Annalena Blau

Corona, Präsentismus & Hustle Culture: Arbeitskultur im Wandel

Erinnert ihr euch noch an damals, als man mit Kopfweh, Halskratzen oder einer laufenden Nase einfach zur Arbeit ging? Diese Zeiten scheinen vorbei – zu groß ist die Gefahr, mit der eigenen etwaigen Infektion KollegInnen anzustecken und damit das gesamte Unternehmen lahmzulegen. Aber warum brauchte es erst eine internationale Pandemie, um kranke ArbeitnehmerInnen vom Arbeitsplatz fernzuhalten? Und was passiert, wenn der Arbeitsplatz jetzt das eigene Zuhause ist?

Präsentismus – (Sich) Krank arbeiten

Der Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK von 2019 zeigt, dass fast 24% der befragten AOK-Mitglieder krank an ihrer Arbeitsstelle erschienen, obwohl ihnen ÄrztInnen davon abgeraten hatten. Der sogenannte „Präsentismus“ macht seit einiger Zeit als Buzzword die Runde. Um aber einschätzen zu können, was damit auf rein wissenschaftlicher Ebene gemeint ist, hilft es, sich Gesundheit als ein Kontinuum vorzustellen. Auf dieser Grundlage wurden vom Soziologen und Sozialökonomen Alfred Oppolzer drei Stufen der Arbeitsfähigkeit definiert:

Wenn nun jemand auf Arbeit erscheint, den man in Stufe drei einordnen kann, dann spricht man von Präsentismus – einer zwanghaften Anwesenheit im Job, die aus gesundheitlicher Sicht bedenklich ist.

Ron Z. Goetzel und weitere WissenschaftlerInnen fanden in einer Studie von 2004 heraus, dass der Produktivitätsverlust durch Präsentismus für alle zehn üblichen Krankheiten, die sie in ihre Forschungen einbezogen hatten (z. B. Allergien, Migräne, Bluthochdruck und Depressionen) höher ausfiel als der Produktivitätsverlust durch Absentismus, also das Fernbleiben von der Arbeit ohne guten Grund. Wenn ein Infekt das Energielevel senkt, schafft man weniger. Werden dann noch scheinbar unproblematische Krankheiten nicht auskuriert, hat dies meist drastischere Wirkungen, als wäre die betreffende Person für ein paar Tage zu Hause geblieben. Die Folge: längere Fehlzeiten, weitere Infizierte am Arbeitsplatz und insgesamt höhere Kosten für das Unternehmen. Wie kommt es, dass wir einander so unbedingt beweisen wollen, dass wir produktiv sind?

Hustle Culture – Zwanghaft produktiv

„Rise and Grind“ statt „Rise and Shine”: Richtig viel zu tun zu haben (und das aller Welt zu zeigen) ist schwer in Mode. Das beginnt bei der Instagram-Story, die eine InfluencerIn beim Beantworten von Mails, Zubereiten einer Raw Chia Bowl und Durchführen ihrer Yoga Practice zeigt – alles vor 8 Uhr morgens, versteht sich. Enden kann es in zahllosen Überstunden, Erschöpfung und einem ausgewachsenen Burnout. „Hustle Culture“ nennt sich der Kult um grenzenlose Produktivität und man ist schnell unbemerkt ein Teil davon. Psychologe Bryan Robinson vergleicht den „Toil Glamour“ (quasi „Hochglanzschuften“) mit dem ehemals coolen Image von Zigaretten und Alkohol. Doch wie lange wird es dauern, bis wir verstehen, dass eine solche Arbeitskultur uns genauso nachhaltig schädigen kann wie Genussmittel, die eigentlich Drogen sind?

Wie Hustle Culture funktioniert

Das grundsätzliche Problem der Hustle Culture besteht darin, dass sich Betroffene äußeren und inneren Stressfaktoren vollkommen unterwerfen. Seien es Deadlines im Job oder der Wunsch, ArbeitgeberInnen, KollegInnen oder Angehörigen alles recht zu machen: Die Konzentration auf solche Faktoren führt letztlich dazu, dass eigene Bedürfnisse, die eigene Umgebung und das Selbst vernachlässigt werden. Robinson nennt das „Living From Outside In“, also die Fernsteuerung der eigenen Person durch äußere Einflüsse und scheinbaren Druck, den man sich selbst macht. Folgende Anzeichen können dafürsprechen, dass Hustle Culture bereits ein Teil eures Lebens ist:

Warum der Hustle uns krank macht

Dr. April Wilson von der Loma Linda University in Kalifornien erklärt das Problem mit einem Wortspiel: Hustle Culture degradiert uns vom menschlichen Wesen zum arbeitenden Wesen („Hustle culture is about being a human doing rather than a human being“). Und das hat direkte körperliche Folgen: Steht man unter ständigem Stress, produzieren die Nebennieren das Steroidhormon Cortisol, um den Körper auf die Flucht oder den Kampf vorzubereiten. Flüchten können wir nicht, aber wir kämpfen jeden Tag – darum, von ChefInnen wahrgenommen zu werden, darum aufzusteigen, Ansehen zu gewinnen und uns durchzusetzen.

Um sich von einem solchen Kampf zu erholen, bräuchten wir eigentlich ab und an eine längere Pause und die Möglichkeit, unsere Batterien wieder aufzuladen. Doch Hustle Culture macht diesem Ausweg durch Arbeit am Wochenende, eine mangelnde Inanspruchnahme von Urlaub und Co. einen Strich durch die Rechnung. Die Folge: Ein ständig erhöhtes Cortisollevel kann zu Bluthochdruck, erhöhten Blutzuckerwerten, dem Zerfall von Muskel- und Knochenmasse, einem geschwächten Immunsystem, verzögerter Wundheilung und sogar einer gestörten Funktion des Langzeitgedächtnisses führen.

