Seit Montag sind die Public Betas von iOS, iPadOS, macOS und watchOS 27 verfügbar und mit ihnen die runderneuerte Siri. Die führt jetzt fortlaufende Gespräche, greift auf Mails, Nachrichten und Kalender zu, versteht Bildschirminhalte und erledigt mehrstufige Aufgaben quer durch die Apps. Erste Tester*innen sprechen vom größten Sprung seit Siris Einführung. Der Haken für uns: Siri AI startet mit Warteliste, vorerst nur auf Englisch und in der EU zunächst gar nicht. Die finale Version kommt im September; wann Europa drankommt, ist offen. Das Beste an Apples KI-Comeback findet also vorerst ohne uns statt.

Die neue schlaue Siri findet erstmal ohne uns statt.

Countdown für den AI Act: Die Transparenzpflichten kommen

Kurzer Blick in den Kalender: Am 2. August greifen die Transparenzpflichten des EU AI Act. Chatbots müssen sich dann als KI zu erkennen geben, und KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet werden. Die gefürchteten Hochrisiko-Pflichten wurden dagegen per „Digital Omnibus“ nach hinten verschoben, auf Ende 2027 beziehungsweise Mitte 2028. Für die meisten Marketing-Teams bleibt es damit überschaubar: Wer Standard-Tools für Texte und Bilder nutzt, gilt als „Betreiber“ mit minimalen Pflichten. Ernst wird es erst (zu Recht), wenn KI über Menschen entscheidet, etwa im Recruiting. Wir werden das Thema weiterhin begleiten, u. a. mit einem Webinar – stay tuned!

KI-Ticker

Ford holt die Menschen zurück.

Der Autobauer hat 350 erfahrene Ingenieur*innen wieder eingestellt, weil die KI-gestützte Qualitätssicherung nicht lieferte. Das Erfahrungswissen der zuvor eingesparten Fachleute fehlte schlicht in den Trainingsdaten. Seit der Rückkehr sinken laut CEO Jim Farley die Garantie- und Rückrufkosten um Hunderte Millionen Dollar, in Qualitätsrankings hat Ford seither mehrere Plätze gutgemacht. Eine schöne Erinnerung daran, dass „KI einführen“ ohne die Menschen, die den Job verstehen, nur die eigenen Lücken automatisiert.


Deutschland hat jetzt ein eigenes offenes KI-Modell.

Das Konsortium hinter Soofi hat sein Sprachmodell Soofi S offen veröffentlicht – koordiniert vom KI Bundesverband, entwickelt u. a. mit den Fraunhofer-Instituten IAIS und IIS, dem DFKI und der TU Darmstadt, trainiert auf Telekom-Infrastruktur. In deutschsprachigen Benchmarks führt es die offenen Modelle seiner Größenklasse an. Gedacht ist es für industrielle Anwendungen auf europäischer Infrastruktur – ein Baustein für die digitale Souveränität, über die sonst nur geredet wird.

Suchmaschinen

Search Console lernt Social: Die Platform Properties sind da

Bisher war es Rätselraten, wie viel Sichtbarkeit Social-Profile in der Google-Suche eigentlich bringen. Mit den neuen „Platform Properties“ in der Search Console lässt sich jetzt auswerten, wie Beiträge und Videos von Instagram, TikTok, X und YouTube in der Google-Suche und in Discover abschneiden – inklusive Klicks, Impressions, CTR und Rankings. Dazu gibt es einen Insights-Bereich mit Traffic-Trends und Top-Content. Eingerichtet wird das Ganze, indem ihr den jeweiligen Account in der Search Console verifiziert; der Rollout läuft über die kommenden Wochen, danach dauert es noch ein paar Tage, bis Daten auflaufen.


Für alle, die Social und SEO bislang in getrennten Reports gedacht haben, ist das ein Anlass umzudenken: Google behandelt Social-Content längst als Suchergebnis erster Klasse – jetzt liefert der Konzern auch die Zahlen dazu. Gerade für Creator-Kooperationen und Brand-Accounts wird damit erstmals sichtbar, welchen Anteil die Google-Suche an der Social-Reichweite hat.

