Alexa+, Agentic AI und Anglerhut | Projecter Weekly #6 2026
In Mailand und Cortina geht es um die Goldmedaillen, bei Software-Unternehmen wohl bald um das eigene Geschäftskonzept: Anthropic trumpft mit neuen Plugins für die eigene KI auf und hat damit für ein Börsenbeben gesorgt.
Diese Woche erfahrt ihr außerdem …
🤖 wie Amazon im KI-Wettrennen mithalten will,
📓 wie TikTok KMUs beim Thema Ads unterstützt,
🤳 den aktuellen Stand zu EU-Diskussionen über Social-Verbote.
Entwicklungen & Trends
Amazon zieht nach im KI-Wettrüsten
Nachdem Alphabet und Meta letzte Woche riesige KI-Investitionspakete angekündigt hatten – und damit die Börse kurzzeitig irritierten – war Amazon vor allem erstmal mit der Ankündigung einer weiteren großen Entlassungswelle aufgefallen. Dann kamen noch die Quartalszahlen: Der Umsatz stieg 2025 um rund 80 Mrd. Dollar auf 717 Mrd. Für 2026 stellt Amazon Kapitalausgaben von etwa 200 Mrd. Dollar in Aussicht – für KI-Infrastruktur, Rechenzentren, Chips – ein Drittel mehr, als erwartet wurde. Prompt rutschte die Aktie zeitweise zweistellig ab.
Hinter den Kulissen eskaliert die KI-Front weiter: Laut Berichten spricht Amazon mit OpenAI über einen „Megadeal“, bei dem OpenAI kundenspezifische Modelle für Amazon-Produkte bauen würden. Für Konsument*innen wird’s derweil konkreter: Alexa+ ist in den USA jetzt breit ausgerollt und für Prime-Mitglieder ohne Aufpreis verfügbar.
Wir haben Alexa+ bislang nur in einem (durchaus unterhaltsamen) Super Bowl Werbespot gesichtet. Bittere Pointe im Bezos-Universum: Während bei Amazon Milliarden in die Zukunft fließen, streicht die von ihm gekaufte „Washington Post“ im großen Sparprogramm rund ein Drittel der Belegschaft und kappt u. a. Sport sowie Teile von Lokal- und Auslandsberichterstattung – Kritiker*innen werten das auch als fatales Signal in einem ohnehin aufgeheizten Klima rund um Pressefreiheit.
KI News
Anthropic bekommt (fast) mehr Aufmerksamkeit als der Super Bowl
Die Marketing-Abteilung bei Anthropic dürfte derzeit sehr zufrieden sein: In Sachen Reichweite dominiert das Unternehmen gerade die Medien. Zum einen (teuer) bezahlt mit Werbespots beim Super Bowl, die die angekündigte Werbung bei ChatGPT durch den Kakao ziehen – sehr gut gemacht, wie wir finden und offenbar gut genug, um OpenAI-Chef Sam Altman zu ärgern. Hier könnt ihr euch selbst ein Bild machen: „Ads are coming to AI. But not to Claude“.
Zum anderen sorgte die Ankündigung von Plugins für Claude Cowork für ernsthafte Erschütterungen an den Börsen. Was genau war passiert? Die Ende Januar vorgestellten „Agentic Plug-ins“ sind im Kern Vorlagen (u. a. auf GitHub), mit denen feste Arbeitsabläufe und Tools in Claude Cowork „andocken“ können: für Sales, Marketing, Datenanalyse, Finance, Customer Support – und eben auch ein Legal-Plugin für typische juristische Aufgaben wie Vertragsprüfung und Entwürfe.

Das reichte den Märkten als Angst-Trigger: Wenn ein KI-Assistent ganze Workflows aus einer Oberfläche heraus erledigt, wofür braucht es dann noch so viele einzelne SaaS-Tools und teure Datenprodukte? Entsprechend kam es zu einer panischen Verkaufswelle quer durch Software, Daten- und Legal-Services; Bloomberg beziffert den Einbruch auf rund 285 Mrd. Dollar an vernichteter Marktkapitalisierung an einem Tag, unter anderem waren Asana, DocuSign, ServiceNow, Salesforce, Adobe und Figma betroffen, selbst Microsoft gab -5 % nach.
„Von einer “SaaS”-pokalypse wie die Kolleg*innen bei OMR würden wir jetzt noch nicht direkt sprechen, aber es ist Fakt, dass viele Unternehmen zunehmend frustriert von ihrer Software-Landschaft sind. Wenn alles auf Software-as-a-Service-Basis mit monatlichen Gebühren pro Lizenz (= Mitarbeiter*in) läuft, kommen häufig sehr schnell große monatliche Summen und eine erhebliche Kostenbelastung zusammen.

