SEA News 06/2026: Münchner Urteil gegen Google, das Ende des Klicks & der Smart-Bidding-Gamechanger
Die KI-Suche wird erwachsen – mit allem, was dazugehört. Während Gerichte erstmals darüber entscheiden, wer für fehlerhafte KI-Antworten haftet, baut Google sein Bidding-Werkzeugkasten konsequent weiter aus und OpenAI treibt die globale Expansion seines Ads-Geschäfts voran. Wir haben uns durch die Flut an Updates aus dem Juni gewühlt und für euch herausgepickt, was wirklich zählt.
Google Ads
Google haftet ab jetzt für seine KI-Antworten
Gleich zwei Entwicklungen zeigen: KI-Antworten sind nicht mehr einfach nur neutrale Suchergebnisse. Das Landgericht München hat Google nämlich kürzlich zur Unterlassung verurteilt, nachdem die AI Overviews zwei Münchner Verlage fälschlich mit Betrugsmaschen in Verbindung gebracht hatten. Wichtig ist dabei vor allem die Begründung: Weil die KI die Inhalte selbst formuliert, sind die Overviews eben keine reinen Suchergebnisse mehr, sondern Googles eigene Aussagen. Und für die eigenen Aussagen haftet man, auch wenn man vorher abgemahnt wurde.
Zweitens zeigt eine Studie der Cornell University, wie leicht sich KI-Antworten manipulieren lassen: Schon ein einziger Kommentar mit 13 Wörtern auf Reddit, Wikipedia oder Quora reicht aus, um die Deep-Research-Funktionen von ChatGPT und Google zu „vergiften“ und Werbe- oder Spam-Inhalte einzuschleusen. Die KI-Modelle zitieren solche nutzergenerierten Inhalte in rund der Hälfte aller Anfragen und behandeln einen x-beliebigen Reddit-Kommentar dabei fast genauso vertrauenswürdig wie eine offizielle Quelle.
Das Münchner Urteil heißt im Klartext: Markensicherheit in KI-Antworten ist kein Nischenthema mehr, sondern hat jetzt einen echten rechtlichen Hebel. Und die Cornell-Studie liefert gleich den besten Beweis dafür, dass gutes Search Marketing in Zeiten von KI messbar wirkt, im Guten wie im Manipulativen. Wer das Thema noch belächelt, überlässt anderen das Feld, und das mit erschreckend wenig Aufwand.
Zwei von drei Google-Suchen enden ohne Klick
Rand Fishkin, Gründer des Analyse-Tools SparkToro, sorgt alle paar Jahre für unbequeme Schlagzeilen in der Branche, und diesmal ist sie besonders hart: Von Januar bis April endeten 68 Prozent aller Google-Suchen in den USA ohne einen einzigen Klick auf eine Website. Zum Vergleich: 2024 waren es noch gut 60 Prozent, vor zehn Jahren lag der Wert bei rund 45 Prozent. Der Trend ist also nicht neu, aber er beschleunigt sich spürbar.
Hauptverantwortlich dafür sind die AI Overviews, die mittlerweile bei über einem Fünftel aller Suchen erscheinen und die Klickrate auf die darunter angezeigten Ergebnisse um fast 60 Prozent einbrechen lassen. Auffällig: Der AI Mode trägt bisher kaum dazu bei, er steckt erst bei 0,34 Prozent aller Suchen, wächst aber von Quartal zu Quartal mit doppeltem Tempo.

Google Ads schraubt an Bidding, Display und Targeting
Display Ads wandern in Demand Gen: Werbetreibende können Platzierungen im Google Display Network jetzt direkt über Demand-Gen-Kampagnen steuern, behalten aber die Option, Anzeigen exklusiv im Display Network auszuspielen. Ein weiterer Schritt in Richtung konsolidierter, KI-gestützter Kampagnentypen. Folgerichtig im Sinne der Konsolidierung, allerdings auf Kosten der Möglichkeit, Display sauber isoliert zu steuern, ohne dass Demand Gen automatisch mitmischt. Wer bislang gezielt zwischen den beiden Kanälen unterschieden hat, muss sein Set-up entsprechend anpassen und genauer hinschauen, wo das Budget tatsächlich landet.
Prospect Mode für echte Neukundengewinnung: Im Rahmen von New Customer Acquisition gibt es jetzt die Beta Prospect Mode, die gezielt markenunbekannte Nutzer*innen anspricht. Aktuell nur als „Bid only for“ verfügbar – Google filtert dabei alle raus, die schon gekauft, nach der Marke gesucht, die Website/App besucht oder mit Content/Ads interagiert haben.

Endlich ein Tool, das Neukundengewinnung technisch wirklich umsetzt und nicht nur im Namen verspricht. Bisherige Ansätze zur Ansprache neuer Kund*innen blieben meist grobe Annäherungen, da die zugrunde liegende Ausschlusslogik kaum nachvollziehbar war. Entscheidend wird sein, wie zuverlässig Google bestehende Kund*innen in der Praxis tatsächlich herausfiltert, denn fehlerhafte Ausschlüsse würden sich unmittelbar auf das Budget auswirken. Bis belastbare Erfahrungswerte aus der Beta-Phase vorliegen, empfiehlt sich ein vorsichtiger Testlauf in kleinerem Rahmen statt eines sofortigen Roll-outs über den gesamten Account.
DSA-Migration zu AI Max verschoben: Die automatische Umstellung von DSA-Kampagnen auf AI Max verschiebt sich von September 2026 auf Februar 2027. Mehr Vorbereitungszeit, weniger Stress im umsatzstarken Q4. Die Migration ist damit nicht vom Tisch, sondern nur aufgeschoben: Wer den zusätzlichen Spielraum nicht nutzt, steht im Februar 2027 vor genau demselben Zeitdruck wie jetzt.