Google Ads räumt auf: verbindliche Ziel-Gebote und Passkey-Pflicht

Bei Google Ads steht ein Sommer der Umstellungen an und die wichtigste betrifft direkt die Gebote: Ab dem 17. August optimieren budgetbegrenzte Kampagnen strikt auf das eingetragene Ziel. Wer bislang einen Ziel-CPA von 10 Euro eingetragen hatte und sich über tatsächliche 5 Euro freute, verliert diese stille Übererfüllung, betroffen sind Search, Shopping, Performance Max und Demand Gen. Zur Vorbereitung gibt es seit Anfang Juli ein „Bid Target Adjustment Tool“, das die historische Performance zeigt und manuelle Zielanpassungen erlaubt. Google ändert dabei nichts automatisch – wer seine Ziele nicht prüft, übernimmt sie unbesehen in die neue Logik. Bis Mitte August sollten deshalb alle Ziel-CPAs und Ziel-ROAS einmal gegen die tatsächlichen Werte gehalten werden.

Dazu kommen zwei Änderungen im Kleingedruckten: Die seit 1. Juli geltenden Nutzungsbedingungen verpflichten Werbetreibende ausdrücklich, automatisch generierte Kampagnen und Assets zu prüfen und freizugeben – die Verantwortung für Googles KI-Automatik liegt damit vertraglich beim Konto-Inhaber, nicht bei Google. Und seit gestern verlangt Google Ads Passkeys für sensible Kontoaktionen wie Zahlungseinstellungen und Kontoverknüpfungen. Die Stolperfalle daran: Neu erstellte Passkeys haben eine Wartezeit von bis zu sieben Tagen, bevor sie aktiv sind. Wir empfehlen deswegen die schnellstmögliche Umstellung auf Passkeys, da das auch den besten Schutz vor Phishing-Attacken aufs Anzeigenkonto bietet.

Social Ads

Meta kennzeichnet KI-Werbung und reicht Digitalsteuern weiter

Meta kennzeichnet jetzt sowohl auf Facebook als auch auf Instagram Anzeigen, die mit KI erstellt oder stark bearbeitet wurden. Erkannt wird das automatisch, wenn Metas eigene KI-Tools im Spiel waren, oder über C2PA-Metadaten, einen Industriestandard, den auch Tools wie Photoshop und DALL-E in ihre Dateien schreiben. Nur: Zu sehen ist das Label ausschließlich im Drei-Punkte-Menü unter „Über diese Anzeige“, also genau dort, wo praktisch niemand hinklickt. Transparenz light, könnte man sagen: Meta kann auf Kennzeichnung verweisen, ohne dass sie die Ad-Performance stört. Für Advertiser ist es trotzdem gut zu wissen, denn die Erkennung läuft automatisch. Wer KI-Assets einsetzt, wird gelabelt, ob gewollt oder nicht.

Die zweite Änderung tut direkt im Budget weh: Seit dem 1. Juli reicht Meta Digitalsteuern und Regulierungskosten als „Location Fees“ an Werbetreibende weiter, unter anderem 5 Prozent Aufschlag für Werbung, die nach Österreich ausgeliefert wird, 3 Prozent für Frankreich, Italien und Spanien, 2 Prozent für UK. Maßgeblich ist der Standort der Zielgruppe, nicht des werbenden Unternehmens. Die Gebühr taucht als separater Posten auf der Rechnung auf, wird also nicht vom Kampagnenbudget abgezogen. Wer aus Deutschland heraus Kampagnen mit Österreich-Targeting fährt, sollte Budgets und Reportings entsprechend anpassen. Google, Amazon und Apple geben solche Kosten übrigens schon länger weiter.

Die maximal „dezente“ KI-Kennzeichnung, Quelle: Meta

Social Media

Süchtig by Design? Die EU legt sich mit Meta an

Die EU-Kommission hat am 10. Juli in ihrem laufenden Verfahren nach dem Digital Services Act (DSA) vorläufig festgestellt, dass Facebook und Instagram mit süchtig machendem Design gegen europäisches Recht verstoßen. Konkret ins Visier genommen werden Infinite Scroll, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und die hochpersonalisierten Empfehlungssysteme. Der Vorwurf lautet, Meta habe deren Gesundheitsrisiken nie angemessen bewertet, gerade mit Blick auf Minderjährige. Die Kommission fordert nun unter anderem, suchterzeugende Funktionen standardmäßig abzuschalten und Bildschirmpausen einzubauen. Noch handelt e sich um eine vorläufige Feststellung, zu der Meta Stellung nehmen kann, aber die Richtung ist unmissverständlich. Bestätigt sich der Befund, drohen dem Unternehmen bis zu 6 Prozent des Weltumsatzes Strafzahlung. Das wären rechnerisch rund 11 Milliarden Euro.