Auch wenn Hustle Culture uns kurzzeitig das Gefühl vermittelt, wir hätten alles im Griff und wäre anderen voraus, leiden doch langfristig unsere physische und auch psychische Gesundheit. In der Konsequenz nehmen sogar unsere zwischenmenschlichen Beziehungen Schaden. Wir sind anfälliger für Krankheiten, leiden emotional und wir sterben früher – alles in allem keine Qualitäten einer ArbeitnehmerIn, die sich selbst und ihr Unternehmen langfristig glücklich macht.

Stop the Hustle – Den Kreis durchbrechen

Der Gegensatz zur Hustle Culture ist Robinson zufolge das „Living From Inside Out“ – die Kontrolle zu haben über alles, was einem im täglichen Leben begegnet. Ruht man in sich und hört auf die innere Stimme, die manchmal auch Bescheid gibt, wann man Schluss machen sollte, dann kann man sich Stressfaktoren mit dem nötigen Abstand stellen, anstatt sich von ihnen beherrschen zu lassen. Nur so sind fokussiertes Arbeiten und eine gesunde Trennung von Job und Privatleben möglich. Das sagt sich so leicht – aber wie kann man diesen Punkt realistisch erreichen? Theraupeutin Jacent Wamala hat ein paar Tipps:

Corona, Homeoffice-Alltag & Verschlimmbesserung

Vielen von uns mit Bürojob wurde zu Beginn der Corona-Zeit klar, welchen Stressfaktoren wir täglich ausgesetzt sind: Arbeitsweg, Berufsverkehr, Menschenmengen, Meetings, Geschäftsreisen, Bahn-Verspätung, Treffen mit FreundInnen, Dates mit PartnerInnen, Freizeitgestaltung, Sport, ÄrztInnenbesuche, Urlaubsplanung und so weiter. Plötzlich war Schluss mit all diesen Dingen und man atmete heimlich auf, als man im Homeoffice saß, eine Tasse Tee neben sich, und die Mails mit stornierten Konferenzen durchging. Die erzwungene Entschleunigung ließ uns spüren, dass wir schon Teil der Hustle Culture gewesen waren, ohne es zu bemerken. Man hatte nun wieder Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Waren wir also raus aus dem Hustle? War Präsentismus kein Problem mehr, weil man sich mit Krankheitssymptomen sowieso nur von der sitzenden Sofa-Position vorm Laptop in die liegende ohne Laptop begab?

Nein, natürlich nicht. Denn für die meisten wurde aus der anfänglichen Erleichterung schnell purer Stress: Neben der Arbeit zu Hause mussten Kinder betreut oder bei Schulaufgaben unterstützt werden. Auch nach den Lockerungen ist es häufig so, dass Kinder der KiTa oder Schule fernbleiben müssen, weil sie Erkältungssymptome zeigen (und das passiert bei Kindergartenkindern im Wochenrhythmus). Alle Elternteile im Homeoffice bekommen so also wieder den schwarzen Peter zugeschoben. Hinzu kommen weitere Faktoren, die auch Menschen ohne Kinder betreffen: Alles, was im Haushalt am letzten Abend liegengeblieben ist, macht uns am nächsten Morgen mit Beginn der Homeoffice-Zeit ein schlechtes Gewissen. Hinzu kommt mentaler Stress bei jedem Gang ins überfüllte Einkaufscenter und bei jeder Bahnfahrt, wenn wieder alle Umstehenden ihre Maske unter die Nase gezogen haben oder sie erst gar nicht tragen.

Und so beginnt der innere Druck auf eine ganz neue Art, uns mürbe zu machen. Die physische Trennung zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt zunehmend, man lässt sich leichter ablenken, ist aber auch schneller versucht, nach dem eigentlichen Feierabend doch noch eine Präsentation fertigzumachen oder ein paar Mails zu beantworten. Auch der Präsentismus schaltet sich wieder ein. Ach, es ist nur eine Erkältung, nicht Corona. Da kann man doch auch ein paar Stündchen arbeiten, vom Sofa aus. Es ist so einfach, so entspannt. In Wirklichkeit machen wir uns selbst etwas vor. Die Arbeit nimmt unser Privatleben in Anspruch und wir lassen es gerne geschehen.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass mit dem Wechsel vieler ins Homeoffice die Themen Hustle Culture und Präsentismus nicht Geschichte sind. Im Gegenteil gewinnen sie gerade jetzt, wo sich unser Arbeitsumfeld im Wandel befindet, an Macht. Corona und der heimische Arbeitsplatz wurden schnell zu Katalysatoren für Stresskultur, statt die erwünschte Entschleunigung zu bringen. Dagegen hilft, dass viele von uns mittlerweile ins Büro zurückgekehrt sind. Trotzdem lässt sich bereits die Bewegung hin zu mehr Homeoffice-Zeiten und einer weniger rigiden Arbeitsplatzsituation beobachten. Wir müssen daher mehr als je zuvor darauf achten, unsere Freiräume neben dem Job zu bewahren – nicht zuletzt auch, um während unseres Arbeitslebens lange aktiv, leistungsfähig und vor allem mit Begeisterung unseren Job ausüben zu können.

Quellen

1 Kommentar

Avatar
Mia09.10.202020:04Website
Euer Artikel ist ein Geheimtipp – weiter so! 😄

Schreiben Sie einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.