Gründerin & Geschäftsführerin
Gleichzeitig sind die Tools dann eben doch relativ wenig an die individuelle Unternehmenswirklichkeit angepasst, was im Zweifel für speziellere Prozesse … noch ein Tool erfordert. Daten leben dann häufig in Silos, Schnittstellen müssen extra programmiert werden und sind teuer, gleichzeitig entstehen Lock-In-Effekte, weil der Wechsel zu einem anderen Anbieter riskant und teuer ist. Kein Wunder, dass viel flexiblere KI-Umgebungen da sehr viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn sie versprechen einen Ausweg aus diesem Dilemma. Realistisch betrachtet steht dieser Umbruch noch nicht unmittelbar bevor – gerade für größere Unternehmen mit komplexer Infrastruktur – aber als SaaS-Anbieter sollte man sich wohl schonmal Gedanken um das eigene Geschäftsmodell machen.“
Suchmaschinen
Veränderungen bei Google-Ads-Auktionen durch KI
Dass KI das Suchverhalten von Nutzer*innen bei Google verändert, ist keine große Neuigkeit, aber Search Engine Land hat in einem Beitrag nun aufgeschlüsselt, wie KI auch den Auktionsprozess bei Google Ads verändert. So wird eine Anzeigenauktion nicht mehr durch das von Nutzer*innen eingegebene Keyword ausgelöst, sondern von der von Google dahinter vermuteten Absicht. Ein Grund, nochmal über sehr stark untergliederte Anzeigengruppen in Suchkampagnen zu gehen und neu und nach Nutzerabsicht zu clustern.
Neu beim Auktionsprozess ist auch, dass der Suchbegriff von Googles KI in verschiedene Unterthemen untergliedert wird, um die Nutzeranfrage besser analysieren zu können. Google durchsucht das Internet nach passenden Inhalten für die Unterthemen und stellt aus diesen Ergebnissen eine AI Overview-Zusammenfassung zusammen. Anzeigen werden basierend auf dem Kontext platziert.
„Neben dem Aufbau von Kampagnen sollten aufgrund dieser absichts-basierten Zusammenstellung von Inhalten auch die Zielseiten, auf die Anzeigen verlinken, optimiert werden. Kund*innen sollten hier neben ansprechenden Produkten auch alle Informationen geboten werden, die rund um die Nutzung der Produkte relevant sind.“

Social Ads
Content-Tipp: TikToks Creative Guide für KMU
TikTok veröffentlicht ja häufiger mal einen Guide zur Inspiration und dieser hier ist besonders für kleine und mittelständische Unternehmen interessant: In „TikTok Creative Made Simple“ bekommt ihr den gesamten Prozess des Werbens auf TikTok, von der Ideenfindung über die Produktion bis hin zu Optimierung erklärt, inklusive „Cheat Sheet“ am Ende. Auch wenn die Slides, wie nicht anders zu erwarten, einiges an Werbung für TikToks Tools enthalten, ist der Guide eine nette Zusammenfassung von Techniken, Tipps und Best Practices dazu, wie sich TikTok Ads auch mit kleinerem Budget realisieren lassen.

Social Media
Reddit wächst weiter
Und seit der Quartalskonferenz am Donnerstag ist klar, dass dafür nicht nur Nutzerwachstum und starke Werbeumsätze verantwortlich sind: Das Unternehmen will auch gezielt durch Zukäufe weiterwachsen. CFO Andrew Vollero betonte, dass Reddit vor allem Technologien und andere Unternehmen ins Visier nimmt, die seine Reichweite und Monetarisierungs-Power noch weiter pushen können.
Neben Adtech-Anbietern hat das Unternehmen in den letzten Monaten auch seine Investitionen in KI, darunter auch in eine KI-Suchmaschine und KI-Optimierungstools, deutlich erhöht. Damit setzt die Plattform auf „kaufen statt selbst bauen“, und das wohl bisher mit Erfolg: Reddit erreichte im vierten Quartal 2025 einem Umsatz von 726 Millionen US-Dollar, wovon 690 Millionen US-Dollar aus Werbung stammten. Die Zahl der täglich aktiven Nutzer*innen weltweit stieg im Vergleich zum Vorjahr um 19 % auf 121,4 Millionen.