Passend dazu hat am Montag die von Kommissionspräsidentin von der Leyen eingesetzte Expertengruppe ihren Bericht zum Jugendschutz im Netz vorgelegtUnter 13 Jahren soll Social Media nur unter elterlicher Aufsicht möglich sein, für Kleinkinder bis zwei Jahre empfehlen die Fachleute gar keine Bildschirmzeit. Nach der Sommerpause will die Kommission einen Gesetzesvorschlag vorlegen. Das ist der EU-Nachschlag zu dem, was wir in der letzten Ausgabe von der deutschen Expertenkommission berichtet hatten. Die Altersgrenze 13 wird gerade auf beiden Ebenen parallel vorbereitet.

Und die Bevölkerung? Steht überwiegend hinter der harten Gangart. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung unter gut 2.000 Befragten zeigt: 77 Prozent sehen die Plattformen als Instrument politischer Einflussnahme, 78 Prozent wünschen sich ein selbstbewussteres Auftreten von Deutschland und der EU, 85 Prozent befürworten höhere Geldstrafen. Verzichten möchte trotzdem kaum jemand. Nur 18 Prozent können sich ein Leben ohne Social Media und Messenger vorstellen und überraschende 73 Prozent haben sich mit den Risiken arrangiert.

Trotz Unzufriedenheit mit den Plattformen ist die Wechselbereitschaft eher gering. Quelle: Bertelsmann Stiftung

Erst nehmen, dann fragen: Metas Remix-Debakel

Wie man Vertrauen in Rekordzeit verspielt, hat Meta parallel auf Instagram vorgeführt. Anfang letzter Woche startete der Konzern rund 30 neue KI-Effekte, darunter eine Remix-Funktion auf Basis des hauseigenen Bildmodells Muse Image, mit der sich öffentliche Fotos und Reels fremder Accounts per @-Erwähnung als Vorlage für KI-Bilder nutzen ließen. Der Haken: Die Funktion war für alle öffentlichen Profile ab 18 standardmäßig aktiviert. Wer nicht wollte, dass Fremde die eigenen Inhalte per KI verfremden, musste das in den Tiefen der Einstellungen selbst abschalten, aber darüber benachrichtigt wurde niemand.

Der Protest ließ entsprechend nicht lange auf sich warten: Datenschützer*innenCreator und die Schauspieler*innen-Gewerkschaft SAG-AFTRA liefen Sturm, und bereits am Freitag zog Meta die Funktion zurück, mit der Einsicht „Meta missed the mark“. Bemerkenswert ist allerdings weniger der Rückzieher als das eigentliche Muster dahinter: erst ausrollen, Widerspruch verstecken, auf Gewöhnung hoffen. Das ist bei Meta inzwischen eine verlässliche Methode und angesichts des laufenden DSA-Verfahrens (siehe oben) ein bemerkenswert schlecht getimtes Eigentor. Für Marken und Creator lohnt sich derweil ein Blick in die eigenen Profil-Einstellungen unter „Teilen und Weiterverwenden“, dort steht der Schalter auch nach dem Rückzieher.

✍️ Randnotiz

Falls sich euer LinkedIn-Feed zunehmend gleichförmig liest (ykiyk) – das ist messbar. Der KI-Detektor-Anbieter Pangram hat rund eine Million Posts analysiert, die echte Nutzer*innen in zwei Monaten zu sehen bekamen: 40 Prozent der längeren LinkedIn-Beiträge sind demnach komplett KI-geschrieben, auf X sind es 25 Prozent plus weitere 23 Prozent mit KI-Unterstützung. Die Detektor-Fehlerquote beziffert Pangram selbst auf 1 zu 10.000, unabhängig geprüft ist diese Zahl aber nicht. Die Grundaussage dürfte trotzdem stimmen: Der Feed wird synthetischer, und Aufmerksamkeit für erkennbar Eigenes damit wertvoller.

Reels vorn, Carousels unterschätzt: Was auf Instagram gerade funktioniert

Futter für die Content-Planung: Metricool hat für seine Instagram-Studie 2026 über 24 Millionen Posts von rund 375.000 Accounts ausgewertet und die Jahresanfänge 2025 und 2026 verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Reels führen mit 4,30 Prozent Engagement-Rate – ein Viertel mehr als im Vorjahr – vor Carousels (3,08 %) und Einzelbildern (1,99 %), deren Reichweite um 22 Prozent eingebrochen ist. Eine unterschätzte Zahl steckt aber woanders. Carousels werden neunmal häufiger gespeichert als Einzelbilder. Wer also nicht nur Reichweite, sondern Wiederkehr will, fährt mit der Kombination aus Reels fürs Entdecken und Carousels fürs Merken derzeit am besten. Einzelbilder hingegen sind inzwischen endgültig zum Nischenformat geworden.