Limited Ad Serving wird strenger: Google weitet die Limited-Ad-Serving-Policy in der Suche aus – wer generischen Anzeigentext, unklare Markenidentität oder eine Historie negativen Nutzerfeedbacks hat, bekommt künftig bei bestimmten Suchen weniger Reichweite. Google empfiehlt stärkere Markensichtbarkeit in Anzeigen und Landingpages, weniger generische Botschaften, klare Kommunikation von Markenzugehörigkeiten und eine gepinnte Domain-Headline an erster Position. Wer hier nicht aktiv wird, riskiert, dass die Sichtbarkeit einfach so nachlässt, ohne dass es eine konkrete Abmahnung oder Warnung gibt. Besser also schon jetzt einen Blick auf Anzeigentexte und Landingpages werfen und checken, ob Marke und Botschaft klar genug rüberkommen.
Und das vielleicht wichtigste Update des Monats: Ab dem 17. August ändert Google das Verhalten zielbasierter Gebotsstrategien (Target CPA/Target ROAS) bei budgetlimitierten Kampagnen. Performance soll künftig konsequenter dem gesetzten Ziel folgen, statt vom Budget verzerrt zu werden. Beispiel: Eine Kampagne mit Target CPA von 10 Dollar, die aktuell nur 5 Dollar CPA erreicht, soll sich der 10 annähern, sofern niemand das Ziel anpasst. Umgekehrt soll eine Kampagne mit Target CPA von 5 Dollar, die aktuell bei 10 Dollar liegt, sich ebenfalls Richtung 5 bewegen. Ab dem 6. Juli steht dafür ein neues Bid Target Adjustment Tool bereit, mit dem sich historische Performance einsehen und Updates anwenden lassen. Während der Kalibrierungsphase kann es zu kleineren Schwankungen kommen.
Wenn das wirklich so funktioniert wie angekündigt, wäre das ein echter Gamechanger, denn genau diese Budget-Verzerrung gilt in der Branche seit Jahren als eines der größten Ärgernisse im Smart Bidding. Unabhängig davon empfiehlt sich eine frühzeitige Überprüfung der eigenen CPA- und ROAS-Targets, da sich diese sonst im August ungewollt verschieben könnten.
Merchant Center for Agencies mit neuen Rollen: Agency Admins behalten den vollen Überblick über alle verknüpften Accounts, verwalten Nutzer*innen, verknüpfen oder trennen Merchant-Center-Konten und vergeben Zugriffsrechte gezielt per „Labels“. Standard-Nutzer*innen hingegen sehen ausschließlich die Accounts, für die sie explizit freigeschaltet wurden, und können selbst nur Konten verknüpfen, auf die sie bereits Zugriff haben. Für Agenturen mit mehreren Kundenkonten eine längst überfällige Erleichterung im Rechtemanagement.
Google Analytics: Mehr Klarheit bei der Attribution
Google Analytics führt eine neue Source-Group-Dimension sowie Hostname-Filter ein, um Attributionsanalysen und Datenqualität zu verbessern. Source Group bündelt unterschiedliche Schreibweisen derselben Traffic-Quelle in einer Kategorie – Facebook-Traffic taucht also nicht mehr verstreut unter „facebook“, „fb“ & Co. auf. Eingebaut ist auch ein Grouping für aufstrebende Quellen wie ChatGPT (OpenAI) und Perplexity. Dass Google ChatGPT und Perplexity nun offiziell als eigene Traffic-Quellen-Gruppen vorsieht, unterstreicht, wie ernst KI-Plattformen mittlerweile als Trafficquelle eingestuft werden.
Microsoft Ads
Microsoft Ads launcht den Product Explorer: Eine zentrale Übersicht über Gesundheit und Performance des Produktkatalogs, filterbar nach SKU, Titel, GTIN und Produkt-ID – und eine spürbare Erleichterung für alle, die bislang manuell nach fehlerhaften Produkten im Feed gesucht haben.
Mehr News
Google macht eine frühere Umbenennung rückgängig: Aus „Maximize conversions with a Target CPA“ wird wieder schlicht Target CPA, aus „Maximize conversion value with a Target ROAS“ wieder Target ROAS.
OpenAI rüstet den ChatGPT Ads Manager spürbar nach. Neu dabei: Tagesbudgets und deutlich granulareres Standort-Targeting innerhalb der USA, zum Beispiel auf PLZ-Ebene. Anzeigen können künftig dynamische Call-to-Actions zeigen wie „Shop Now“, „Book Now“, „Sign Up“ oder „Learn More“. Daneben arbeitet OpenAI an Formaten, die gezielt auf direkte Handlungen wie Käufe, Terminbuchungen und Kontaktformular-Einreichungen ausgelegt sind, sowie parallel an einem Format, das mehrere Anzeigen gebündelt in einer Antwort platziert und nach dem aus dem klassischen Ad-Auktionsgeschäft bekannten Zweitpreis-Prinzip versteigert wird. Vom EU-Start ist weiterhin keine Rede, die genannte Expansion betrifft erstmal UK, Japan, Südkorea, Brasilien und Mexiko.
Lesetipp
Empfehlenswert ist ein neues Benchmarking-Tool von Channable, mit dem sich die eigene Google-Ads-Performance gegen den breiteren E-Commerce-Markt vergleichen lässt. Dafür aggregiert und anonymisiert Channable Daten aus über 10.000 Google-Ads-Accounts in der EU und im EWR – ein nützlicher Realitätscheck dafür, wo die eigenen Zahlen tatsächlich im Branchenvergleich stehen, unabhängig davon, wie sie intern bislang kommuniziert wurden.