Die Diskussionen um Social-Media-Verbote für Minderjährige ebben nicht ab
Das australische Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 hat eine Welle an Reaktionen und Diskussionen in Regierungskreisen losgelöst: Neben Politiker*innen in UK und Frankreich, sprechen sich nun auch der tschechische Regierungschef Andrej Babis und der spanische Premierminister Pedro Sanchez für ein Verbot für Minderjährige aus.
Währenddessen haben in den USA Prozesse gegen große Social-Media-Plattformen begonnen: In Kalifornien stehen Meta und Google vor Gericht (wir berichteten), in New Mexico richtet sich die Klage ausschließlich gegen Meta. Im Zentrum steht die Frage, ob die Plattformen ihre Produkte bewusst so gestalten, dass sie Suchtverhalten und psychische Probleme – insbesondere bei Jugendlichen – begünstigen. Parallel prüft die EU-Kommission, ob TikTok mit Features wie Endlos-Scrollen und Autoplay gegen den Digital Services Act verstößt.
Neben dem Thema Jugendschutz geht es bei den US-Prozessen ganz fundamental auch um die mögliche Neubewertung von Section 230 des „Communications Decency Act“ – also um die Frage, ob Plattformen künftig auch für geteilten Inhalte haftbar gemacht werden und zu grundlegenden Änderungen ihrer Algorithmen gezwungen werden können – ein Schritt, der laut ZEIT-Redakteurin Lisa Hegemann potenziell wirksamer wäre als bloße Altersbeschränkungen.
Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema liefert auch das Interview von Netzpolitik-Redakteur Sebastian Meineck mit dem Medienrechtler Stephan Dreyer: Es zeigt, dass die Umsetzung von Social-Media-Verboten gerade in einzelnen EU-Ländern rechtlich vor zahlreichen großen Hürden steht und nicht so einfach ist, wie dies Politiker*innen aktuell verlauten lassen. Die Forschungslage ist komplex: Dass Social Media kausal die Ursache für psychische Krankheiten sein kann, sei extrem schwierig nachzuweisen und dem gegenüber stehen darüber hinaus die Bedenken von Kritiker*innen, dass mit Verboten zu schwer in die Teilhabe- und Kommunikationsrechte von jungen Menschen eingegriffen würde. Ihr merkt schon – hier haben wir eines unserer Dauerthemen für 2026.
Wie beliebt ist euer Wohnort auf Instagram & Co.?
Forscher*innen des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung in Zusammenarbeit mit der TU Dresden haben in einer Studie untersucht, wie stark Social-Media-Nutzung die Wahrnehmung und Attraktivität von Orten in Deutschland prägt: Auf Basis von 66 Millionen geo-referenzierten Posts aus den Jahren 2007 bis 2022, etwa auf Instagram, X oder Flickr, haben sie eine detaillierte „digitale Attraktivitätskarte“ erstellt, die zeigt, wo Tourist:innen und Einheimische am aktivsten ihre Eindrücke teilen.
Spoiler: Berlin ist natürlich Attraktion Nr. 1, vor allem bei Tourist*innen aus anderen Ländern; genauso wird an der Nord- und Ostseeküste, auf den Inseln und im Alpenvorland viel geteilt. Vergleicht man mal die Karte des RND, ergeben unsere beiden Projecter-Standorte Leipzig und Garmisch-Partenkirchen ein recht unterschiedliches Bild. In Leipzig teilen in- und ausländische Touris ziemlich gleichmäßig, während internationale Besucher*innen in Garmisch deutlich mehr zu posten scheinen – abgesehen von einem Punkt, wahrscheinlich dem Eibsee.


Die digitale Attraktivitätskarte von unseren Agenturstandorten Leipzig (links) und Garmisch-Partenkirchen (rechts), aufgeteilt in Posts von inländischen (rot) und internationalen Tourist*innen (blau; Quelle: RND).
Lesetipps & Empfehlungen
„Wir, aber besser“: Gefahren und Chancen von KI
Unser Lesetipp heute ist ein ganzes (!) Buch, das wir tatsächlich von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen haben … ganz ohne KI. Aber zugegebenermaßen auf einem Ebook-Reader. „Wir, aber besser“ von Gregor Schmalzried ist eine super Bestandsaufnahme zum aktuellen Diskurs über KI – aber immer mit einer optimistischen, und dennoch mindestens konstruktiven Note. Der Autor weist auf die Gefahren von KI hin, vor allem geht es ihm aber darum, die Chancen zu sehen und zu erklären, die uns sinnvoller KI-Einsatz bietet. Macht Spaß, bringt auf den aktuellsten Stand und ist gut geschrieben. Gregor Schmalzried schreibt außerdem einen empfehlenswerten Newsletter und ist Podcast-Host – natürlich zu KI-Themen.

Meme de Woche
Die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina sind gestartet und gerade die offiziellen Team-Outfits sorgen wieder für Gespräche – und für ziemlich viele Memes auf den Plattformen. Das deutsche Team nimmt den Spott über das eigene Design – Poncho und Anglerhut – auf dem eigenen Instagram-Account mit Humor. Finden wir cool und wünschen weiterhin ganz viel Erfolg! 🏅