Reels liegen vorne, Carousels schlagen Bilder. Quelle: Metricool

Meme der Woche

Plötzlich Team Norwegen: Der Haaland-Hype

Zugegeben, Fußball ist hier sonst nicht unser Hauptrevier – aber an Erling Haaland kam in den letzten zwei Wochen niemand vorbei, auch nicht im Instagram-Feed. Der norwegische Stürmer hat Brasilien aus der WM geschossen und nebenbei das Internet erobert: Wikinger-Memes, „Walking Green Flag“-Zuschreibungen und ein wiederentdeckter Rap-Song aus Teenager-Tagen, den DJ Kygo kurzerhand zur inoffiziellen WM-Hymne remixte. Selbst das Viertelfinal-Aus gegen England konnte dem Hype wenig anhaben – Haaland flog stattdessen mit einem ausgestopften Waschbären samt Whiskeyflasche unterm Arm zurück nach Oslo und lieferte damit gleich das nächste Meme.

Quelle: Instagram

Lesetipps & Empfehlungen

Falls ihr noch ein paar Minuten übrig habt …

Weil im Sommer vielleicht mal etwas mehr Zeit zum Lesen ist – ob am See oder im ruhigeren Büro – gibt es diesmal eine Extraportion Lesestoff. Vier Longreads, die wir empfehlen können:

📚 Up the Stack: Wie die KI-Labs der Austauschbarkeit entkommen wollen – Arvind Narayanan (Princeton-Professor und Mitautor von „AI as Normal Technology“) und Akash Kapur argumentieren, dass das reine Modell-Geschäft in eine Commodity-Falle läuft: Die Modelle werden austauschbar, die Wechselkosten sind minimal, der Preiskampf ruinös. Der Ausweg führt „up the stack“ zu Produkten, Services und Lock-in. Eindrücklichste Rechnung im Text: Um die geplanten Billionen-Investitionen in Infrastruktur zu refinanzieren, bräuchte die Branche selbst bei üblichen Margen einen Jahresumsatz von 16 bis 32 Billionen Dollar. Wer verstehen will, warum OpenAI und Anthropic gerade so verbissen um Apps, Agenten und Abos kämpfen (siehe oben), findet hier die ökonomische Erklärung.

📚 Modell oder Effort? Anthropics Faustregel für bessere KI-Ergebnisse – Ein kurzer, sehr praktischer Post aus dem Claude-Team zu der Frage, an welchem Regler man dreht, wenn das Ergebnis nicht passt. Die Kernfrage: Wusste das Modell nicht genug – dann hilft ein stärkeres Modell. Oder hat es sich nicht genug angestrengt – dann hilft mehr „Effort“, also Denkaufwand. Geschrieben für Claude Code, aber die Logik gilt für praktisch jedes KI-Tool mit Modell- und Reasoning-Auswahl. Zehn Minuten Lektüre, die euch künftig einiges an Trial-and-Error ersparen kann.

📚 Denkt Claude, ohne Worte zu benutzen? – Axios berichtet über Anthropic-Forschung zu einer internen Denkstruktur namens „J-Space“: Claude verarbeitet Ideen offenbar auch dann, wenn sie nirgends im Text auftauchen. Im Experiment „dachte“ das Modell nachweisbar an die Golden Gate Bridge, während es einen völlig anderen Satz abschrieb. Das Wort „conscious“ fällt im zugrundeliegenden Paper über 200-mal, wobei Anthropic sich ausdrücklich nicht festlegt, ob hier so etwas wie Bewusstsein entsteht. Faszinierender Einblick in eine Debatte, die gerade erst beginnt – und perfektes Diskussionsfutter für den nächsten Grillabend.

📚 Adobes Prime-Day-Auswertung: KI-Traffic kauft besser ein – Der US-Onlinehandel hat rund um den Prime Day Ende Juni 26,4 Milliarden Dollar umgesetzt, gut 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die für uns spannendste Zahl steckt im Detail: Der Traffic, der von KI-Assistenten auf Shop-Seiten kommt, ist um 89 Prozent gewachsen und konvertierte erstmals besser als Paid Search, E-Mail und Social, nämlich um 40 Prozent. Noch 2025 lag dieser Kanal hinter den klassischen Kanälen zurück. Wer noch ein Argument brauchte, warum Sichtbarkeit in KI-Antworten kein Zukunftsthema mehr ist: hier ist es, mit Daten unterlegt.

guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments